Schliessung
Gippinger Medaillenfirma verlagert Produktion nach Indien

Die Medaillenfirma Faude&Huguenin AG gibt ihren Produktionsstandort Gippingen auf. Das Ätzverfahren der Medaillen verlagert sie gar nach Indien. Die Stimmung bei den Mitarbeitern in Gippingen ist gedrückt.

Pirmin Kramer und Angelo Zambelli
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Radstar Fabian Cancellara als Schweizer Meister 2009

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Keystone

Giulia Steingruber holte vor wenigen Tagen am Eidgenössischen Turnfest den Sieg im Kunstturnen. An der Siegerehrung erhielt sie eine Goldmedaille, die in Gippingen von den Mitarbeitern der Firma Faude & Huguenin hergestellt wurde.

Doch mit Medaillen aus dem Zurzibiet ist bald Schluss: Die Firma gibt den Produktionsstandort Gippingen in absehbarer Zeit auf. Wie Vizepräsident Hanspeter Faude nun gegenüber der Aargauer Zeitung sagt, wird das Ätzverfahren künftig in Indien durchgeführt.

Zum Hauptstandort der Firma wird Le Locle im Kanton Neuenburg, wo die Medaillen und Plaketten wie bisher geprägt werden.

Zumindest vorläufig wird der Standort Gippingen nicht ganz aufgegeben, wie Hanspeter Faude erklärt: «Kundendienst, Design und Verkauf bleiben sicher bis Ende Jahr in Gippingen. Diese Abteilungen werden auch künftig in der Region, vermutlich im Kanton Aargau, ihren Sitz haben. Möglicherweise aber nicht mehr in Gippingen.»

Ammann Peter Nyffeler: «Die Auslagerung schmerzt»

Gemeindeammann Peter Nyffeler zeigte sich betroffen von den angekündigten Restrukturierungsmassnahmen des Medaillenherstellers Faude & Huguenin AG in Gippingen, einem Ortsteil der politischen Gemeinde Leuggern. «Es ist tragisch, in einem Dorf mit 450 Arbeitsplätzen 20 Arbeitsplätze auf einen Schlag zu verlieren.» Schlimm sei die Situation vor allem für die älteren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nur schwerlich eine neue Arbeit finden, sagt Nyffeler.
Die Auslagerung der Produktion kommt für den Gemeindeammann nicht völlig überraschend, «aber sie schmerzt trotzdem». Nyffeler hofft darauf, dass die von Firmengründer Paul Faude aufgebaute Fürsorgestiftung dazu beiträgt, Härtefälle zu vermeiden. Die Gemeinde könne lediglich Unterstützung im Rahmen des Sozialhilfegesetzes anbieten. (ZA)

Gegründet worden war die Firma Faude 1963; vor elf Jahren folgte der Zusammenschluss mit Huguenin. Nun hat das bisherige Kader die Firma übernommen und umgehend Restrukturierungsmassnahmen bekannt gegeben.

Gedrückte Stimmung in Gippingen

Am Mittwochmorgen war die Stimmung bei den Mitarbeitern gedrückt.

Der Tenor: Man hoffe, es gebe doch noch irgendeine Möglichkeit, weiterhin in Gippingen produzieren zu können, sei das Ätzverfahren beim Medaillenherstellungsprozess doch eine Zurzibieter Spezialität.

Als die Mitarbeitenden diesen Wunsch äusserten, war noch nicht offiziell bekannt, dass dieser Produktionsprozess künftig in der nordindischen Stadt Jaipur durchgeführt wird. Hanspeter Faude hat dort im Jahr 2006 eine Firma gegründet, die 50 Mitarbeiter beschäftigt.

Durch die Produktionsauslagerung nach Indien könnten die bisherige Qualität aufrechterhalten und die Lieferfristen eingehalten werden, sagt Faude.

Preisdruck und weniger Kunden

Komentar von Angelo Zambelli

Die Schliessung der Produktionsabteilung des Gippinger Medaillenherstellers Faude & Huguenin ist für die betroffenen über 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein harter Schlag. Sie stehen vor einer ungewissen Zukunft und müssen darauf hoffen, anderswo Arbeit zu finden oder von einem guten Sozialplan aufgefangen zu werden.

Ziel der Restrukturierungsmassnahmen sei es, die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens zu verbessern und die Produktepalette zu überarbeiten, schreibt die Firmenleitung in einer Mitteilung. Ausserdem solle die handwerkliche Fachkompetenz der Manufaktur Faude & Huguenin erhalten werden. Das tönt zwar gut, ist aber unrealistisch. Die Inhaber der Fachkompetenz sind Aargauerinnen und Aargauer. Sie dürften wohl kaum willens und in der Lage sein, ihren Wohn- und Arbeitsort nach Le Locle oder nach Indien zu verlegen, damit die Firma weiterhin von ihrer Kompetenz profitieren kann.

Ursachen für die Schliessung des vor genau 50 Jahren gegründeten Unternehmens sind der zunehmende Preisdruck sowie die rückläufigen Kundenzahlen. Waren Medaillen und Pokale in früheren Jahren noch sehr gefragt, verzichten heute viele Vereine auf glänzende Auszeichnungen - unabhängig davon, ob diese wie in Gippingen von Hand gefertigt oder maschinell hergestellt wurden. Was zählt, sind die Herstellungskosten - und die sind in Indien bedeutend tiefer.

Die Verlagerung der Produktion nach Indien ist nicht nur für die Mitarbeitenden ein harter Schlag, sondern für den ganzen Bezirk Zurzach. Als Randregion kämpft das Zurzibiet seit Jahren darum, neue Firmen anzusiedeln und zusätzliche Arbeitsplätze zu schaffen. Da tut die Nachricht einer Produktionsauslagerung doppelt weh.

Aus Aargauer Sicht stellt sich die Frage, warum der Produktionsstandort Gippingen geschlossen wird und nicht Le Locle. Faude: «In Gippingen führen wir ein chemisches Ätzverfahren durch.

Dieser Schritt der Medaillenproduktion ist qualitativ zwar nach wie vor einzigartig; in den letzten Jahren haben uns billigere Anbieter aus dem Ausland aber Schwierigkeiten bereitet.» Aus betriebswirtschaftlichen Gründen habe man nun keine andere Wahl gehabt, als den Entscheid zu treffen, den Produktionsstandort Gippingen zu schliessen.

In Le Locle seien einige Umstrukturierungen vorgesehen. Es sollen aber künftig dieselben Produkte wie bisher verkauft werden.

Weil Kundendienst, Administration und Verkauf in der Region bleiben, würden von den heute rund 30 Mitarbeitern nicht alle ihren Job verlieren, sagt Faude. Gegenüber Radio Argovia sprach er von rund zwei Dutzend Angestellten, die ihre Arbeit verlieren.

Man erarbeite mit den kantonalen Stellen und Sozialpartnern einen Sozialplan, schreibt die Firma in einem Communiqué.