TalkTäglich

Giftiger Streit um Lehrplan 21: «Das führt zu einer Schule von vorgestern»

Sind sich ganz und gar nicht einig: Elisabeth Abbassi, Aargauischer Lehrerverband, und Elfy Roca, «Nein zum Lehrplan 21»

Sind sich ganz und gar nicht einig: Elisabeth Abbassi, Aargauischer Lehrerverband, und Elfy Roca, «Nein zum Lehrplan 21»

Die wichtigsten Momente aus dem «TalkTäglich» vom Dienstagabend, die Sendung in voller Länge weiter unten. 

Die Emotionen gehen hoch und die Fronten sind verhärtet. Am 12. Februar entscheidet das Aargauer Stimmvolk über eine Initiative, welche den Lehrplan 21 verhindern möchte. Lernen unsere Kinder nicht mehr richtig in der Schule, wie die Initianten behaupten? Oder gefährdet die Initiative die Zukunft unserer Schule? Im TalkTäglich kreuzten zwei Widersacherinnen die Klingen.

Zur Klärung dieser Fragen trafen sich Elfy Roca, Heilpädagogin und Mitinitiantin der Volksinitiative „Ja zu einer guten Bildung, nein zum Lehrplan 21 und Elisabeth Abbassi, die Präsidentin vom Aargauischen Lehrerverbandes und Gegnerin der Volksinitiative im TalkTäglich.

Elfy Roca spricht selbst von einer „unheilvollen Entwicklung im Bildungswesen und Experimenten mit unseren Kindern“ auf Nachfrage von Rolf Cavalli, Moderator und stv. Chefredaktor der Aargauer Zeitung, erklärt sie, was sie damit meint: „Der Lehrplan verspricht eine Harmonisierung aller Bildungswege und Abhilfe schafft bei vielen Problemen und das haltet er einfach nicht. Schon heute haben einige Schüler Mühe eine Lehrstelle zu finden und wir sollten besser schauen, was wir aus den letzten Jahren verbessern könnten, als mit einem Lehrplan zu kommen, der die ganze Entwicklung noch zementiert.“

Lehrer-Präsidentin Elisabeth Abbassi kontert sogleich: „Für die kritisierten Zustände kann der Lehrplan 21 nicht verantwortlich sein, denn dieser ist noch gar nicht eingeführt.“

2006 habe das Schweizer Volk mit über 80 Prozent für die Harmonisierung der Volksschule gestimmt – und dies sei auch nötig: Die Menschen seien mobiler geworden. «Man will nicht mehr das ganze Leben im Emmental oder im Fricktal verbringen. Zudem müssen Schüler, welche bei uns die Schule abschliessen fähig sein, eine Lehrstelle im Kanton Zürich anzutreten. Genau das versucht der Lehrplan 21 möglich zu machen.»

Ein Bürokratiemonster?

Auch wisse man noch gar nicht, wie der Lehrplan im Aargau genau aussehe, ergänzt Abbassi. Der jetztige Lehrplan sei nur ein Grundgerüst, aus dem jeder Deutschschweizer Kanton seinen eigenen Lehrplan ausarbeiten könne.

Für Roca ist jedoch schon dieses Grundgerüst falsch: Der Lehrplan ist auf "Kompetenzen" aufgebaut – diese seien nicht zwingend schlecht – aber die Kompetenzformulierungen und der pädagogische Grundgedanken hinter dem Lehrplan 21 findet Roca falsch. "Den Junglehrern wird nur noch gezeigt, wie man selbstständig lernen kann oder etwa Lernlandschaften geschaffen werden können."

Doch wie funktionieren diese Kompetenzen genau? „Früher hat der Lehrer etwas gelehrt und die Schüler haben es verstanden oder eben nicht und mit dem Lehrplan 21 wird verlangt, dass man das Gelernte auch wieder abrufen kann“, erklärt Abbassi.

Der Lehrplan 21 führt 363 Kompetenzen mit über 2300 Kompetenzstufen auf. "Ist da ein Bürokratiemonster entstanden?", fragte Moderator Cavalli. Abbassi relativiert: Diese Kompetenzen seien über 11 Schuljahre verteilt, allein in der Oberstufe auf 10 Fächer. Bei insgesamt 39 Schulwochen und 40 Schulstunden sei das nicht mehr so viel.

Schon heute Lehrplan 21?

Für Roca ist klar: Der Lehrplan 21 werde heute schon gelehrt, sie sähe das bei vielen Junglehrerinnen und –lehrer, welche von ihr betreut werden. Weil man nicht über den Lehrplan 21 direkt abstimmen kann, hätten sie eine Gesetzestext-Initiative gemacht und definiert, welche Eckwerte sie für den Aargauer Lehrplan wollen. Es wird unter anderem festgelegt, welche Fächer zu unterrichten sind – da im Lehrplan 21 viele Sammelfächer geschaffen wurden.

"Wenn Frau Roca gegen Sammelfächer ist", so Abbassi, "wäre das bessere Vorgehen, wenn sie helfen würde, auf der Grundlage des Lehrplans 21 einen gescheiten Aargauer Lehrplan zu schaffen, den sie auch verteidigen kann“. Die stark kritisierten Sammelfächer, wie etwa „Räume, Zeiten, Gesellschaften“ umfassen im Lehrplan 21 etwa Geschichte und Geografie. Doch Abbassi ist sich sicher: „Man kann diese Fächer trennen“.

Nur noch eine Fremdsprache

Ein weitere Forderung der Initiative ist, in der Primarstufe nur noch eine Fremdsprache zu lehren. „Alle, Lehrer aber auch Wissenschaftler, sagen, dass es heute zu viel ist und zudem die Art und Weise wie es gemacht wird, falsch ist. Es braucht nur eine Fremdsprache“, sagt Roca.

Ob das Englisch oder Französisch sein soll, wollte Roca nicht festlegen.

Abbassi warnt: Man hätte dann in der Oberstufe nur noch drei Jahre Zeit, um eine zusätzliche Fremdsprache zu lernen. Es ist fast unmöglich, in einem so kurzen Zeitraum die Sprache „halbwegs anständig“ zu lernen.

Fehlende Fächer

Abbassi wirft den Initianten vor, zu ideologisieren. Sie wollten „eine Schule von vorgestern“. Sie kreidet etwa an, dass die Initianten das wichtige Fach Medienkunde in der Aufzählung vergessen hätten und bringt das Beispiel des Solothurner Falls Paul: „Kinder müssen in der heutigen Zeit mit Medien umgehen können.“ Zudem fehle in der Aufzählung auch das Fach Berufskunde.

Roca kontert: Man habe etwa das Fach Medienkunde nicht vergessen – dieses können einfach in die Stundentafel ergänzt werden.

Sehen Sie hier den ganzen Talk:

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TalkTäglich: Elfy Roca gegen Elisabeth Abbassi zum Lehrplan 21

Ziel der Initiative ist es, den Lehrplan 21 im Aargau zu verhindern. Was zwei Lehrerinnen darüber denken, erklären sie heute im TalkTäglich.

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