Epidemie
Grippewelle im Aargau: Kaum noch Platz, um Patienten zu isolieren

Die Zahl der Grippefälle hat auch im Aargau in den letzten Wochen massiv zugenommen. Eine Herausforderung für Spitäler und Pflegeheime.

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«Es ist einem hundeelend»: Anders als bei einer Erkältung ist man bei einer Grippe tagelang ans Bett gefesselt. (Archiv)

«Es ist einem hundeelend»: Anders als bei einer Erkältung ist man bei einer Grippe tagelang ans Bett gefesselt. (Archiv)

zvg

Ein Pandemiefall lag letztmals 2009 vor, als sich die sogenannte Schweinegrippe, ein neues Virus, von Mexiko aus über die ganze Welt verbreitete. So schlimm ist es jetzt bei weitem nicht, aber die saisonale Grippewelle hat definitiv auch die Region erfasst. Bei einem Wert von 70 liegt der epidemische Schwellenwert für die sogenannte Inzidenz, die hochgerechnete Anzahl von grippebedingten Arztkonsultationen pro 100 000 Einwohner. In der Nordwestschweiz ist die Inzidenz innert Wochenfrist von 66 auf 189 gestiegen. Im Aargau wurden seit Anfang Jahr 161 Fälle von Grippe gemeldet, im Januar 2014 waren es nur 12.

«Aktuell testen wir pro Woche etwa 90 Patienten bei klinischem Verdacht, der sich dann auch in fast 50 Prozent der Fälle bestätigt», sagt Christoph Fux, Chefarzt Infektiologie am Kantonsspital Aarau. Hospitalisiert sind in Aarau 26 Erwachsene mit Influenza. Bei Grippe-Patienten, die stationär behandelt werden müssen, handelt es sich meistens um solche mit einem geschwächten Immunsystem, sei es aufgrund des Alters oder anderen Erkrankungen wie Diabetes oder Asthma.

Grippefälle in der Nordwestschweiz.

Grippefälle in der Nordwestschweiz.

AZ

26 Hospitalisierungen, das klingt so dramatisch auch wieder nicht. Aber: «Wir haben die letzten Betten gefüllt und müssen schauen, wo die Leute untergebracht werden können», so Fux im Regionaljournal von SRF. Der Platz wird knapp, weil Grippe-Patienten in Aarau konsequent isoliert werden, um Ansteckungen im Spital so weit wie möglich zu verhindern. Nach Schätzungen der Spitalhygiene-Vereinigung Swissnoso sterben in der Schweiz jährlich bis zu 300 Menschen, weil sie sich im Spital mit der Grippe angesteckt haben. Für diese Ansteckungen wiederum wird hauptsächlich die tiefe Impfrate beim Pflegepersonal verantwortlich gemacht.

Impfskepsis beim Personal

Auch am Kantonsspital Aarau ergab eine detaillierte Umfrage beim Personal, dass erstens eine starke Impfskepsis herrscht, zweitens vehement auf die Freiwilligkeit von Impfungen beharrt wird und man drittens auch die Bewahrung der Anonymität bezüglich des Entscheids für oder wider Impfung verlangt. «Aufgrund der Impfskepsis haben wir eine andere Strategie gewählt. Wir haben unsere Isolationsbemühungen gesteigert und diagnostizieren Influenza-Fälle forciert», so Fux. Nicht nur die Mitarbeitenden, auch alle Patienten und Besucher werden angehalten, bei Anzeichen eines Luftweginfekts Schutzmasken zu tragen.

Das heisst nicht, dass man nicht weiterhin zur Impfung motivieren würde. So zum Beispiel auch im Kantonsspital Baden, wo sich jedes Jahr die Mitglieder des Verwaltungsrats und der Geschäftsleitung als erste impfen lassen, um mit gutem Beispiel voranzugehen. «Wir investieren jedes Jahr sehr viel in die Information und Organisation der Impfung, so Mediensprecher Marco Bellafiore.

Gratis-Impfung für Heimbewohner

Die krankheitsbedingten Ausfälle beim Personal halten sich denn auch trotz allgemein markanter Grippe-Zunahme im üblichen Rahmen, wie eine Umfrage bei mehreren Aargauer Spitälern und Pflegeheimen ergab. Aarau meldet «keine übermässigen Krankheitsausfälle ausser in wenigen Bereichen wie zum Beispiel der Kinderklinik». «Vergleichbar mit anderen Jahren», heisst es aus Baden. Im Vergleich zum Vorjahr mit dem milden Winter verzeichne man zwar einen deutlichen Zuwachs an Grippe-Patienten, stelle aber keine aussergewöhnlichen Absenzen beim Personal und den Bewohnern der Pflegeabteilung fest, sagt auch Daniel Schibler, Direktor des Spitals Menziken.

Eine «ganz normale» Anzahl an Grippe Erkrankter – Mitarbeiter wie Bewohner – meldet auch das Reusspark Zentrum in Niederwil. Hier ist die Grippeimpfung übrigens nicht nur für das Personal kostenlos, sie wird auch den Bewohnern nicht in Rechnung gestellt. Diese Saison hätten sich 198 der 300 Bewohner impfen lassen, so Direktor Thomas Peterhans. Strikte Hygienevorschriften – im Gesundheitszentrum Fricktal zum Beispiel ist bei Kontakt mit Patienten mit jeglicher Infektionskrankheit das Tragen von Schutzmasken vorgeschrieben – in Kombination mit einer hohen Impfrate bei den Senioren: Das dürfte mit ein Grund sein, dass man trotz insgesamt stark steigender Zahl der Fälle und Impfskepsis beim Personal in vielen Heimen wie etwa in der Pflegi Muri «im Moment nichts von einer Grippewelle spürt», wie Direktor Thomas Wernli sagt.

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