Rheintalbahn

Gesperrte Hauptschlagader stellt Aargauer Transportfirmen vor Probleme

Benjamin Giezendanner, Transportchef bei Giezendanner Rothrist: «Für uns dürften August und September wegen der Sperrung zwei verlorene Monate werden.» – Hans-Jörg Bertschi, CEO bei Bertschi Dürrenäsch: «Es gibt inzwischen zwar Umfahrungsmöglichkeiten, aber auch Züge, die seit Tagen nicht weiterkommen.»

Benjamin Giezendanner, Transportchef bei Giezendanner Rothrist: «Für uns dürften August und September wegen der Sperrung zwei verlorene Monate werden.» – Hans-Jörg Bertschi, CEO bei Bertschi Dürrenäsch: «Es gibt inzwischen zwar Umfahrungsmöglichkeiten, aber auch Züge, die seit Tagen nicht weiterkommen.»

Die wochenlange Sperrung der Rheintalbahn stellt Aargauer Transportfirmen vor Probleme.

Benjamin Giezendanner klingt ziemlich gestresst, als ihn die «Schweiz am Wochenende» am Telefon erreicht. «Seit fast zwei Wochen bin ich praktisch pausenlos daran, neue Transportmöglichkeiten zu organisieren, weil die Rheintalbahn unterbrochen ist», sagt der Transportunternehmer. Für die Giezendanner Transport AG in Rothrist, die Benjamin zusammen mit seinem Bruder Stefan führt, ist die unterbrochene Bahnstrecke die Hauptschlagader.

«Bisher fuhr täglich ein Zug von uns mit 500 Tonnen Gütern von Aarau nach Köln», sagt Giezendanner. Weil die Bahnstrecke im deutschen Rheintal zwischen Rastatt und Baden-Baden bis 7. Oktober unterbrochen ist, muss der Transportchef nun Alternativen suchen. «Auf den Rhein können wir nicht immer ausweichen, weil es sich zum Teil um Gefahrengut handelt», erklärt er.

Ausweichen auf die Strasse

So bleibt für Giezendanner nur die Strasse, wobei allein für den Ersatz des ausfallenden Zuges 25 Camions pro Tag notwendig sind. «Kurzfristig funktioniert das, auch weil in Italien noch Sommerferien sind.» Längerfristig geht der Transportunternehmer allerdings davon aus, dass die Kapazitäten auf der Strasse zu gering sind. «Einerseits sind nicht genügend Lastwagen und Chauffeure verfügbar, anderseits ist die Autobahn im deutschen Rheintal schon jetzt oft überlastet», erklärt Giezendanner.

Für sein Unternehmen seien August und September wegen der Streckensperrung «verlorene Monate», sagt der Transportchef. Er habe von Anfang an damit gerechnet, dass die Strecke länger als zwei Wochen gesperrt bleiben würde – dies hatte die Deutsche Bahn zuerst angekündigt. «Dass es aber so lange dauert, eine Betonplatte zu giessen, und erst am 7. Oktober wieder Züge fahren, hätte ich nicht gedacht.»

Ähnlich klingt es bei der Bertschi AG in Dürrenäsch. «Ich komme gerade von einer Krisen-Telefonkonferenz zu diesem Thema», sagt CEO Hans-Jörg Bertschi. Auch der Bertschi-Zug, der sonst täglich vom Terminal im Birrfeld nach Köln verkehrt, fällt wegen der Streckensperrung im Rheintal aus. «Inzwischen haben die Bahnverantwortlichen in Deutschland endlich gemerkt, wie einschneidend die Sperrung für den Güterverkehr ist», sagt Bertschi.

Dies sei massgeblich dem persönlichen Engagement von SBB-Chef Andreas Meyer zu verdanken, der telefonisch bei den zuständigen Bahnchefs interveniert habe. «Nun bemühen sich alle um Lösungen, es gibt Umfahrungsmöglichkeiten, aber auch Züge, die seit Tagen nicht weiterkommen.» Insbesondere im Elsass und auf Umfahrungsstrecken über Österreich und Deutschland fehle es an Lokführern.

20'000 Camions zusätzlich?

Bertschi geht davon aus, dass sich die Situation im September noch zuspitzt, wenn der Transitverkehr von Deutschland nach Italien wieder anzieht. Die Strasse werde nicht in der Lage sein, diese sehr grossen zusätzlichen Volumen im Italien-Verkehr aufzufangen. «Dafür würden ungefähr 15'000 Lastwagen und Chauffeure benötigt; pro Woche würden 20'000 Camions zusätzlich durch die Schweiz fahren, was einer Verdopplung gegenüber heute entsprechen würde», hält er fest.

Abgesehen von Lieferengpässen und Verzögerungen sieht Bertschi die Gefahr, dass Kunden das Vertrauen in den Schienentransport verlieren. «Wenn eine Firma nicht produzieren kann, weil sie keine Rohstoffe erhält, wird sie überlegen, wieder stärker auf Strassentransport zu setzen», befürchtet er. In einer Mitteilung warnt auch die Hupac AG, die in Aarau ein Terminal betreibt, vor einem möglichen Vertrauensverlust. Für die laufende Woche hat Hupac Umleitungen und Alternativen für 50 Prozent der ausgefallenen Züge geplant. Wenn es nicht gelinge, zusätzliche Kapazitäten zu schaffen, werde dies künftig aber nicht ausreichen, prophezeit das Unternehmen. Es gelte deshalb, dem kombinierten Verkehr bei der Zuteilung der knappen Trassen höchste Priorität einzuräumen.

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