Es braucht Mut, das 30-jährige Bestehen des Frauenhauses Aargau-Solothurn mit einem Gala-Abend zu begehen. Aber Mut haben diese Frauen.

Ausgelassen war das Fest, das am Freitagabend im Kultur- und Kongresshaus Aarau stattfand, zu keinem Zeitpunkt. Partystimmung würde aufkommen, wenn es dieses Haus nicht mehr brauchte. Dieses Haus, von dem niemand weiss, wo es ist. Wer trotzdem nach dem Standort fragt, wird zurechtgewiesen – «was spielt das für eine Rolle?» Die Geheimhaltung muss sein, nur so können Frauen, die vor Gewalt flüchten, geschützt werden, zur Ruhe kommen und Zuversicht schöpfen, heisst es.

Rosarote Zukunft

Die Zukunft des Frauenhauses sieht anders aus – rosarot und sichtbar. Stiftungsrätin Isabelle Derungs erklärt es. Sie erzählt den Anwesenden von einer Frauenhaus-Tagung, die kürzlich in Holland stattfand. Und sie erzählt begeistert vom holländischen Frauenhaus: Die Fassade ist orange gestrichen, jeder weiss, wo es sich befindet.

Bei vielen anwesenden ehemaligen Leiterinnen und Stiftungsrätinnen des Frauenhauses schrillen bei einer solchen Vorstellung wohl alle Alarmglocken. Aber nein, Derungs erklärt, dass in Holland die Politik und die Bevölkerung hinter dem Frauenhaus stehen. Darum müsse es sich nicht verstecken. «Gewaltbetroffene holländische Frauen fühlen sich sicher im Frauenhaus, auch wenn alle wissen, wo es ist», erzählt sie.

Die Welt wandle sich, die Welt sehe heute anders aus als vor 30 Jahren, sagt sie. Die Vision: In 10 Jahren soll das Frauenhaus Aargau-Solothurn rosarot gestrichen sein – leuchtend und ebenfalls für alle sichtbar. Rosarot bedeute nicht naiv. Die Farbe stehe dafür, dass die Zukunft nicht mehr gefahrvoll rot leuchtet, sondern die Gefahr abgedämpft werde, von rot zu rosarot.

Martha Pfister ist eine der Gründerinnen des Frauenhauses. Die 71-jährige Frau aus Riniken sagt: «Es ist eine gute Idee, der Gesellschaft diesen Schandfleck zu zeigen.» Und Pfister, die vor 30 Jahren nicht wegschaute und unermüdlich um Geld kämpfte, um gewaltbetroffenen Frauen einen Ort der Sicherheit bieten zu können, sie hat auch eine ganz persönliche Vision: «Die jungen Menschen sollten heute lernen, wie Paarbeziehungen funktionieren, wie man miteinander umgeht und wie nicht.» So könne zukünftige Gewalt verhindert werden. Und sie lacht und sagt, sie kenne das von sich selber. An einer Beziehung müsse immer gearbeitet werden.

Jael Bueno ist die Leiterin des Frauenhauses. Sie ist eine schöne Frau, spricht sie nicht, wirkt sie oft nachdenklich, in ihrem Gesicht scheint manchmal eine Spur Müdigkeit aufzublitzen. Wenn wundert das: Bueno und ihr Team erleben täglich, was Gewalt mit Menschen macht. Sie sehen nicht die Zahlen – rund 1000 Fälle von häuslicher Gewalt werden im Aarau pro Jahr polizeilich registriert – nein, die Frauen vom Frauenhaus sehen Gesichter, die grün und blau geschlagen sind. Und trotzdem hoffen sie. «Vor 20 Jahren war es eine Utopie, dass häusliche Gewalt als soziales Problem angesehen wird», sagt Bueno. Heute sind wir so weit.

Einen Schritt weiter geht SP-Nationalrätin Yvonne Feri. Sie ist selber ehemalige Stiftungsratspräsidentin des Frauenhauses. Am Gala-Dinner kündigte sie an, noch in dieser Session mit einer Motion eine nationale Strategie für Frauenhäuser zu fordern. Die Spannung, das Bestehen einer Institution zu feiern, von der man sich wünschte, dass es sie nicht bräuchte, diese Spannung lösten Nina Dimitri und Maja Büchel mit Tessiner Volksliedern.