Massenkarambolage
Glatteis bei drei Grad – was führte zum Massenunfall auf der A1-Brücke?

Der Leiter Strassenunterhalt und zwei Augenzeugen vor Ort machen widersprüchliche Aussagen. Der Experte sagt, er können sich Glatteis nicht vorstellen bei Temperaturen um 3 Grad Celsius. Jedoch bestätigen Involvierte genau dieses.

Hans Lüthi
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Glatteis oder nicht? Die Frage lässt sich nicht abschliessend beantworten.

Glatteis oder nicht? Die Frage lässt sich nicht abschliessend beantworten.

Newspictures

A1-Unfall: Verletzte nach Platz und Wünschen verteilt

Warum sind die 21 verletzten Personen nach dem schweren Unfall auf der A1 bei Neuenhof in sieben Spitäler verteilt worden? Laut Feuerwehr-Einsatzleiter Florian Immer vom Stützpunkt Baden entscheidet das der Rettungsdienst an Ort und Stelle. «Die Verteilung erfolgt nach einem bewährten Konzept und nach Rücksprache mit der Einsatzzentrale in Aarau», erklärt Mediensprecher Marco Bellafiore vom Kantonsspital Baden (KSB). Die Einsatzzentrale lasse sich die Kapazitäten der Spitäler geben, was zu einer optimalen Verteilung führe. Zudem berücksichtige man wenn möglich die Wünsche der Verletzten, wenn diese das Spital in der Nähe ihres Wohnortes bevorzugen. Am Samstagabend sind fünf Personen
ins Kantonsspital Baden (KSB) eingeliefert worden. Drei waren überhaupt nicht verletzt, ein Kind wurde im Kindernotfall untersucht und konnte bald nach Hause. Eine leicht verletzte Person musste nur für ein paar Stunden im KSB bleiben. (Lü.)

Gegensätzlicher könnten die Aussagen zum schlimmen Unfall auf der Autobahn bei Neuenhof kaum ausfallen. Für die Experten vom Strassenunterhalt ist es trotz exponierter Lage auf einer Brücke nicht denkbar, dass sich bei den gemessenen 2,8 bis 3,8 Grad Celsius Eis gebildet haben könnte. Beteiligte Autofahrer behaupten das Gegenteil, die Fahrbahn sei eisglatt gewesen, die Rettungskräfte hätten sich teilweise bei ihrem Einsatz kaum auf den Füssen halten können.

Fakt ist dieser Ablauf: Kurz vor 21 Uhr begann es am Samstagabend am Baregg zu regnen. Auf der A1-Brücke – Höhe Ausfahrt Neuenhof – schleuderte ein erstes Auto gegen die Mittelleitplanke. Das löste die Massenkollision aus, bei der 21 Personen verletzt und 13 Fahrzeuge massiv beschädigt wurden.

Neun Ambulanz und Helikopter standen im Einsatz.
9 Bilder
Die Autos haben teilweise einen Totalschaden erlitten.
Zur Massenkarambolage kam es wegen vereister Fahrbahn.
Auf der A1 kam es zu einer Massenkarambolage.
Die Höhe des Sachschadens dürfte zumindest mehrere zehntausend Franken betragen.
Massenkarambolage auf A1 wegen Glatteis
13 Personen sind bei der Massenkarambolage verletzt worden.
Nichts geht mehr auf einer Fahrbahn: Die Autobahn ist am Abend gesperrt.
Die Autobahn in Richtung Zürich war zeitweise gesperrt.

Neun Ambulanz und Helikopter standen im Einsatz.

Newspictures

Für Salzstreuer viel zu warm

Aufgeschreckt durch kritische Online-Kommentare, die Unterhaltsdienste hätten ihren Einsatz verschlafen, nahm der Betriebsleiter die Sache unter die Lupe: Thomas Leuzinger vom Autobahnunterhalt Nordwestschweiz in Sisseln spricht von drei Temperatur-Messpunkten östlich des Bareggtunnels. «Einer befindet sich bei der Unfallbrücke auf der A1 Richtung Zürich, einer auf der Gegenfahrbahn Richtung Bern und einer 400 Meter Richtung Wettingen», sagt Leuzinger.

Zur Unfallzeit am Samstag um 21 Uhr «haben wir am Boden 2,8 Grad und in der Luft 3,8 Grad Celsius gemessen», betont er. «Glatteis kann ich mir bei diesen Temperaturen schlicht nicht vorstellen», meint der Kenner der Materie. «Der Salzeinsatz war darum absolut kein Thema», erklärt Leuzinger. Das gilt für die ganzen 240 Kilometer in der Nordwestschweiz, die 100 Kilometer auf A1, A2 und A3 im Aargau inbegriffen.

Augenzeugen bestätigen Glatteis

Von plötzlichem Glatteis auf der Brücke berichteten die ersten Unfallbeteiligten gegenüber der Kantonspolizei Aargau. Jetzt kommen weitere Reaktionen vom Ort des Geschehens. Autolenker Ernst Blust aus Rütihof bei Baden konnte hinter der Massenkarambolage rechtzeitig anhalten. Als der Verkehr stillstand, wollte er das Auto verlassen. «Beim Aussteigen habe ich festgestellt, dass die Fahrbahn im Bereich der Brücke rutschig war.

Zudem konnte ich beobachten, wie Mitarbeitende der Rettungskräfte sich zum Teil wie Curlingspieler auf dem Eis bewegten», schreibt Augenzeuge Blust. «Ich war einer dieser Rettungskräfte, es hatte teilweise Eis auf der Fahrbahn», versichert Michael Fäs auf aargauerzeitung.ch.

Im Gegensatz dazu mag sich Florian Immer nicht festlegen, ob es nun Eis hatte oder nicht. Der Kommandant der Stützpunktfeuerwehr Baden bringt einen weiteren Aspekt ins Spiel: «Es ist auch viel Öl und Kühlwasser ausgelaufen, das sich auf der nassen Fahrbahn sofort ausgebreitet hat.»

Im Zweifel warnen und salzen

Tendieren die Temperaturen bei Raureif, Nebel oder Eisregen gegen null Grad, werden die Autobahnen vorsorglich gesalzen. Ab den Werkhöfen Schafisheim, Sisseln und Oensingen sind 50 Fahrzeuge im Einsatz. Neu können sie bei trockener Fahrbahn auch eine Salz-Sole-Lösung aufsprühen. In einem normalen Winter werden 5000 Tonnen Salz auf die Autobahnen gestreut, 2013/14 genügten bisher 1500 Tonnen.

Bei Frostgefahr warnen gelbe Blinklichter die Autofahrer, wo es Querbalken hat, leuchtet die Schrift «Schleudergefahr». Auf den 1150 Kilometern Kantonsstrassen im Aargau gibt es 10 Glatteis-Warngeräte. «Aber die sind nur für unsere Abklärungen und nicht für die Autofahrer», betont Dominik Studer von der Abteilung Tiefbau. Warnungen und Temporeduktion seien Sache der Kantonspolizei. Trotz modernster Hilfsmittel sei es schwierig, die Salzfahrzeuge zur richtigen Zeit loszuschicken.