Wildegg/Siggenthal
Grenzwerte überschritten: Kanton ordnet Sanierung von Zementwerken an

Bei einigen Luftschadstoffen werden Grenzwerte in Wildegg und Siggenthal überschritten – die Abteilung für Umwelt verlangt nun Verbesserungen

Fabian Hägler
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Jura Cement Wildegg: Bei der Produktion entstand das krebserregende Benzol, bis Ende 2020 müssen alle Grenzwerte eingehalten werden.

Jura Cement Wildegg: Bei der Produktion entstand das krebserregende Benzol, bis Ende 2020 müssen alle Grenzwerte eingehalten werden.

Pascal Meier

«Zementwerke sind Dreckschleudern» – unter diesem Titel berichtet das Konsumentenmagazin «Saldo» über den Schadstoffausstoss von zwei Aargauer Fabriken. In der Kritik stehen laut dem Artikel die Werke von Jura Cement in Wildegg und Holcim in Siggenthal. Auswertungen zeigten: die Zementfabriken stossen oft mehr Schadstoffe (siehe Box) aus als erlaubt.

Besonders heikel ist dies laut «Saldo» bei Jura Cement. «Die Fabrik in Wildegg bläst krebserregendes Benzol in die Luft», schreibt das Magazin. Das Werk habe im letzten Jahr an 172 Tagen die Grenzwerte für Benzol überschritten, im Jahr 2016 waren es 39 Tage mit zu hohen Emissionen, und auch in den vorhergehenden Jahren seien die Limiten nicht eingehalten worden. Deshalb erliess der Kanton im Dezember 2016 eine Sanierungsverfügung für das Werk und ordnete an, die Benzolemissionen müssten kontinuierlich gesenkt werden. Spätestens ab dem 31. Dezember 2020 müssten die Grenzwerte dann vollumfänglich eingehalten werden.

Benzol, Stickoxid und Co.: Das sind die kritischen Stoffe

Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO ist Benzol krebserregend und giftig. Der Stoff, der primär durch Abgase von Benzinmotoren freigesetzt wird, begünstigt demnach unter anderem
die Entstehung von Leukämie.

Das farblose, stechend riechende und sauer schmeckende Schwefeldioxid
ist ein giftiges Gas. Es trägt zur Luftverschmutzung bei und ist der Auslöser
für sauren Regen, der Waldsterben
verursacht und Gewässer schädigt.
Wie gefährlich die Stickoxide für die Gesundheit sind, wird im Rahmen der Dieseldebatte momentan vor allem in Deutschland kontrovers diskutiert. Klar ist, dass der Schadstoff, der unter anderem aus Dieselmotoren entweicht, die Atemwege reizt und schädigt.

Problematisch für die Böden und das Grundwasser ist Ammoniak. Das gif-
tige Gas reizt aber auch Menschen
zu Tränen, belastet die Atemluft und beschleunigt den Klimawandel.

Wildegg: Kanton griff ein

Heiko Loretan von der kantonalen Abteilung für Umwelt bestätigt dies auf Anfrage der AZ. Loretan sagt, 2014 und 2015 seien bei jährlichen Emissionsmessungen bei Jura Cement «Grenzwertüberschreitungen in Bezug auf den Schadstoff Benzol festgestellt worden». Über die Entstehung von Benzol bei der Zementherstellung war bis dahin nur wenig bekannt. Deshalb liess der Kanton in Wildegg – als erstes Zementwerk in der Schweiz – als Sofortmassnahme ein neuartiges Messgerät installieren. Damit wird die Benzol-Belastung kontinuierlich gemessen, Jura Cement nahm das Gerät im Mai 2016 in Betrieb. Die Resultate der Messreihen hätten Hinweise auf die Gründe der erhöhten Benzolwerte ergeben und Gegenmassnahmen ermöglicht, sagt Loretan.

Marcel Bieri, Leiter Produktion bei Jura Cement in Wildegg, hält fest, man habe die Sanierungsverfügung des Kantons akzeptiert. «Es ist auch in unserem Interesse, dass wir möglichst rasch Verbesserungen erzielen und die Vorgaben der Verfügung einhalten.» In der Fabrik in Wildegg seien die nötigen Umbauten und Anpassungen an der Anlage bei der Jahresrevision im Januar 2018 vorgenommen worden. «Zusammen mit Optimierungen bei der Prozesssteuerung hat dies zu einer starken Verbesserung der Situation geführt», betont Bieri. Seit dem 9. März dieses Jahres würden alle Tageswerte bei Benzol und flüchtigen organischen Verbindungen wie zum Beispiel Methan eingehalten. Die Forderung der kantonalen Verfügung sei damit momentan erfüllt, hält Bieri fest. «Wir sind zuversichtlich, dass wir diese tiefen Emissionswerte auch in Zukunft halten können.»

20 Millionen für Filter?

Heiko Loretan vom Kanton bestätigt, dass Jura Cement beim ersten Teil der Verfügung auf Kurs ist. «Ob die gesetzlichen Vorgaben bis Ende 2020 zuverlässig eingehalten werden können, wie es der zweite Punkt der Sanierungsverfügung verlangt, kann zum heutigen Zeitpunkt noch nicht abschliessend beurteilt werden», hält er fest. Die Abteilung für Umwelt stehe in regelmässigem Kontakt mit dem Werk in Wildegg und erhalte alle drei Monate die Protokolle zu den kontinuierlichen Benzolmessungen. Die bisherigen Resultate dieser Messungen stimmen den kantonalen Luftexperten zuversichtlich.

Bisher hat Jura Cement laut Produktionsleiter Bieri mehrere hunderttausend Franken investiert, um den Benzolausstoss zu reduzieren. Sollte es der Firma nicht gelingen, bis Ende 2020 alle Grenzwerte einzuhalten, würde dies weit höhere Kosten nach sich ziehen. In diesem Fall könnte der Kanton Betriebseinschränkungen und die Installation einer neuen Filteranlage verfügen. «Für eine solche Lösung rechnet Jura Cement mit einer Zeitspanne von zwei Jahren und Kosten von 15 bis 20 Millionen Franken», sagt Heiko Loretan.

Siggenthal: Filter repariert

Nicht beim Benzol, aber bei diversen anderen Schadstoffen hat das Zementwerk von Holcim in Siggenthal Station in den vergangenen Jahren die Grenzwerte verletzt. «Saldo» berichtet von zahlreichen Überschreitungen bei Ammoniak, Schwefeldioxid, Stickstoffoxid und Staub. Laut Heiko Loretan lag der Grund für die zu hohen Werte bei Schwefeldioxid und Staub bei Problemen mit der Abgasbehandlung. «Inzwischen konnten die Probleme mit dem Aktivkohlefilter behoben werden, im Jahr 2017 traten keine Grenzwertüberschreitungen mehr auf», hält er fest.

Holcim Siggenthal: Die gesenkten Stickoxid-Limiten wurden nicht eingehalten, der Kanton hat eine Sanierungsfrist bis Ende 2021 gesetzt.

Holcim Siggenthal: Die gesenkten Stickoxid-Limiten wurden nicht eingehalten, der Kanton hat eine Sanierungsfrist bis Ende 2021 gesetzt.

Alex Spichale

Nadia Bohli, Sprecherin der Betreiberfirma Holcim, hält fest: «Siggenthal verfügt als weltweit einziges Zementwerk über einen Aktivkohlefilter, der unsere Abgasqualität weit unter die geforderten Normen bringt, und das schon seit über 20 Jahren.» Bohli sagt, auch die Grenzwertüberschreitungen bei Ammoniak seien darauf zurückzuführen, dass man den Filter zeitweise nur reduziert habe nutzen können. «Nach dem Brandschaden 2014 musste der Filter repariert werden, seit Mitte 2016 funktioniert er aber einwandfrei.»

Massnahmenplan erstellt

Probleme gab es auch mit Stickoxid. Kurz nach der Verschärfung des Grenzwertes von 800 auf 500 mg pro Kubikmeter Anfang 2016 sei es zu Überschreitungen gekommen, wie Loretan sagt. Der Kanton habe deshalb für das Werk eine Sanierungsverfügung mit Frist bis Ende 2021 erlassen.

Holcim-Sprecherin Nadja Bohli räumt ein, bei Betriebsstörungen habe es «kleine Überschreitungen des neuen Grenzwertes» gegeben. Der Jahresschnitt der Emissionen liege mit 463 mg dennoch «deutlich» unter der Limite von 500 mg. Weiter sagt sie, Holcim habe nach der Verfügung des Kantons einen Massnahmenplan erstellt.

Nadja Bohli betont, Reparaturen oder technische Anpassungen würden kontinuierlich vorgenommen und die Anlagen damit dem Stand der Technik angepasst. «In diesem Jahr haben wir bereits rund 1 Million Franken investiert», hält die Sprecherin fest. Auch mit redundanten Systemen liessen sich «einzelne kurze Ausfälle von Installationen zur Emissionsreduktion» aber nicht gänzlich verhindern. Dies könne zu Überschreitungen von Stunden- oder vereinzelt Tageswerten führen.