Podiumsdiskussion

Geraten auch Luchs und Biber ins Visier? Viel Gesprächsbedarf um neues Jagdgesetz

Das Podium und die mehrheitlich kritischen Fragen zum Gesetz aus dem Publikum zeigten: Es besteht viel Diskussionsbedarf.

Das Podium und die mehrheitlich kritischen Fragen zum Gesetz aus dem Publikum zeigten: Es besteht viel Diskussionsbedarf.

Gegner und Befürworter des neuen Jagdgesetzes im Aargau beurteilen dieses nicht nur in Bezug auf den Wolf völlig gegensätzlich.

Jagd ist angewandter Naturschutz. So zitierte Pro Natura- Aargau-Geschäftsführer Johannes Jenny einen Jäger zum Auftakt einer vom aargauischen Komitee «Jagdgesetz Nein» organisierten Podiumsveranstaltung in Baden. Damit sei das neue Jagdgesetz nicht vereinbar, machte er vor den wohl wegen Corona nur wenigen Zuschauerinnen und Zuschauern deutlich. Das sahen die Gegner des Gesetzes auf dem Podium, Birdlife-Aargau-Präsidentin Gertrud Hartmeier, und FDP-Nationalrat Matthias Jauslin, genau gleich. Auch sie bekräftigten, sie seien keine Jagdgegner.

Im von Stefan Ulrich von Radio SRF moderierten Streitgespräch sagte Hartmeier, das neue Gesetz hätte die Chance für eine pragmatische Regulierung des Wolfes gebracht, und die Chance, bedrohte Tierarten wirkungsvoll zu schützen: «Beides wurde verpasst.» Stattdessen hätten die Kantone noch Kompetenzen vom Bund erhalten: «Der Artenschutz dürfte am Kantönligeist scheitern.»

Jauslin: Wallis spricht von einem wolffreien Kanton

Als Mitglied der Kommission, die das neue Gesetz beraten hat, müsse er sagen, so Jauslin: «Man wollte den Artenschutz stärken, das gelang nicht, das Ergebnis ist ungenügend.» Zum Umgang mit dem Wolf meinte er, Problemwölfe («die gibt es»)könne man bisher schon regulieren. Neu könnten Kantone wie Graubünden und Wallis selbst entscheiden, das sei das Problem, sagte er. Das Wallis spreche von einem wolf-freien Kanton. Das akzeptiert Jauslin nicht. Man müsse die Nutztiere halt besser schützen.

Hagenbuch: Bei gerissenem Tier fliessen Tränen

Ganz anders sieht dies der SVP-Grossrat, Bauer und Jagdgesetz-Befürworter Christoph Hagenbuch. Bauern in den Bergen hätten mit dem Wolf mas- sive Probleme. Das Gesetz sei ein guter Kompromiss, es gebe mehr Geld für geschützte Arten, für den Unterhalt von Schutzgebieten. Es stimme nicht, dass die Bauern möglichst keine Wildtierbestände wollten: «Sie wollen einfach kein Problem mit dem Wolf.»

Wenn ein Tier vom Wolf so verletzt werde, dass man es töten muss, flössen auch ihm die Tränen. Schliesslich habe der Bauer zuvor lange Zeit für das Tier gesorgt. Rainer Klöti, Präsident von Jagd Aargau, und Befürworter des Gesetzes, verwies auf dessen unveränderten Zweckartikel. Es gebe im Wallis gewiss «ein paar Spinner, aber der Wolf bleibt geschützt» Er traut dem Bund zu, dass er den Zweckartikel umsetzen kann. Die Verbandsbeschwerde gelte weiter bei geschützten Tieren. Er habe zudem mit der Rückkehr des Wolfes kein Problem, hielt Rainer Klöti fest.

Kommen plötzlich auch Luchse und Biber ins Visier?

Die Gegner des Gesetzes zeigen auf Plakaten nicht nur einen Wolf im Visier, sondern auch einen Hasen oder den Luchs. Sie befürchten auch, dass der Biber ins Fadenkreuz geraten könnte. Das ärgere ihn, sagte Klöti. Es suggeriere, dass irgendwann geschützte Tiere abgeknallt werden. Das sei abstrus, niemand wolle im Aargau einen Luchs oder Biber abschiessen.

Hasen würden hier seit langem nicht mehr gejagt. Hagenbuch wohnt im Freiamt, wo schon etliche Biber ihre Dämme gebaut haben. Die entstehenden Schäden zahle heute niemand. Klar habe die Bevölkerung Freude am Biber. Es gehe aber nicht, dass die Bauern allein zahlen, weil die Allgemeinheit etwas will. Er sei der letzte, der einen Abschuss fordere, aber man könnte einen Biber auch umsiedeln.

Wie die Gegner darauf kommen, dass auch Luchs und Biber ins Visier kommen könnten, wollte Moderator Ulrich wissen. Der Bundesrat könne auch weitere Tierarten regulieren lassen, erklärte Jauslin. Ihm macht es Sorgen, was in drei, vier Jahren geschehe. Das liess Hagenbuch nicht stehen. Der Bundesrat habe ja gesagt, laut Verordnung seien Luchs, Biber, Graurei- her und Gänsesäger von Regulierung ausgeschlossen, das ­entspreche dem Willen des Parlaments. Das wiederum beruhigt Jauslin nicht, denn zu Verordnungen hat das Parlament nichts zu sagen.

Klöti bekräftigte, niemand wolle Biber oder Luchse abschiessen. Das sieht Hartmeier anders. Wenn ein Biber Schaden verursacht, mache die Landwirtschaft Druck: «Was braucht es dann, bis der Biber auf die Liste kommt?», fragte sie. Das Podium und die mehrheitlich kritischen Fragen zum Gesetz aus dem Publikum zeigten: Es besteht viel Diskussionsbedarf.

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