Rudolf-Steiner-Schule
Gewaltvorwürfe an Lehrerin: Werden jetzt Kinder als Zeugen befragt?

Weil eine Lehrerin der Rudolf-Steiner-Schule einen Achtjährigen hart angepackt und er blaue Flecken davon bekommen habe, zeigten die Eltern die Frau an. Die Staatsanwaltschaft will die Vorwürfe mit weiteren Befragungen prüfen.

Fabian Hägler
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Noch haben sich nicht alle Wolken über der Steiner-Schule verzogen – Elternvorwürfe gegen eine Lehrerin stehen weiter im Raum.

Noch haben sich nicht alle Wolken über der Steiner-Schule verzogen – Elternvorwürfe gegen eine Lehrerin stehen weiter im Raum.

Peter Siegrist

Vor zwei Monaten zeigte ein Elternpaar eine Lehrerin, die an der Rudolf-Steiner-Schule Aargau unterrichtet, bei der Polizei wegen Tätlichkeit an (die az berichtete). Sie warfen der Frau vor, diese habe ihren achtjährigen Sohn derart hart an den Schultern gepackt, dass der Schüler blaue Flecken davongetragen habe.

Laut dem Einvernahmeprotokoll, das der az vorliegt, hat die Lehrerin zugegeben, dass sie den Jungen «mit beiden Händen von hinten an den Schultern angefasst» habe. Sie habe ihn aufgerichtet, es sei aber «kein Packen und kein Schütteln» gewesen, hielt die Lehrerin fest.

Sie räumt ein, es sei möglich, dass der Achtjährige Schmerz empfunden habe. Laut dem Protokoll sagte die Lehrerin weiter: «Wenn das so war, dass er Schmerzen erlitten hat, ist das von meiner Seite sicher nicht absichtlich oder böswillig passiert.» Der Schüler habe auch nicht geweint oder «Aua» gesagt.

Mutter: «Muss für Strafe reichen»

Für die Mutter des Achtjährigen ist dennoch klar: «Die Aussage der Lehrerin müsste doch für eine Strafe reichen, sie gibt ja zu, dass sie meinen Sohn gepackt hat.» Sie könne nicht verstehen, auf was der Staatsanwalt noch warte. «Die Frau verdient eine Busse, das ist doch offensichtlich», sagt die Mutter.

Dies sehen die Justizbehörden anders: «Die Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau hat entschieden, weitere Befragungen durchzuführen», sagt Sprecherin Elisabeth Strebel.

Laut der Mutter des betroffenen Kindes soll am 18. Juni eine Praktikantin befragt werden, die ebenfalls im Schulzimmer war, als sich der Vorfall im Dezember ereignete. Die Mutter kritisiert dies heftig: «Die Praktikantin ist ja auch Angestellte der Schule und wird sich deshalb sicher nicht negativ äussern.»

Zudem könnten sich Lehrerin und Praktikantin bis zur Befragung in gut einem Monat detailliert absprechen.

Wer befragt wird, ist noch offen

Elisabeth Strebel, die Sprecherin der Staatsanwaltschaft, sagt zur Frage, ob nur die Praktikantin befragt werden soll: «Es liegt im Ermessen des Staatsanwalts, welche Personen einzuvernehmen und was für Untersuchungen durchzuführen sind.»

Je nach Aussagen und Erkenntnissen aus einer ersten Befragung könne er weitere Untersuchungshandlungen vornehmen, um das Verfahren dann einzustellen, einen Strafbefehl zu verhängen oder Anklage zu erheben.

Die Mutter fordert ausdrücklich, die Staatsanwaltschaft müsse auch die Mitschüler ihres Sohnes befragen. Sie ist überzeugt, dass die Wahrheit nur mit einer Befragung der Klassenkameraden ans Licht komme.

«Mehrere Eltern haben mir gesagt, dass ihre Kinder den Vorfall mit unserem Sohn beobachtet und zu Hause davon erzählt haben», sagt die Mutter.

Zudem hätten zwei weitere Kinder die Schule im Dezember verlassen, weil sie Gewalt erlebt hätten. Der az liegt die Kündigung der entsprechenden Familie an die Rudolf-Steiner-Schule vor. Darin werden weitere Vorwürfe gegen die nun angezeigte Lehrerin erhoben.

Lucio Carlucci, Präsident des Trägervereins der Schule, will sich mit Verweis auf die laufenden Abklärungen der Staatsanwaltschaft nicht zu den Anschuldigungen äussern.

Kinderbefragungen sind denkbar

Roland Pfister, Mediensprecher der Kantonspolizei, hält fest: «Der Entscheid, ob in diesem Fall Mitschüler als Zeugen vernommen werden sollen, liegt bei der Staatsanwaltschaft.»

Kinder würden als Zeugen aber eher selten befragt, zumal der Aufwand dafür beträchtlich sei. Die Staatsanwaltschaft muss – gerade bei einer leichten Straftat wie einer Tätlichkeit – die Frage der Verhältnismässigkeit klären.

Das heisst: Ist der Aufwand gerechtfertigt, eine ganze Schulklasse zu befragen, um neue Aussagen zu erhalten? Oder reichen die bisherigen Erkenntnisse aus, um den Fall zu entscheiden?

Entscheidet sich der Staatsanwalt für eine Befragung, kann er der Kantonspolizei einen Auftrag erteilen. Roland Pfister erklärt das Vorgehen: «Im konkreten Fall würden die anderen Kinder aus der Klasse als Zeugen befragt – die beschuldigte Lehrerin hätte das Recht, bei der Einvernahme anwesend zu sein und danach Ergänzungsfragen zu stellen.»

Wenn der Verdacht bestehe, dass die befragten Kinder ebenfalls Opfer von Gewalt sein könnten, müsste die Befragung durch speziell geschulte Polizisten geführt und von einem Vertreter der Opferhilfe überwacht werden.

Möglich wäre laut Pfister auch eine Aufnahme der Befragung auf Video, damit die Kinder bei einer allfälligen Gerichtsverhandlung nicht selber anwesend sein müssten.

Klar ist: Auch Kinder können wichtige Hinweise liefern. «Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass Aussagen von Zeugen, die bei der Polizei gemacht werden, der Wahrheit entsprechen», sagt Pfister. Allerdings sei es bei Kindern schwieriger, die Glaubwürdigkeit richtig einzuschätzen.