Digitales Zeitalter

Gewerbliche Berufe sterben aus – eine Ausbildung lohne sich dennoch

Im Detailhandel sowie der Druckerei- und Maschinenbaubranche sind in den letzten Jahren zahlreiche Arbeitsplätze verschwunden. Mit der digitalen Entwicklung drohen weitere Verluste. Dennoch schauen Aargauer Lehrlinge optimistisch in die Zukunft.

Während am Abend Pendlerströme durch den Aarauer Bahnhof jagen, wächst im Coop die Schlange vor den Kassen. Im Einsatz sind zwei Verkäuferinnen – an den zehn Selbstbedienungskassen übernimmt der Kunde ihre Aufgabe. Ein Geschäftsmann zieht Bananen und eine Coladose über den Scanner, doch beim Vollkorngipfeli stutzt er.

Es fehlt ein Strichcode. Nebenan überwacht ein Security die Selbstbedienungskassen; verschränkte Arme, ernstes Gesicht. Ein wartender Pendler schaut genervt. Hilflos hantiert der Kunde am Bildschirm, doch das Gipfeli lässt sich nicht so leicht erfassen. Da eilt eine dritte Verkäuferin herbei und zeigt, wo man die Backwaren findet.

Bald wird diese Verkäuferin nicht mehr benötigt. Sie wird ersetzt durch einen Computer – und einen ernsten Security. Ein Schicksal, wie es so manche Berufe ereilen könnte. Und zwar schneller als selbstfahrende Autos die Chauffeure ablösen, Roboter die Pflege in Altersheimen übernehmen oder im Operationssaal nur noch Maschinen hantieren.

Eine Studie der Oxford Martin School geht davon aus, dass in den nächsten zwei Jahrzehnten von über 700 untersuchten Berufen 47 Prozent der Automatisierung zum Opfer fallen. Gefährdet seien die meisten Arbeitnehmer in Transport- und Logistikberufen, dazu ein Grossteil der Büroangestellten sowie die Arbeit in Produktionsberufen.

Zukunftsmusik? Nicht nur. In den letzten zwanzig Jahren haben unter anderem Automatisierung und Computerisierung bereits viele Arbeitsplätze vernichtet. Betroffen sind insbesondere klassische Mittelstandsberufe: Drucker, Mechaniker, Verkäufer. Gemäss dem Bundesamt für Statistik beschäftigte die Papier- und Druckereibranche Anfang der 90er-Jahre 115 000 Personen – heute sind es noch 70 000.

Im Maschinenbau schrumpften die Arbeitsplätze von 125 000 auf 80 000 und im Detailhandel arbeiten heute 60 000 Personen weniger als noch vor 25 Jahren. Mit der fortschreitenden Digitalisierung, den Selbstbedienungskassen und 3-D-Druckern drohen in diesen Branchen weitere Arbeitsplatzverluste. Und dennoch: Eine Ausbildung lohne sich weiterhin, sagen drei Aargauer Lehrlinge, die derzeit ihre Abschlussprüfung absolvieren.

Die Verkäuferin

Kurz vor der Mittagszeit herrscht im Coop in Buchs reger Betrieb. Während Saskia Boos, 21, aus Dürrenäsch, einen Kunden begrüsst, erfasst sie gleichzeitig dessen Einkäufe. «Sammeln sie Märkli, möchten sie die Quittung?» Wortlos nimmt der Mann im Maler-Overall das Rückgeld entgegen, packt seine Einkäufe ein, verschwindet. Lächelnd begrüsst Boos bereits den nächsten Kunden. Kaum eine Minute braucht sie pro Person.

Saskia Boos kam erst im zweiten Lehrjahr zu Coop. Vorher arbeitete sie in einem Quartierladen in Zürich. Dort war sie die einzige Deutschsprechende, arbeitete täglich zehn Stunden – und den Laden habe sie praktisch alleine geschmissen. Sie wollte wechseln und fand in Buchs einen neuen Lehrbetrieb. «Für uns war sie ein grosser Gewinn», sagt Bruno Hauser, stellvertretender Leiter.

Dass in Buchs bald Selbstbedienungskassen kommen, glaubt Boos nicht. Das Bedürfnis sei hier nicht so gross wie in der Stadt. Nur: Auf der Medienstelle von Coop heisst es, «Self-Checkout» sei bei den Kunden beliebt. Wo das Bedürfnis vorhanden sei und es sinnvoll erscheine, würden dieses Jahr weitere Selbstbedienungskassen installiert.

Werden Verkäufer also mehr und mehr zu blossen Überwachern, zu Securitys? Coop-Sprecher Patrick Häfliger: «Nein, Beratung und Kundenkontakt bleiben die Hauptaufgaben.» Auch brauche es deshalb nicht weniger Personal: Das System löse die klassischen Kassen nicht ab, es ergänze sie.

Doch in Buchs funktionieren auch ohne Selbstbedienungskassen bereits einige Arbeitsschritte automatisch: etwa Bestellungen. Dosen, Teigwaren oder Non-Food-Artikel werden direkt nachbestellt, wenn davon nur noch wenige Produkte in den Regalen stehen. Eine grosse Erleichterung, findet Hauser. Früher brauchte er jeden Morgen eineinhalb Stunden dafür. «Nun kann ich mich auf die Frischprodukte konzentrieren», sagt er.

Vereinfacht haben sich auch die Kassen: Auf dem Bildschirm können Verkäufer Produkte ohne Strichcode anwählen, ohne sie eintippen zu müssen, Aktionen werden direkt abgezogen. Saskia Boos: «Weil die Bedienung einfacher geworden ist, können wir umso besser auf die Kunden eingehen».»

Der Drucktechnologe

Düster sieht die Zukunft für Drucker aus. Einerseits weil die Maschinen ständig besser werden – und folglich weniger Arbeitskräfte benötigen. Andererseits, weil sich mehr und mehr Menschen digital informieren. Seit Mitte der 80er-Jahre hätten sich die Betriebszahlen von 3800 auf 2000 reduziert, sagt Luigi Garavelli, Konrektor der Schule für Gestaltung Aargau.

In der Branche herrscht Verzagtheit. Gleichwohl werden im Kanton Aargau jährlich noch um die 15 Drucktechnologen ausgebildet. Einer von ihnen ist Stephan Andriollo aus Staffelbach. Der 25-Jährige hat Glück: Er beendet diesen Sommer seine Lehre in einer Druckerei, die von der Digitalisierung kaum betroffen ist. Die CCL Schweiz in Bergdietikon produziert Etiketten für Verpackungen – Körperpflege-Artikel, Esswaren, Getränke. «Verpackungen wird man immer brauchen», sagt Marco Brennenstuhl, Produktionsleiter. Dennoch: Die 150-köpfige Belegschaft sei heute schlanker aufgestellt, Prozesse wurden vereinheitlicht.

In der Produktionshalle stapeln sich farbige Rollen, Maschinen surren, es riecht nach Plastik. Stephan Andriollo reinigt die Farbwalzen an einer gut 17 Meter langen Druckmaschine. Eine, die zwei Verfahren kombiniert: Flexo- und Offsetdruck. Hier wird er seine Abschlussprüfung absolvieren.

Mit klassischer Handwerkskunst hat die Arbeit an modernen Druckmaschinen nicht mehr viel gemein. Einrichtung, Steuerung und Farbabstimmung laufen grösstenteils automatisch. Gleichzeitig aber erhöhen sich die Anforderungen: Andriollo beherrscht vier verschiedene Druckverfahren. Und ständig steigen die Qualitätsansprüche. Dass es einst keine Drucker mehr brauche, glaubt er nicht. Trotz der Digitalisierung würden immer gewisse Produkte bedruckt. Auch eine gute Ausbildung sei entscheidend: «An der Maschine können viele Eventualitäten vorkommen, die ein Computer nicht vorhersehen kann.»

Der Polymechaniker

Die Automatisierung lässt sich kaum aufhalten. «Viele Unternehmen schlagen diesen Weg ein, um mit ausländischer Konkurrenz mitzuhalten», sagt Roland Stoll, Leiter Bildung bei Swissmechanic. Gefährdet seien vor allem Arbeitsplätze von schlecht ausgebildeten Personen, die serielle Arbeiten durchführen. Eine Lehre sei umso wichtiger: Man könne sich dann besser mit Veränderungen arrangieren und sich weiterentwickeln.

Aus diesem Grund bildet die vor 35 Jahren gegründete Ortek AG in Merenschwand nun auch Polymechaniker aus. Das Unternehmen mit 50 Mitarbeitenden produziert Implantate und künstliche Gelenke. Noch seien 3-D-Drucker keine direkte Konkurrenz, eher eine Ergänzung, sagt Hans Bachmann, Leiter Qualitätsmanagement. 3-D-Drucker eignen sich aber für komplexe Geometrien – sie können etwa eine metallische Hohlkugel herstellen, was mit CNC-Maschinen unmöglich wäre. Der Beruf des Polymechanikers werde jedoch nicht aussterben, sagt Bachmann. Aber sich verändern.

Der 19-jährige Jens Arnold hat in seinem ersten Lehrjahr dennoch tagelang per Hand gefeilt – trotz automatischer CNC-Maschinen. «Das Bearbeiten von Metall soll in Fleisch und Blut übergehen», sagt er. Ein guter Mechaniker müsse das Materialverhalten kennen. Er muss wissen, was mit dem Metall geschieht, das die Maschine bearbeitet.

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