Bezirksgericht
Gericht meint: Besser besoffen als zu schnell unterwegs

Ein 34-jähriger LKW- und Busfahrer fährt privat wiederholt betrunken Auto. Teilweise mit 2,57 Promille Alkohol intus. Kann er gleich verurteilt werden wie ein Raser? Nein, sagt das Gericht.

Aline Wüst
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Betrunken am Steuer: Ein deutscher LKW-Fahrer tappt privat immer wieder in die Polizeifalle

Betrunken am Steuer: Ein deutscher LKW-Fahrer tappt privat immer wieder in die Polizeifalle

Keystone

Der Rasertatbestand wird bei Rasern angewendet - logisch. Ein Staatsanwalt forderte vor Bezirksgericht Zofingen nun, dass ein Deutscher, der immer wieder betrunken Auto fährt, nach diesem Artikel im Strassenverkehrsgesetz verurteilt wird.

Der 34-jährige Lastwagen- und Busfahrer war betrunken. So betrunken, dass er es nicht mehr schaffte, den Finger zur Nase zu führen.

Auch einer Linie am Boden entlang zu gehen, war für ihn unmöglich. Trotzdem nahm er im September 2013 die rund einstündige Fahrt von St. Urban ins Seetal in seinem Privatwagen unter die Räder. Es war nicht das erste Mal, dass er betrunken unterwegs war.

Nun muss der Mann zwei Jahre ins Gefängnis. Auch wenn er vor den Richtern in Zofingen immer wieder beteuerte: «Ich habe stets den gleichen Fehler gemacht. Aber jetzt habe ich es wirklich begriffen.»

Er wollte stockbesoffen 50 Kilometer fahren

Wäre das Gericht dem Antrag des Staatsanwalts gefolgt, die Strafe wäre doppelt so hoch ausgefallen.

Der Staatsanwalt forderte, dass der Deutsche nach dem im Jahr 2013 eingeführten Artikel 90 Absatz 3 des Strassenverkehrsgesetzes – Rasertatbestand genannt – verurteilt werde.

Obwohl: Zu schnell unterwegs war der Familienvater gar nicht. Unter diesen Tatbestand fallen Risiken, die zu Unfällen mit Schwerverletzten oder Todesopfern führen, namentlich besonders krasse Missachtung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit, waghalsiges Überholen oder Teilnahme an einem nicht bewilligten Rennen mit Motorfahrzeugen.

Für den Staatsanwalt eine Frage der Auslegung, was weiter noch darunter fällt. Für ihn ist allerdings klar: Der 34-Jährige habe einen schweren Unfall in Kauf genommen.

Zu bedenken gab er auch, dass der Deutsche wohl bei Rothrist auf die Autobahn gewollt habe und stockbesoffen 50 Kilometer fahren wollte.

Das Gericht war anderer Meinung. Der Deutsche wurde wegen Fahren in angetrunkenem Zustand verurteilt. «Der neu geschaffene Rasertatbestand ist Rasern vorbehalten und passt nicht zu einer Trunkenheitsfahrt.»

Road Cross: Bestrafen wie ein Raser

Dem widerspricht Stefan Krähenbühl von der Strassenopfer-Stiftung Road Cross. Der Artikel 90, Absatz 3 im Strassenverkehrsgesetz sei so formuliert, dass Autofahrer, die einen ähnlich schweren Tatbestand wie Rasen erfüllen, auch ebenso hart wie Raser verurteilt werden können – auch wenn sie nicht zu schnell unterwegs waren.

Mit anderen Worten: Road Cross hätte es befürwortet, wenn der deutsche Trunkenbold bestraft worden wäre wie ein Raser. «Eine Verurteilung nach diesem Tatbestand wäre ein starkes Statement gewesen, dass ein schwerer Alkoholmissbrauch am Steuer nicht weniger gefährlich ist als massiv übersetzte Geschwindigkeit.»

Road Cross begrüsst es aber, dass das Gericht eine vergleichsweise hohe Strafe gesprochen hat. «Ist jemand dermassen unbelehrbar, sollte das Gericht hart durchgreifen», sagt Krähenbühl. «Zum Schutz anderer Verkehrsteilnehmer.»

Mit Kindern auf dem Rücksitz

Und das geschah in dieser Nacht morgens um halb vier Uhr: Der deutsche Lkw- und Busfahrer war unterwegs nach Hause.

Er hatte eine Flasche Wein getrunken, stoppte unterwegs und trank noch ein Bier. In einem Waldstück in Murgenthal verlor er die Herrschaft über sein Fahrzeug und landete im Strassengraben.

Jemand benachrichtigte die Polizei über den Unfall. Als diese am Unfallort eintraf, war der Fahrer nicht da, tauchte aber kurze Zeit später auf mit verdreckten Hosen. Vermutlich war der Mann mehrmals gestrauchelt.

Er behauptete zuerst noch, ein anderer sei gefahren, gab dann aber schnell auf. Sein Blutalkoholgehalt lag zwischen 1,94 und 2,57 Promille.

Seit dem Vorfall ist der Deutsche in Haft. Der 34-Jährige war in den letzten 10 Jahren immer wieder betrunken unterwegs.

Einmal verunfallte er sogar mit zu viel Alkohol im Blut, als seine zwei Kinder auf dem Rücksitz sassen, und er fuhr auch betrunken, als er den Ausweis wegen Trunkenheit am Steuer bereits nicht mehr hatte.

Gerichtspräsidentin Kathrin Jacober wollte wiederholt wissen, warum er denn immer wieder betrunken Auto fahre.

Der Beschuldigte beteuerte wiederholt, dass er es jetzt begriffen habe, es nie wieder tun werde. «Ich werde mein Leben komplett ändern», versprach er der Gerichtspräsidentin. «Ich habe eine grosse Dummheit gemacht.»

Das hatte er den Richtern schon zu oft erzählt. Abzüglich der bereits ausgestandenen Haft muss er nun noch 20 Monate ins Gefängnis. Als er das begriff, weinte er.