Wer im Aargau ankommen will, wird zuerst nach dem Nachnamen gefragt. Die Stoffetiketten, die man sich aufs Hemd, das Kleid, die Bluse klebt, sind am «Welcome Desk» nach Anfangsbuchstaben sortiert. Der Anlass, an dem man sich kennen lernen möchte, heisst «Aargau – my place»: So steht es gross in waldgrüner Schrift über einer idyllischen Landschaftsaufnahme, vorne Rebberge mit Wandergruppe, hinten Hallwilersee mit Schiffen, Sonnenschein, ein paar Wolken. Und über den Wolken heisst es: «Expat Information and Networking Event».

Die 130 Menschen, die an diesem bitterkalten Februarabend in die Aula der Berufsfachschule Baden kommen, sind Expats. Das Wort ist die Kurzform von Expatriate, von lateinisch ex (aus, heraus) und patria (Vaterland), und ein Sammelbegriff für moderne Gastarbeitende.

Worte des Verständnisses

Expats sind hoch qualifiziert, Spezialisten auf ihrem Fachgebiet, gefragt bei Konzernen wie ABB oder Forschungszentren wie dem Paul-Scherrer-Institut (PSI). Sie wurden hierhergerufen, durch ein Inserat oder einen Headhunter, oder haben diesen Weg selber gewählt. Sie sind gut bezahlt, kommen aus der ganzen Welt, und der Aargau soll «ihr Platz» werden. Weil sie hier arbeiten, seit einem Monat vielleicht, seit einem halben Jahr, einzelne schon seit zehn Jahren, wie sich im Saal zeigt, als die Organisatorin danach fragt und die Leute die Hand heben.

Sie sind hier wegen ihrer Arbeit, doch Arbeit ist nicht das ganze Leben. Deshalb versuchen der Kanton Aargau, die Stadt Baden und Aargau Tourismus an diesem Abend erstmals, die Expats speziell abzuholen, ihnen zu zeigen, was ihre neue Heimat auf Zeit, der Aargau, alles bietet. Wo die Expats – und vor allem auch ihre Familien – Anschluss finden. Die Kinder konnten sie mitnehmen, sie werden im Nebenraum von der ABB-Kinderkrippe betreut.

Auf der Bühne steht Marietta Frey, Kanton Aargau, Abteilung Aargau Services Standortförderung, Teamleiterin Standortentwicklung, und begrüsst die Expats auf Englisch: «Darf ich Sie bitten, Platz zu nehmen, damit wir pünktlich beginnen können.» Willkommen in der Schweiz, dem Land, in dem die Uhren nicht nur als Exportgut wichtig sind. Frey freut sich, «it’s a great pleasure to have you here!». Als Erstes gibt es Worte des Verständnisses: Ja, sogar alltägliche Dinge können in der Schweiz kompliziert sein, sagt Frey. Niemand müsse sich deswegen hintersinnen. Und dass die Schweizer nicht gleich schrieben, wie sie sprächen, mache es auch nicht einfacher. In den Reihen nicken die Zuhörenden, und Frey erklärt den Ablauf des Abends.

Nach einer Präsentation hier auf der Bühne finde man unten im «Marketplace» Stände von Vereinen, Schulen, Fachstellen. Und in den «Break-out-sessions» erfahre man mehr über das Schweizer Bildungssystem oder den Schweizer Arbeitsmarkt.

Auf der grossen Leinwand laufen die Bilder des Aargaus jetzt begleitet von Streichmusik. Der Aargau ist der «Canton of Water», der «Canton of Culture», der «Canton of Innovation». Aber auch der Maienzug kommt vor, der Jurapark, die Altstadt von Brugg. Der Aargau als Bilderbuchland. Autobahnen, Agglohochhäuser und Atomkraftwerke braucht es hier nicht, denn wer im Saal sitzt, kam nicht wegen des Fortschritts im Arbeitsleben, sondern wegen des Leichtschritts daneben.

Nach dem letzten Bild bricht die Musik ab, Marietta Frey fragt nach den beeindruckenden Impressionen in die Runde, wer am nächsten Wochenende was anschauen wolle. «Chocolate factory!», ruft jemand, der sich fürs Schokoladengiessen in der Chocolat Frey in Buchs interessiert. «Any other suggestions?», fragt Frey, gibt es weitere Vorschläge? Niemand reagiert. «Come on, express yourself, don’t be Swiss!» Schmunzelnde Selbstironie war stets ein sicheres Stilmittel.

Drinnen Schuhe ausziehen

Jetzt sind die Expats an der Reihe. Auf die Bühne kommen Ryan, Südafrika, seit sechs Monaten hier. Angelika, Schweden, seit letztem November in der Schweiz. Claire, Irland, ursprünglich für zwei Jahre gekommen, aber das war vor 22 Jahren. Ryan sagt, am meisten beeindrucke ihn hier der öffentliche Verkehr, «it’s amazing, exciting!». So was gebe es in Südafrika nicht. Und, dass man drinnen immer seine Schuhe ausziehe. «Also das ist sehr neu für mich.»

Angelika vergleicht die Schweiz mit Schweden und kommt zum Schluss, alles hier sei «so nice», und vor allem näher beieinander. Das sei ganz angenehm. Sie habe sich zuerst daran gewöhnen müssen, dass man in Baden auf der Gasse auch zu Fremden «Hi» oder «Good morning» sage, aber sie finde das ganz süss und würde das in ihrer Heimat auch gerne einführen. Claire mag die Natur und ging am Anfang jede Woche eine Stunde mit einer Kollegin spazieren – eine Stunde, in der beide nur Deutsch sprechen durften.

Wann man sich zur Begrüssung und Verabschiedung einen, zwei oder drei Küsse gebe, habe sie aber noch immer nicht verstanden. Sie gehe deshalb auf sicher – und gebe einfach die Hand. Verständnisvolles Lachen im Saal.

In einem Quiz können sich die Expats auf der Bühne beweisen. Gefragt wird nach Fakten über den und Spezialitäten aus dem Kanton Aargau. Wie heiss ist das Thermalwasser, das dem Aargauer Boden entspringt? Sind die Mohrenköpfe oder die Biberli eine aargauische Süssigkeit? Welches Mitglied des Bundesrats kommt aus dem Aargau? «That one, pretty little lady!», zeigt Claire in Sekundenschnelle auf Doris Leuthard. Einen Preis erhalten zum Abschluss des Quiz auch die, die noch nicht so viel wussten. Aus dem Geschenkkörbchen scheinen die Namen Zweifel, Dubler, Hero. Aargau to go.

Mit dem Willkommenspaket unter dem Arm und einer Liste aller Stände zwischen den Fingern schlendern die Expats durch den Marketplace. Die Fachhochschule Nordwestschweiz ist da und die Migros-Klubschule, die Stadtbibliothek Baden und die Fachstelle Integration Baden, das Familienzentrum Karussell und die Tanzschule Mova Dance. An Stehtischen mit Apérohäppchen kommt es schnell zum Smalltalk.

Der Curling Club Baden Regio hat eine Kunststoffbahn zum Ausprobieren mitgebracht. Sie wird begeistert genutzt. Mitglied Philipp Bader sagt, man habe viele, die für zwei oder drei Jahre mitspielten und den Club wieder verliessen, wenn sie weiterzögen. «Wir kommen nicht mit dem Ziel hierher, viele Neumitglieder zu gewinnen. Aber man kann sich zeigen und sagen: das gibt es auch.»

Daneben fallen die Sportler des Rugby-Clubs Würenlos in ihren kurzen Hosen und Spieltrikots auf. Spieler Jeremy George freut sich: Ryan aus Südafrika sei soeben hier gewesen – er überlege sich, wieder mit Rugby anzufangen. Ja, man habe viele Expats, die im Club mitmachten: aus Irland, Südafrika, England, den USA. «Wir sind bunt gemischt. So macht es Spass!» Ryan hat einen Flyer mit den Trainingszeiten mit auf den Weg erhalten. Und, was Rugbyspieler Jeremy beim Smalltalk gar nicht bemerkt hatte: Er hatte nicht zuerst nach dem Nachnamen, sondern nach dem Vornamen gefragt.