Mettauertal: Viel Mut und neue Häuser im «Tal der Sonne»

Wäre Mettauertal flach, könnte man 3019 ganze Fussballfelder einzeichnen. 2156 Hektaren, also 21 Quadratkilometer Fläche: Keine Gemeinde im Kanton ist grösser – und keine Gemeindefusion war bislang grösser. Mit Etzgen, Hottwil, Mettau, Oberhofen und Wil schlossen sich vor fünf Jahren gleich fünf Orte zusammen.

Landammann Urs Hofmann lobte die «Pionierarbeit» und schwärmt bis heute vom Mettauertal als Vorbild. «Das war unglaublich emotional», erinnert sich Gemeindepräsident Peter Weber.

Doch nicht alles lief wie geplant: Das benachbarte Gansingen hätte auch mitvereinigt werden sollen, das Stimmvolk entschied aber dagegen. Heute ist man «freundschaftlich benachbart». Die Feuerwehr wird gemeinsam gestellt, das Bergturnfest 2014 wurde gemeinsam organisiert.

In Mettau steigen wir an diesem Julimittwoch in Peter Webers Mercedes. Mit zwei gesunden Beinen kommt man wohl weit – aber nicht genug weit, um das ganze Mettauertal an einem Vormittag zu sehen. Hinter uns: das Verwaltungszentrum.

Das über 100-jährige Schulhaus wurde nach dem Zusammenschluss zum Gemeindehaus umgebaut. Wir fahren taleinwärts. Nach wenigen Abzweigungen geht es steil hinauf, heraus aus dem Dorf Wil, hinein in den Rebberg.

Beschauliches Dorfleben und viele Reben: Ein Augenschein im Mettauertal.

Beschauliches Dorfleben und viele Reben: Ein Augenschein in Mettauertal.

Auf der obersten Terrasse halten wir, steigen aus. In der warmen Sommerluft kreisen zwei Mäusebussarde, die Rebstöcke sind voll besetzt mit weissen Trauben, vom Talboden her tönen ein Traktor und eine Fräsmaschine. Von hier aus überblicken wir fast das ganze Tal.

Am linken Ende ragt der 145 Meter hohe Funkturm aus dem Geissberg, am rechten Ende fliesst ruhig der Rhein in Richtung Laufenburg. «Es ist ein Traum, hier zu leben», sagt Weber. «Sehen Sie sich diese Landschaft an. So lieblich, so ruhig!»

Gepflegt wird diese Landschaft vor allem von den Landwirten. Erst nach der Fusion wurden zwei Gemeindearbeiter angestellt, im Stundenlohn. Sie kümmern sich um Strassen, Wege, Plätze. Ihr Pensum: 70 Prozent – beide zusammen.

Die Bauern hätten es «hart», sagt Weber, sie lebten vor allem von Direktzahlungen. Er sagt aber auch: «Die Landschaft ist unser Kapital. Wir müssen unsere Grösse als Chance nutzen.»

Für eine halbe Million Franken ist ein Wald- und Naturzentrum mit Ausstellung, Schulungsraum und Baumlehrpfad geplant. Bereits zahlreich Touristen ins Tal bringen zwei Projekte, die privat betrieben werden: Der Campingplatz Waldesruh in Wil und das Gästehaus Flösser in Hottwil.

Bis 2013 war das Gästehaus ein Schulhaus; wo früher Kinder auf keinen Fall schlafen durften, schlafen heute ganze Klassen. Weber sagt: «Wir sind eine Tourismusregion, wir haben es nur noch nicht entdeckt.»

Wir fahren wieder hinunter, dann zum Taleingang nach Etzgen. Weber zeigt auf eine grosse Wiese rechts der Strasse. Hier, neben dem Areal des Werkzeug- und Formenbauers Jehle, sollen 300 neue Arbeitsplätze entstehen. Ziel ist, einen Gewerbepark zu bauen. Auch neue Wohnungen und Einfamilienhäuser werden fleissig gebaut, 25 Einheiten entstehen derzeit.

Mutig sein und etwas wagen: Das hat sich der Gemeinderat ins Leitbild geschrieben. Meistens kommt das gut an. Etwa, wenn der Gemeinderat einen Holzschnitzel-Wärmeverbund für ein neues Wohnquartier baut.

Manchmal auch nicht. Etwa, wenn er das Etzger Schulhaus schliessen will. Künftig sollen alle Schüler nach Wil. Die Etzger wehrten sich, das habe man jetzt von der Fusion, hiess es.

Das Abstimmungsresultat nach hitziger Diskussion: 220 Ja- zu 218 Nein-Stimmen. Das Referendum steht, ein Urnengang folgt. Ist die Grösse doch mehr Risiko als Chance?

Weber sagt: «Meine Aufgabe ist es nicht, allen zu gefallen. Natürlich gehen wir manchmal ein hohes Risiko ein. Aber wir müssen uns bewegen, es gibt keine Alternative.»

Kaiserstuhl: Viele Sorgenkinder im Idyll am Rhein

Gerade einmal 32 Hektaren: Gemeinsam mit dem Winzerdörfchen Rivaz am Genferseeufer ist Kaiserstuhl die kleinste Gemeinde der Schweiz – und dementsprechend die kleinste Gemeinde im Kanton Aargau. Die Schlussfolgerung, nach der klein auch fein bedeutet, trifft zu: Was vor rund 800 Jahren auf den paar hundert Metern zwischen der heutigen SBB-Bahnlinie und dem Rheinufer in den Hang gebaut wurde, ist ein Bijou: herrschaftliche Häuser mit hohen Giebeln, steile Gassen mit viel Grün, Rinnen und Plätze aus Bollensteinen, die katholische Kirche St. Katharina mit ihrem imponierenden Schmuck aus Gips, Holz, Stein.

Doch das Bijou glänzt längst nicht mehr wie einst: Die Jungen ziehen weg, Familien mit Kindern gibt es nur eine Handvoll, Land zum Bauen ist praktisch nicht vorhanden. Gemeindeammann Ruedi Weiss, altersmässig eigentlich pensioniert, erst 2012 ins Städtli gezogen und bald darauf gewählt («Ich habe einmal zu viel Ja gesagt»), sitzt in der Gartenbeiz des «Kreuz». Er sagt: «Das Einzige, was uns bleibt, ist die Flucht nach vorne.»

Auf dem Tisch liegt eine Karte in einem Sichtmäppchen: «Teilzonenplanänderung Bahnhof». In ihm ruhen die grössten Hoffnungen, die Ruedi Weiss noch hat.

Die Problemstellung: Schon bald wird Kaiserstuhl nicht mehr von den jetzigen Postautos bedient, sondern von neuen Gelenkbussen. Der Platz zum Wenden wird dann zu eng – schon jetzt muss der Chauffeur aufs Trottoir ausweichen, um genug auszuholen. Und auch dann hat man beim Zuschauen jedes Mal Angst, mit dem Rückspiegel nehme er die Lampe aus der Gartenbeiz des «Kreuz» mit.

Kaiserstuhl: Das Stedtli am Rhein, wo Statuen und Schwimmer sich sonnen.

Kaiserstuhl: Das Stedtli am Rhein, wo Statuen und Schwimmer sich sonnen.

Die Lösungsidee: Die Postautohaltestelle parallel zur Bahnlinie hin verlegen. Dafür würde eine neue Strasse in die grüne Wiese gebaut werden, und dafür müssten die einzigen zwei verbliebenen, kleinen Bauzonen zusammengefasst und dorthin verlegt werden.

Dabei würde eine dreieckige Parzelle entstehen, die Platz böte für einen Neubau. Dieser könnte die grössten Probleme Kaiserstuhls lösen:

Endlich gäbe es Wohnungen für die zahlreichen Senioren aus der Altstadt, die ab einem gewissen Alter nicht mehr die Treppen ihrer Häuser hinaufkommen. Endlich hätte man einen Ersatz für das unrentable, da platzmässig beschränkte Stadtlädeli. Und endlich hätte man ein Projekt, das einmal nicht nach Resignation, sondern nach Hoffnung tönt.

Das Problem dabei: Der Kanton ist nicht einverstanden. Kaiserstuhl steht unter Denkmalschutz, und dessen Hüter sagen, der Neubau würde den Blick auf den historischen Stadtturm versperren.

Verständnis für diese Haltung hat Ruedi Weiss nur sehr beschränkt. «Heute versperren Tannen den Blick genauso. Das hat noch nie jemanden gestört.» Jetzt muss zuerst eine Volumenstudie erstellt werden, «um zu beweisen, dass die Sicht nicht behindert wird». Zeit bleibt nicht mehr viel, soeben verzögerten die öV-Anbieter den Start der Gelenkbusse ein letztes Mal.

So idyllisch das Städtchen am Hang liegt, so viele Sorgenkinder halten sich in seinen Mauern versteckt: Die meisten Häuser müssten längst saniert werden, überall sieht man Schilder von Immobilienmaklern, die Häuser oder Wohnungen zum Verkauf oder zur Miete anbieten. Um sie wieder mit Leben zu erfüllen, organisierte der Stadtrat im Frühling einen Wohntag.

Eigentümer und Makler zeigten ihre Objekte, 500 Interessierte kamen. «Die, die kamen, waren begeistert», sagt Weiss. Er hofft, bald wieder mehr Autos mit Aargauer Schildern zu sehen.

Denn die Deutschen, die tagsüber am Bahnhof gratis parkieren und nach Zürich pendeln, bringen auch kein Geld. Verwaltet wird Kaiserstuhl im Verbund mit sechs anderen Gemeinden. Eine Fusion werde aktuell aber «nicht offen diskutiert», sagt Weiss. «Wir würden aber gerne.»