Der 2. Oktober 2018 ist der Tag, der das Leben einer Aargauerin für immer verändern wird. Wie so viele andere in halb Europa hat auch sie einen Spielschein für die abendliche Ziehung der Euro-Millions-Zahlen ausgefüllt. Ihr Einsatz: 24.50 Franken. Fast 183,9 Millionen liegen im Jackpot. Eine Person knackt ihn. Es ist die Aargauerin. «Ich habe die Zahlen gleich angeschaut», erzählt sie auf Anfrage in einem kurzen Gespräch. Sie glich die Zahlen mehrmals ab, bis sie begriff, dass sie den Jackpot tatsächlich als Einzige geknackt hat – und auf einen Schlag eine Multimillionärin geworden ist.

In England gehen Euro-Millions-Glückspilze an die Öffentlichkeit, lassen sich mit überdimensioniertem Check und Champagnerglas in der Hand fotografieren. Adrian und Gillian Bayford, Eltern zweier Kinder und aus einfachen Verhältnissen, gaben nach dem Rekordgewinn von 190 Millionen Euro im August 2012 (damals 228 Millionen Franken) sogar eine Medienkonferenz, die live im Fernsehen übertragen wurde. «Wir wollen unser Glück teilen», sagten sie. Das Glück hielt allerdings nicht lange. Ein Jahr später trennten sie sich.

Ganz anders verhalten sich Schweizer Lottomillionäre – so auch die Frau aus dem Aargau. Sie will weder ein Bild von sich noch ihren Namen in den Medien publiziert sehen. «Ich möchte anonym bleiben», sagt sie. «Ich hoffe, meine Privatsphäre wird respektiert.»

Wie alle Schweizer Millionen-Gewinner hat die Aargauerin von der Lotteriegesellschaft Swisslos eine Beratung erhalten. «Es ist ein Riesenunterschied, ob jemand eine oder fünf Millionen gewinnt – oder diesen Betrag», erklärt Swisslos-Mediensprecher Willy Mesmer. Eine Million ist ein angenehmes Pölsterchen auf der Seite. Aber 184 Millionen – ein solcher Betrag kann ein Leben auf den Kopf stellen.» Zur Anonymität rät er aus zwei Gründen: «So ein Betrag lockt gewisse Leute an, die alle möglichen Versprechungen abgeben. Es kann auch ein sozialer Druck entstehen, Geld für etwas geben oder spenden zu müssen.»

Der 184-Millionen-Gewinn ist der grösste der Schweizer Euro-Millions-Geschichte, der zehntgrösste Europas überhaupt. «So etwas erleben auch wir nicht alle Tage», sagt Mesmer. Bei Swisslos erfahren nur wenige Personen die Identität der Glückspilze. «Wir tun alles, damit die Gewinnerinnen und Gewinner anonym bleiben. Für die Beratung treffen wir sie deshalb nicht bei uns am Swisslos-Sitz in Basel, sondern an einem diskreten Ort.» Aus Vorsicht vor Paparazzi, wie Mesmer erklärt. «Einmal fiel mir auf, dass mehrmals derselbe Wagen vor unserem Gebäude stand. Darin sass ein Mann mit einer Fotokamera und einem grossen Objektiv. Da war der Fall klar.»

Die Aargauerin, die aus einfachen und bescheidenen Verhältnissen kommt, hätte ein Vermögen an Steuern sparen können, wäre sie bis Ende 2018 in eine Steueroase eines anderen Kantons gezügelt. Sie entschied sich dagegen. «Ich will hierbleiben», sagt sie. Ihr Leben will sie – so gut es geht – weitgehend weiterleben wie bisher. Ihre Stelle hat sie nicht gekündigt. Wie reagieren Leute, die vom Gewinn gehört haben? «Sie sind zurückhaltend. Wenige sprechen mich auf den Gewinn an.» Sie würden sich freuen, dass sie «normal» geblieben sei.

So profitiert die Gemeinde

Roger Federer hat in seiner Karriere bisher 122 Millionen Franken an Preisgeldern erspielt. Ein Betrag in dieser Grössenordnung wird der Gewinnerin nach Zahlung der Steuern bleiben – ausser ihr steuerrelevantes Einkommen und Vermögen hätten sich, etwa durch Spenden, massgeblich reduziert. Je nach Wohnort spült der Riesengewinn bis zu 70,1 Millionen Franken in die Kassen von Bund, Kanton und Gemeinde. Rechnet man mit 183,9 Millionen Franken Einkommen und Vermögen, würde der Kanton Aargau 23,1 Millionen erhalten, der Bund 21,2 Millionen. Bei der Gemeinde hängt der Betrag vor allem vom Steuerfuss für 2018 ab, der Zivilstand macht bei dieser Summe einen kleinen Unterschied: Oberwil-Lieli mit dem tiefsten Aargauer Steuerfuss von 57 Prozent würde demnach 11,7 Millionen erhalten, bei den sieben Aargauer Gemeinden mit dem höchsten Steuerfuss von 125 Prozent wären es 25,8 Millionen Franken.

Der Gemeindeammann am Wohnort der Frau äussert sich auf Anfrage nicht zum Gewinn und zum baldigen Steuersegen. Dass er sich auf diesen freuen kann, steht aber ausser Frage. Die Aargauerin muss ihn in ihrer diesjährigen Steuererklärung angeben. Stichtag ist nicht etwa der Zeitpunkt der Auszahlung, sondern der Tag der Ziehung, sprich der 2. Oktober 2018.

(Artikel vom 30. März 2019)