Irgendwann hielt sie es nicht mehr aus. «Ich habe das Elend meiner Patienten nicht mehr ertragen.» Doris Brühlmeier, Psychiaterin mit eigener Praxis im Limmattal, setzte sich hin und schrieb ihren Berufskollegen. Ihr Ziel: Zahlen zur Invalidenversicherung (IV), die aufzeigen sollen, ob auch auf andere Praxen zutrifft, was sie bei sich in den letzten fünf Jahren zunehmend beobachtet: «Das soziale Elend und die Sozialhilfeabhängigkeit steigen, weil Patienten die IV-Rente gestrichen wird oder diese jahrelang auf einen Entscheid warten müssen.»

Und tatsächlich: Die Psychologen und Psychiater aus den Kantonen Aargau und Zürich, die sich an der Nachzählung beteiligten, berichten von ähnlichen Erfahrungen – und untermauern dies mit Zahlen aus ihren Praxen. 40 von 43 Personen, denen die IV-Rente gestrichen wurde, sind seither von Sozialhilfe abhängig. Bei jenen 134, die lange auf einen Entscheid warten oder keine Rente erhalten, sind es 60 Prozent. Insgesamt flossen die Fälle von 402 Patienten in die Nachzählung ein.

«Die Zahlen sind eindeutig», sagt Brühlmeier. «Die Meinung herrscht vor: Man nimmt ihnen die Rente weg, dann beginnen sie wieder zu arbeiten. Doch das ist falsch.» Der «therapeutische Effekt der Rentenverweigerung», wie es in den entsprechenden Gesetzestexten heisst, sei eine Illusion. «Niemand wird gesund, wenn er unter Druck steht. Im Gegenteil.»

Zahlen fehlen

Den Psychologen und Psychiatern ist bewusst, keine empirische Forschung betrieben zu haben. Dennoch sei die Aussagekraft gross, angesichts der hohen Zahl an Fällen, der übereinstimmenden Resultate – «ein Aufschrei, dass etwas nicht stimmt», wie sie es nennen. Thomas Gächter, Professor für Sozialversicherungsrecht an der Uni Zürich, sagt: «Die Ergebnisse decken sich mit dem, was ich erwartet habe. Die Leute werden unter Druck nicht gesünder.» Zahlen von Fachleuten aus der Praxis seien das Beste an Datenmaterial, was zurzeit verfügbar sei. Bei den IV-Stellen im Aargau und in Zürich lautet die Antwort: keine Zahlen vorhanden. Das Aargauer Sozialdepartement teilt mit: «Die Anzahl Personen, die sich nach einer Rentenablehnung beim Sozialdienst anmelden, ist nicht bekannt.» Und auch beim Bundesamt für Sozialversicherungen heisst es auf Anfrage: Die Frage, wie viele Personen, denen die IV-Rente gestrichen wurde, danach von der Sozialhilfe abhängig werden, liesse sich so nicht beantworten. «Die IV hat nicht die Möglichkeit, den weiteren Lebensweg von Versicherten, deren Rente aufgehoben wurde, zu verfolgen. Dazu müsste ein spezifisches, sehr aufwendiges Monitoring aufgebaut werden.»

Eine solche Untersuchung könnte im Aargau bald schon umgesetzt werden. Daniela Diener, Sprecherin des Aargauer Sozialdepartements, kündigt an: «Um den tatsächlichen Sachverhalt aufzeigen zu können, möchten Fachvertreter des Departements, zusammen mit Fachvertretern der Sozialversicherung Aargau, Statistik Aargau und unterstützt vom Bundesamt für Statistik, ein entsprechendes Monitoring prüfen. Die Vorbereitungen dafür starten im kommenden Jahr.»

Der Verdacht

Umfassendes Datenmaterial wäre durchaus von Interesse. Die letzte IV-Revision machte sich zum Ziel, 17 000 Personen wieder einzugliedern und den Rentenbestand um 12 500 zu senken. Letzterer ist in den vergangenen Jahren schweizweit stark gesunken. Im Aargau liegt er mit rund 15 500 um 2700 tiefer als noch vor zehn Jahren – trotz wachsender Bevölkerung. Im vergangenen Jahr wurden im Kanton Aargau 526 Renten aufgehoben. Mehrere angefragte Ärzte äussern den Verdacht, dass IV-Bezüger in die Sozialhilfe abgeschoben werden. Hans-Jürg Pfisterer, Facharzt für Psychiatrie mit Praxis in Aarau, etwa sagt: «Das Problem wird an die Sozialhilfe und somit an die Gemeinden abgeschoben.» Und auch der Zürcher Psychoanalytiker Werner Disler macht die Erfahrung, dass viele seiner Patienten letztlich auf dem Sozialamt landen: «Es ist ein volkswirtschaftlicher Blödsinn, Leute von einer Kasse in die andere Kasse zu verschieben.»

Felix Wolffers, Co-Präsident der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (Skos) und Leiter Sozialamt der Stadt Bern, beobachtet eine steigende Tendenz bei Fällen von Personen, die Sozialhilfe benötigen, weil sie keine IV mehr erhalten – in Bern seien in letzter Zeit zwischen fünf und zehn Fälle pro Monat registriert worden. «Es gibt eindeutig eine Kostenverlagerung von der IV auf die Sozialhilfe.»

Die Sozialversicherung Aargau wehrt sich gegen diesen Vorwurf und verweist auf eine Analyse des Bundesamts für Sozialversicherungen von 2015, die zum Schluss gekommen sei, eine wesentliche Verlagerung von der IV zur Sozialhilfe habe nicht stattgefunden. Doch Thomas Gächter, Professor für Sozialversicherungsrecht, relativiert die damals veröffentlichten Erkenntnisse: «Nicht jeder, der seine IV-Rente verliert, landet unmittelbar danach in der Sozialhilfe.» Denn bis sie Anrecht haben auf diese Gelder müssen die Betroffenen zuerst ihr Vermögen aufbrauchen und falls sie einen Ehepartner haben, der für sie sorgen kann, bekommen sie gar keine Sozialhilfe.

Kritik an der langen Dauer

Doris Brühlmeier sitzt in einem Sessel in ihrer Praxis, während sie erzählt, nimmt sie von Zeit zu Zeit einen Ordner hervor, um durch die umfangreichen IV-Akten ihrer Patienten zu blättern. «Verfahren dauern oftmals Jahre. Renten gibt es meist nur nach intensivstem Kampf», sagt sie. Ein manisch-depressiver Patient warte seit acht Jahren auf einen Entscheid. Auch andere Psychiater erzählen von jahrelangen Verfahren. Eine Patientin habe nach fünf Jahren freiwillig darauf verzichtet, weil sie den Druck und die Ungewissheit nicht mehr ausgehalten habe, sagt Werner Disler. Und Hans-Jürg Pfisterer berichtet von seinem längsten Fall, der sich inzwischen über elf Jahre hinzieht – fünf Gutachten sind entstanden. «Je länger die Ungewissheit dauert, desto mehr verschlechtert sich ihr Gesundheitszustand. Die Patienten sind orientierungslos. Sie wissen nicht, welchen Platz sie in der Gesellschaft einnehmen dürfen.» Diese Einschätzung bestätigt Ralph Mager, leitender Versicherungsmediziner an der universitären psychiatrischen Klinik Basel: «Bis zu einem Rentenentscheid dauert es unzweifelhaft zu lange. Für die Betroffenen ist das schlimm, ihr Gesundheitszustand verschlechtert sich dadurch häufig.»

Bei der Sozialversicherung Aargau zeigt man sich selbstkritisch: «Die Verfahren dauern tatsächlich zum Teil zu lange», sagt Sprecherin Elefteria Xekalakis. «Das ist mit ein Grund, weshalb wir uns engagieren, dass Ärzte ihre Patienten und Arbeitgebende ihre Mitarbeitenden bei Arbeitsunfähigkeit rasch der IV zur Früherfassung melden.»

Doris Brühlmeier und ihre Berufskollegen erhoffen sich ein Umdenken bei den IV-Entscheiden. Alle angefragten Ärzte bestätigen, dass eine Rente stabilisierend auf ihre Patienten wirkt. Das zeigen auch die Ergebnisse der Nachzählung: Ein Teil der Personen, die eine volle oder eine halbe IV-Rente erhielten, hat den Weg zurück in die Arbeitswelt oder zumindest in einen geschützten Arbeitsplatz inzwischen geschafft.