Coronakrise

Gewerbeverband will 300 Millionen vom Kanton: Aargauer Gewerbe braucht Sofortmassnahmen

Geschlossene Läden und Geschäfte: Das Coronavirus sorgt für leere Gassen – und damit auch für eine Vollbremsung der Schweizer Wirtschaft. Symbolbild.

Geschlossene Läden und Geschäfte: Das Coronavirus sorgt für leere Gassen – und damit auch für eine Vollbremsung der Schweizer Wirtschaft. Symbolbild.

Das Aargauer Gewerbe leidet. Die Unterstützungsmassnahmen des Bundes können teilweise Härtefälle abfedern. Der AGV fordert nun ergänzende Massnahmen des Kantons Aargau, damit diejenigen Bereiche der Wirtschaft unterstützt werden, die vom Bund nicht erfasst werden.

Das Aargauer Gewerbe leidet in der Coronakrise stark. Die vom Bund rasch zur Verfügung gestellten Unterstützungsmassnahmen können teilweise Härtefälle aufgrund der fehlenden Liquidität abfedern, sagt Kurt Schmid, Präsident des Aargauischen Gewerbeverbandes (AGV). Er ist erfreut, dass die Aargauer Regierung ergänzend 300 Millionen Franken zur Verfügung stellt. Für das Gewerbe stelle sich jetzt die Frage, in welcher Form der Kanton diese Mittel bereitstellt. Schmid: «Der Bund vergibt grosszügig Überbrückungskredite. Das ist gut. Dieses Geld muss aber in fünf Jahren zurückbezahlt werden. Zahllose KMU müssen sich also massiv verschulden, um die nächsten Monate zu überleben. Wir befürchten, dass diese Schulden unzählige Betriebe in die Verschuldensfalle führen.»

Dem AGV reicht es nicht, dass der Kanton ergänzende Darlehen vergibt. Schmid: «Die Regierung soll diese 300 Millionen Franken für Klein- und Mittelbetriebe à fonds perdu zur Verfügung stellen.»

Hätten all diese Betriebe nicht Reserven anlegen müssen?

Aber hätten denn diese Betriebe nicht Reserven anlegen müssen, um etwa auch eine sonstige Rezession überstehen zu können, die es immer wieder gibt? „Das ist vielen angesichts des immer grösseren Preis- und Margendrucks gar nicht möglich gewesen, auch wenn sie gut im Markt stehen. Das Problem liegt darin, dass sich die Unternehmen gar nicht auf die Notsituation vorbereiten konnten, sagt Schmid.

Nicht nur die Wirtschaft, auch die Öffentlichkeit sei von der Pandemie völlig überrascht worden. Wäre die Pandemie  planbar gewesen, so hätten die Unternehmen die nötigen Massnahmen eingeleitet, wie Personalabbau oder Investitionsstopp, sagt er weiter. Es sei auch zu beachten, dass viele Unternehmen sofort feststellen mussten, dass ihre Kunden mit ihren Zahlungen zurückhaltend wurden, weil sie damit ihre eigene Liquidität sichern wollen. Um genau diesen Dominoeffekt zu vermeiden, biete der Bund die Liquiditätskredite an, was jetzt gut funktioniere.

Ihm sei bewusst, dass das Gewerbe sonst gern sagt, der Staat solle einfach für die Wirtschaft gute Rahmenbedingungen schaffen, und die arbeiten lassen, sagt Kurt Schmid auf einen weiteren Vorhalt: «Aber dies ist eine absolute Ausnahmesituation. Es geht darum, ob wir für die nächsten Monate die Unternehmensstrukturen erhalten wollen oder nicht. Wenn nicht, müssen die Unternehmen blitzartig und flächendeckend sofort Kündigungen aussprechen oder gar heute schon Insolvenz erklären. Das gäbe ein Desaster.» Dieser «Tsunami» müsse mit allen Mitteln vermieden werden. Es gehe «um die Gesamtwirtschaft, was noch keiner von uns erlebt hat».

«Es geht jetzt um Mensch–Arbeit–Zusammenhalt»

Schmid spüre einen starken Willen der Unternehmerinnen und Unternehmer, ihre Betriebe durch dick und dünn über die Runden zu bringen. Dies stimme ihn zuversichtlich. Für das lancierte Landesausstellungsprojekt Svizra27 habe man den Begriff «Mensch–Arbeit–Zusammenhalt» geprägt. Um genau dieses magische Dreieck gehe es jetzt.

Zahllose Kleinbetriebe mit wenigen Angestellten wie Coiffeure hätten einfach keine Einnahmen mehr. Bei den Löhnen könne man das mit Kurzarbeit abfedern. Aber jeder Betrieb habe Gemeinkosten wie Miete, Strom, Versicherung usw. Das gelte «auch für Betriebe, die arbeiten dürfen, aber schlicht keinen Umsatz mehr haben, etwa Werbebetriebe, Reisebüros oder Physiotherapeuten».

Wie würde also der Gewerbeverband das Geld vergeben? Die 300 Millionen könne man nicht aufs Mal verteilen, räumt Schmid ein: «Aber immer mehr Betrieben steht das Wasser wirklich bis zum Hals. Wir schlagen deshalb vor, dass der Kanton bei Betrieben mit einem Umsatzeinbruch von 50 Prozent und mehr pauschal in Abhängigkeit zur Anzahl Mitarbeitenden für die Monate April, Mai und Juni einen Gemeinkostenbeitrag leistet. Dann können diese Betriebe durchhalten und sich neu organisieren, bis sie ihre Tätigkeit wieder aufnehmen können.» Wären denn 300 Millionen überhaupt genug? Schmid sagt: «Nach unserer Hochrechnung müsste dies reichen.»

Die Umsätze, Erträge und Gewinne werden noch lange bei vielen Betrieben klein sein. Schmid: «Wenn die Betriebskosten sie dann zu Boden drücken, erleben wir in naher Zukunft ein Massensterben bei Klein- und Kleinstunternehmen. Dieser Schaden wäre nebst dem damit verbundenen enormen menschlichen Leid volkswirtschaftlich viel grösser als die Summe, die der Kanton zu dessen Vermeidung dringend einsetzen soll.»

Nebst der Hilfe für die KMU bei Gemeinkosten fordert der Gewerbeverband, dass auch den Selbständigerwerbenden unkompliziert und rasch geholfen wird, die vom Bund für den Erwerbsausfall bzw. die Erwerbseinbusse (noch) keine Entschädigung erhalten. Gemeint sind Taxifahrer, selbstständige Physiotherapeuten, Hundeheime usw. Hier zählt Schmid darauf, dass der Bund diese Lücke schliessen wird.

Missbrauch abwenden via Treuhandstelle

Es gehe nicht darum, überholte Strukturen aufrechtzuerhalten, sagt Schmid weiter. Es werde Anpassungen geben müssen. Mitnahmeeffekte und Missbrauch seien leider nicht auszuschliessen. Gleichwohl sei rasche Unterstützung wichtig. Falls man dem befürchteten Missbrauch begegnen wolle, könnten Unternehmen durch ihre Treuhandstelle eine Bestätigung bringen. Die Treuhandstellen müssten schon heute bei den Submissionsverfahren eine sogenannte Gewährleistungsbestätigung abgeben. Diese sei in einer Stunde beigebracht. (mku)

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