Wochenkommentar
Gross-Aarau und Gross-Baden sind noch weit, weit weg

Am Mittwoch hat der Regierungsrat das Entwicklungsleitbild 2013–2022 für den Kanton Aargau vorgestellt. Die Regierung unterstützt dabei «die Entwicklung der Städte Aarau und Baden zu urbanen Zentren mit wachsender nationaler Ausstrahlung».

Thomas Röthlin
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Das Projekt Gross-Baden befindet sich noch in weiter Ferne.

Das Projekt Gross-Baden befindet sich noch in weiter Ferne.

Aargauer Zeitung

Am Mittwoch hat der Regierungsrat das Entwicklungsleitbild 2013–2022 vorgestellt. Das Papier zeichnet nicht gerade ein Zerr-, aber doch ein Wunschbild eines Kantons, in dem die Wirtschaft boomt, die Umwelt geschont wird und alle Aargauer zufrieden und nett miteinander sind.

Der Regierung ist bewusst, dass es hierfür «mutige Konzepte» und «ein hohes Mass an Toleranz» braucht. Dass «diese Stossrichtungen während der Legislatur umgesetzt» werden, ist deshalb eine etwas übereifrige Zielsetzung. Die politische Machbarkeit wird weitgehend ausgeblendet.

Kein Beispiel veranschaulicht die Macht des Faktischen besser als die immer noch sehr kleinräumige Gemeindelandschaft, die nicht mit dem gesellschaftlichen Wandel einhergeht: Siedlungsgebiete wachsen zusammen, Bewohner bewegen sich zwischen Wohnort, Arbeitsstätte und in der Freizeit.

Der Regierungsrat schreibt im Leitbild, er unterstütze «die Entwicklung der Städte Aarau und Baden zu urbanen Zentren mit wachsender nationaler Ausstrahlung».

Das sagte er, damals noch etwas deutlicher, schon 2005, als er seine Wachstumsinitiative lancierte: Aus Aarau und Baden sollten «grosse Zentrumsgemeinden mit 50 000 bis 60 000 Einwohnerinnen und Einwohnern entstehen».

Rückschritte gab es in den vergangenen acht Jahren mehr als Fortschritt: Abgesehen von der Fusion von Aarau mit Rohr waren die Anstrengungen für moderne Strukturen in den beiden wachsenden Agglomerationen nicht von Erfolg gekrönt.

Gescheitert ist der Zusammenschluss von Baden und Neuenhof. Ausgerechnet das Stimmvolk der progressivsten Stadt im Kanton lehnte die Fusion im Juni 2010 ab. Der neue Stadtammann und bekennende Fusionsturbo Geri Müller nannte bisher keinen neuen Wunschpartner. Das tönt nach Abwarten.

Gefährdet ist die sogenannte Vision Aarau. Im November 2011 nahm der Stadtrat allen Mut zusammen und sagte: Am liebsten würden wir gleich mit zehn Nachbargemeinden fusionieren.

Neun Gemeinden unterschrieben eine Absichtserklärung, notabene für mehr Zusammenarbeit, die grösste Partnerin Suhr schert aus. Nur noch Einzelne wollen jetzt die Grundsatzvereinbarung zeichnen. Wer auch immer neuer Stadtpräsident von Aarau wird, dieses Projekt ist nicht das dankbarste Erbe.

Gerupft wurde die kantonale Gemeindereform. Das Volk sagte im September 2009 dreimal Nein: Nein zu einem fusionsfreundlicheren Finanzausgleich, Nein zu Zwangsfusionen von armen Gemeinden, Nein zu Pro-Kopf-Geldern für Fusionsprojekte. Übrig geblieben ist eine inzwischen vom Grossen Rat beschlossene pauschale Fusions-Subvention.

Im Entwicklungsleitbild greift der Regierungsrat nach den Sternen. Und wenn nicht alles täuscht, dann wissen das die fünf Mitglieder ganz genau. An der Medienkonferenz vom Mittwoch machten Susanne Hochuli, Roland Brogli, Alex Hürzeler, Urs Hofmann und Stephan Attiger jedenfalls sehr ernste Gesichter.