Sozialhilfe
Geschäft mit Sozialhilfe: Die Missbrauchs-Detektive der Firma SoWatch

Die Aarauer Firma SoWatch überprüft für Gemeinden Sozialhilfebezüger und kritisiert Methode des Kantons. Statt auf flächendeckende Kontrollen, wie sie der Kanton macht, konzentriert sich die Firma auf unklare Sachverhalte und Verdachtsfälle.

Manuel Bühlmann
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Hausbesuche erhalten in einigen Gemeinden all jene Einwohner, die sich für die Sozialhilfe anmelden. (Symbolbild)

Hausbesuche erhalten in einigen Gemeinden all jene Einwohner, die sich für die Sozialhilfe anmelden. (Symbolbild)

Getty Images/iStockphoto

Wer sich für die Sozialhilfe anmeldet, erhält bald darauf Besuch. Ein Mitarbeiter des kantonalen Sozialdiensts überprüft vor Ort, ob die Angaben stimmen: Wohnt wirklich die ganze Familie in der Wohnung? Besitzen die Bewohner doch ein Auto? Gibt es Hinweise auf wertvollen Besitz? Das Ziel: Missbrauch von Anfang an verhindern.

Rund 100 Gemeinden nutzen diesen Service des Kantons und bezahlen dafür eine jährliche Pauschale von 85 Franken pro Sozialfall. Zu teuer und nicht effizient genug, fand kürzlich die Gemeinde Oberentfelden und beschloss, den auslaufenden Vertrag mit dem kantonalen Sozialdienst nicht mehr zu verlängern. Bei den systematischen Besuchen sei kaum je ein Fall von Sozialhilfemissbrauch aufgedeckt worden, begründete Gemeinderätin Petra Huckele den Entscheid gegenüber der «Aargauer Zeitung». Stattdessen will die Gemeinde Oberentfelden die Sozialfälle künftig von einer privaten Firma überprüfen lassen: SoWatch mit Sitz in Aarau.

Diese bietet einen günstigeren Rahmenvertrag – 2500 Franken – und ein anderes Modell an: Statt auf flächendeckende Kontrollen, wie sie der Kanton macht, konzentriert sich die Firma auf unklare Sachverhalte und Verdachtsfälle. Inbegriffen sind bis zu zehn Überprüfungsanfragen pro Jahr. Will die Gemeinde einen Bezüger überprüfen lassen, muss sie für die einzelnen Leistungen zusätzlich zahlen. Weil die Beträge leistungsabhängig seien, fielen sie sehr unterschiedlich aus, sagt Geschäftsleiter Oliver Wilden. «Wir können für den gleichen Betrag mehr erreichen als der Kanton. Wir haben das breitere Angebot.» Sie würden nicht nur Hausbesuche machen, sondern auch Fälle und Dossiers analysieren sowie Mitarbeiter schulen. Im Unterschied zum Kanton beauftragt die Firma Sozialdetektive, um an zentrale Informationen bei Missbrauchsverdacht zu kommen. Rund 20 Aargauer Gemeinden nehmen die Dienstleistungen von SoWatch in Anspruch. «Wir verhandeln zurzeit mit mehreren grossen Aargauer Gemeinden.» Namen will Wilden aber keine nennen, die Verträge seien noch nicht unterzeichnet. Dazu kommen weitere Gemeinden mit insgesamt rund 500 000 Einwohnern in fünf anderen Kantonen.

Kantonaler Sozialdienst wie SoWatch betonen, keine Konkurrenten zu sein. «Wir möchten nicht mit dem Kanton verglichen werden, weil die Konzepte unterschiedlich ausgerichtet sind», sagt Oliver Wilden von SoWatch. «Wir verfolgen einen anderen Ansatz», sagt Cornelia Breitschmid vom kantonalen Sozialdienst. Es sei kein Problem, wenn Gemeinden zu SoWatch wechseln würden. «Sie sollen schauen, was für sie stimmt. Uns geht es nicht darum, mit dem Aussendienst Geld zu verdienen.» Man habe kein schwieriges Verhältnis zur Sozialfirma.

Kritik am kantonalen Angebot kommt trotzdem. Die unangemeldeten flächendeckenden Hausbesuche, wie sie der Kanton macht, bezeichnet Oliver Wilden als «sehr heikel». «Dabei wird viel ins Blaue geschossen, wir gehen gezielter vor.» Er stört sich vor allem daran, dass alle neuen Sozialhilfebezüger unter Generalverdacht gestellt werden. «Uns ist wichtig, die Schwachen zu schützen.»

Beim kantonalen Sozialdienst nimmt man die Kritik gelassen. Leiterin Cornelia Breitschmid zeigt sich darüber ein wenig erstaunt: «SoWatch bietet mit ihren Hausbesuchen auch ein ähnliches Konzept an.» Aus ihrer Sicht würden aber ohnehin nicht alle Bezüger unter Generalverdacht gestellt. Beschwerden habe es deswegen nie gegeben. Und: «Es ist auch die Gelegenheit, um zu zeigen, dass man eine weisse Weste hat.» Der präventive Ansatz mit den flächendeckenden Hausbesuchen hat sich aus Sicht des Kantons bewährt. «Unsere Strategie ist nicht infrage gestellt. Wir gehen nicht über die Bücher.» Daran ändert auch nichts, dass nicht alle 101 Gemeinden den Ende Jahr auslaufenden Vertrag mit dem kantonalen Sozialdienst verlängern. Nächstes Jahr werden es noch 96 Gemeinden sein. «Einige Gemeinden gehen, andere kommen neu dazu.» Cornelia Breitschmid befürchtet nicht, dass das Beispiel Oberentfelden Schule machen könnte. «Einen Trend in diese Richtung stellen wir nicht fest.»

Eine Gemeinde, die beide Angebote aus eigener Erfahrung kennt, ist Spreitenbach. 2007 – als erste aller Aargauer Gemeinden – unterzeichnete sie einen Vertrag mit SoWatch. Kurz darauf wurde Spreitenbach allerdings zur Pilotgemeinde für den damals neuartigen kantonalen Aussendienst. Gemeindeschreiber Jürg Müller sagt, man habe den Vertrag mit SoWatch nicht aus Unzufriedenheit gekündigt. «Der Kanton wollte uns als Pilotgemeinde.» Daraus ist inzwischen ein festes Angebot geworden, das in Spreitenbach bis heute geschätzt wird. Müller: «Wir sind zufrieden und haben keinen Grund, zu wechseln. Die flächendeckenden Kontrollen zu Beginn machen durchaus Sinn, sie haben auch einen wichtigen präventiven Effekt.» Die Missbrauchsquote sei auch dank dem engmaschigen Kontrollsystem gering. Auf 300 Sozialfälle kämen pro Jahr drei bis fünf Verzeigungen.

Beide Angebote parallel nutzt die Gemeinde Suhr. SoWatch sei für sie lediglich eine Ergänzung zum kantonalen Sozialdienst, sagt Oliver Kley, Leiter Soziales in Suhr. «Die Firma kommt nur bei konkreten Verdachtsfällen zum Einsatz.» Mit dem Aussendienst arbeite die Gemeinde gut und gerne. «Den Vertrag haben wir nochmals um zwei Jahre verlängert.» Was danach komme, werde sich zeigen.