Kontroverse

Gretchenfrage: Ist der Aargau ein Industrie- oder ein Tourismuskanton?

Industrie- oder Tourismuskanton? Volkswirtschaftsdirektor Urs Hofmann sieht den Aargau vor allem als starken Industriekanton. Dem widerspricht Aargau-Tourismus-Geschäftsführerin Andrea Lehrer. Was gilt jetzt?

Der diesjährige kantonale Tourismusgipfel stand ganz im Zeichen der «Sichtbarmachung» des Aargaus nach aussen. Statt wie bisher auf mehrere Regionen verteilt zu sein, findet man ihn auf der Landkarte von Schweiz Tourismus künftig als eigenständige Destination. Davon versprechen sich Aargau-Tourismus-Präsidentin Kathrin Scholl und Geschäftsführerin Andrea Lehner viel. Scholl will all die vorhandenen touristischen Perlen zu einer Perlenkette verbinden und so die Sichtbarkeit noch verstärken.

Für diese Sichtbarmachung ist es auch aus Sicht von Landstatthalter und Volkswirtschaftsdirektor Urs Hofmann höchste Zeit. Er schränkte in einem von TV-Moderatorin Eva Wannenmacher eloquent geleiteten Podium aber gleich ein: «Der Aargau versteht sich in keiner Art und Weise als Tourismuskanton. Er ist der stärkste Industriekanton der Schweiz und er sieht sich auch so.»

Als Wirtschaftskanton spiele er in der Super League. Das touristische Dachmarketing sei eine Nebenerscheinung, ein Mauerblümchen. Davon erwarte man sich keine grosse Wertschöpfung. Das Dachmarketing soll helfen, das Image nach aussen zu stärken, gewissermassen eine Klammer um den Aargau zu bilden. Man wolle ein selbstbewusstes Auftreten des Kantons. Er werde heute bereits deutlich besser wahrgenommen, wie man beim Lesen der «NZZ» sehe. Der Tourismusbereich könne in einer Hilfsfunktion zum Bekanntmachen auch des kulturellen Angebots im Aargau und seiner schönen Landschaften in der Schweiz imagebildend einen Beitrag leisten. Unter diesem Gesichtspunkt habe man Gelder lockermachen können.

Lehner: ein Tourismuskanton

Da musste Aargau-Tourismus-Geschäftsführerin Andrea Lehner widersprechen: Doch, der Aargau sei ein Tourismus- und auch ein Freizeitkanton. Er sei kein Ferienkanton und die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus im Aargau sei klein, räumte sie ein. Lehner ist aber überzeugt, dass man dem Aargau auch nach aussen ein Gesicht geben und zeigen kann, dass hier auch die «weichen Faktoren» stimmen. Ihre Hoffnung ist offenkundig, mit guten Angeboten auch mehr Tagesausflügler und Kurzaufenthalter in den Kanton zu locken.

Lehners neuer Trumpf ist der eigenständige Auftritt des Aargaus auf der Tourismuslandkarte. Diesen Joker will sie nutzen. Ihr gibt nämlich sehr zu denken, dass der Aargau bisher kaum als Tourismusdestination wahrgenommen wird. Zum Beispiel seien in einem deutschen Prospekt mit 1000 Schweizer Reisezielen nur zwei, drei aus dem Aargau zu finden. Das Geld, das Aargau Tourismus für drei Jahre zur Verfügung hat (Lehner hofft natürlich auch danach auf finanzielle Mittel), will sie nutzen, um den Aargau gerade über den «Mega-Multiplikator Schweiz Tourismus» sichtbarer zu machen. Lehner: «Die Investition wird sich lohnen.»

Hofmann seinerseits betonte, der Aargau gebe nicht Steuergeld aus, um einzelne Wirtschaftszweige zu unterstützen. Wenn man den Tourismus so sähe, wäre dies seines Erachtens das beste Argument, um den Betrag für den Tourismus in der nächsten Budgetdebatte zu streichen. Die Regierung sehe das touristische Dachmarketing als Unterstützung für den Auftritt des Kantons. Dafür sei man bereit, Gelder einzusetzen.

Man wolle nicht, dass jemand bloss hierher zügelt, weil das Wohnen in Zürich und Zug zu teuer ist. Hofmann: «Wir wollen, dass die Leute kommen, weil sie sehen, was der Kanton zu bieten hat.» Wenn es gelinge, diese Botschaft via Aargau Tourismus hinüberzubringen, wäre eine Mehrheit für die Finanzierung da.

Auch az bildet Klammerfunktion

Urs Hofmann ist froh, dass die az ebenfalls eine Klammer um den Kanton bilden will. Da klinkte sich Thomas Röthlin, stellvertretender Chefredaktor der az, gern ein. Die az wolle diese Klammerfunktion künftig verstärkt wahrnehmen und gute Storys aus den Regionen allen Leserinnen und Lesern zugänglich machen. Zur Identitätsbildung im Kanton der Regionen trage sie gern auch mit dem Leserwandern bei. In diesem Sommer erfolgt der Start am 7. Juli.

Meistgesehen

Artboard 1