Wahlen
Genug von «Nazikeule»: Ecopop-Thommen tritt aus Grüner Partei aus

Ecopop-Initiant Andreas Thommen kündigt in einem offenen Brief an die «Liebe Grüne Aargau» seinen sofortigen Austritt aus der Grünen Partei an. Damit macht der Effinger Gemeindeammann dem Hin- und Her um seine politische Zukunft ein Ende.

Drucken
Teilen
Andreas Thommen ist aus der Grünen Partei ausgetreten.

Andreas Thommen ist aus der Grünen Partei ausgetreten.

Emanuel Per Freudiger

Thommen hatte sich als Aushängeschild der Ecopop-Initiative nicht zuletzt innerhalb der Grünen Feinde geschaffen, wo er selber mal als Co-Präsident amtete. Die Jungen Grünen verlangten sogar seinen Rauswurf.

Nach der Ankündigung, mit einer eigenen Aargauer Ecopop-Liste zu den Nationalratswahlen anzutreten, spitzte sich der Streit zu. Thommen liess dabei wochenlang offen, ob er trotzdem gleichzeitig bei den Grünen bleiben wolle. «Der Entscheid ist mir nicht leicht gefallen», schreibt Thommen jetzt und gibt im Brief seiner Enttäuschung Ausdruck. «Leider waren es Exponenten der Grünen, die als erste die Nazikeule geschwungen haben, als es darum ging, unsere Volksinitiative zu bodigen. Das hat mich persönlich sehr verletzt.» Eine Umweltpartei, die das Bevölkerungswachstum nicht thematisiere, habe ihre Glaubwürdigkeit weitgehend verloren, kritisiert Thommen.

Grünen-Präsident Jonas Fricker findet Thommens Austritt «konsequent und richtig, auch wenn wir ein engagiertes Mitglied verlieren». Er habe schliesslich entschieden, gegen die Grünen anzutreten. Nach dem öffentlich ausgetragenen Streit um Thommens Zukunft findet es Fricker allerdings «schade, dass wir die Debatte parteintern nicht zu Ende führen konnten». Die Causa Thommen war nämlich für die Vorstandssitzung vom nächsten Montag traktandiert. Dieser hätte dann über einen Ausschluss Thommens entschieden.

Fricker sagte gegenüber der az, dass er persönlich nicht für einen Rausschmiss plädiert hätte. Er habe aus der Partei zahlreiche Rückmeldungen erhalten, welche aus liberalen Überlegungen einen Verbleib Thommens in der Partei begrüsst hätten, auch wenn man seine Ecopop-Positionen nicht teile. Andere wie Irène Kälin schlugen härtere Töne. «Braun stinkt zum Himmel. Wahre Heimatliebe ist grün!», hiess es auf einem Plakat der Nationalratskandidatin – eine Anspielung auf Ecopop. (roc)

Der offene Brief vom Effinger Gemeindeammann Andreas Thommen

Liebe Grüne Aargau

Ich möchte euch mitteilen, dass ich per sofort aus der Grünen Partei austrete.

Dieser Entscheid ist mir nicht leicht gefallen. Nach über 15 Jahren Mitgliedschaft verlasse ich hiermit meine ursprüngliche politische Heimat.

Ich unterstütze nach wie vor viele Anliegen der Grünen, so zum Beispiel die enorm wichtige Energiewende oder den Atomausstieg. Ich war bis jetzt immer der Meinung, die Grüne Partei setzte sich in erster Linie für die Umwelt und die Naturräume in unserem Land ein, zum Wohl von uns und um unsere Verantwortung gegenüber der Welt wahrzunehmen. Darin wurde ich leider enttäuscht.

Bis zuletzt hatte ich gehofft, dass von der Partei her ein Zeichen des Umdenkens oder der Versöhnung kommen würde. Vergebens! 

Auf den Mann spielen, statt sachliche Argumente

Leider waren es Exponenten der Grünen, welche als erste die Nazikeule geschwungen haben, als es darum ging, unsere Volksinitiative im letzten Herbst zu bodigen. Das hat mich persönlich sehr verletzt. Dazu muss ich allerdings erwähnen, dass sich die Grünen Aargau, zumindest bis vor kurzem, zurückhaltend zeigten und immer anständig blieben.

Ihr kennt mich. Ihr wisst, ich bin früher viel gereist, habe einiges von der Welt gesehen, Ich pflege Freundschaften und Kontakte zu Menschen aus allen Kulturen. Ich habe weder Ängste noch Ressentiments gegenüber Fremden. Ich war nie und bin kein Fremdenfeind oder Rassist. Ich hoffe ihr respektiert dies künftig!

Formale Aspekte

Ich weiss dass in unseren Statuten festgeschrieben ist, dass man Mandatsträger ausschliessen kann, wenn sie für andere Gruppierungen kandidieren. Ecopop versteht sich als überparteiliche Bewegung. Synergieeffekte mit den Grünen wären durchaus möglich. An anderen Kandidaturen, z. B. der Kandidatur des grünen Zürcher Gemeinderates Andreas Kyriacou auf der Liste der Konfessionslosen.ch, stört sich niemand. In meinem Fall ist es aber offenbar der Parteileitung ein wichtiges Anliegen, sich gegen das vermeintlich rechte Gedankengut abzugrenzen.

Ich werde weiterhin Gemeindeammann in Effingen bleiben. Ich gehe davon aus, dass die Wiederwahl nicht gefährdet ist. Die meisten Leute hier wählen mich, weil sie mich kennen, nicht weil ich bei den Grünen bin.

Eine Umweltpartei, welche das Bevölkerungswachstum nicht thematisiert hat ihre Glaubwürdigkeit weitgehend verloren.

Eine Umweltpartei, welche das Bevölkerungswachstum als einer der Haupttreiber des permanenten Wachstums nicht in Frage stellen darf, hat für mich ihre Legitimität weitgehend verloren. Stetiges Wachstum kann per Definition nicht nachhaltig sein!

Ich bin sicher, die grüne Haltung „Die Bevölkerungszahl spielt für die Belastung der Umwelt keine Rolle“ oder die von grünen Exponenten oft geäusserte Meinung „es spielt für die Umwelt keine Rolle, ob jemand in der Schweiz oder im Ausland lebt“, schadet der Glaubwürdigkeit der Partei. Auch das immer wieder vorgebrachte Argument „die Anzahl Menschen auf diesem Planeten oder in der Schweiz spiele keine Rolle, sondern nur der pro Kopf-Verbrauch müsse beachtet werden“, halte ich für unwissenschaftlich und irreführend.

Ich bin überzeugt und befürchte leider, dass diese Aussagen die Grünen im Herbst viele Stimmen kosten wird. Das nimmt euch doch keiner ab!

Jeder Stimmbürgerin, jedem Stimmbürger mit gesundem Menschenverstand leuchten diese Tatsachen ein. Wir müssen an sämtlichen Schrauben drehen, Senkung des Pro-Kopf-Verbrauches, Ausnützung des technischen Fortschrittes (z.B. Energiewende) und an der Anzahl Menschen. Nur dies ist glaubwürdige Umweltpolitik. So ist es meines Erachtens verlogen, nichts gegen die Bevölkerungszunahme zu unternehmen, aber gleichzeitig lokal produzierte Nahrungsmittel zu fordern. Die Produktion und die Fläche der Schweiz reichen schon längst nicht mehr aus, um uns zu ernähren, der Selbstversorgungsgrad sinkt laufend. Unsere Nahrung wird zwangsläufig immer weiter weg produziert und zu uns transportiert. Das ist weder ökologisch noch sinnvoll.

Grüne argumentieren unwissenschaftlich

Fast noch mehr als die niveaulosen Hiebe unter die Gürtellinie, hat mich aber die Feststellung erschüttert, dass die Grüne Partei sehr unwissenschaftlich argumentiert in der Frage der weltweiten Überbevölkerung.

„Die Bevölkerungsexplosion ist abgesagt“. Unter diesem unsäglichen Titel durfte Nationalrat Glättli an der Delegiertenversammlung der Grünen Schweiz zwanzig Minuten lang referieren, als es darum ging die Parole zur Ecopop-Initiative zu fassen. Letzte Woche musste die UNO bekanntgeben, dass sie ihre Bevölkerungsprognosen für das Jahr 2100 um weitere 170 Millionen auf 11,2 Milliarden Menschen erhöhen muss. Grund: die Geburtenraten sinken nicht so schnell wie ursprünglich angenommen.

Ich hoffe es ist euch klar, dass ihr mit der Ablehnung von Bevölkerungspolitik und UNO-Familienplanungsprogrammen:


1. Ein UN-Menschenrecht desavouiert
2. Die auch von der Schweiz ratifizierte Agenda 21 der UNO, welche klipp und klar jedes Land auffordert sein Bevölkerungswachstum zu senken, torpediert.

Ich hoffe ihr gelangt früher oder später zu dieser Einsicht.

Mit freundlichen Grüssen

Andreas Thommen

Aktuelle Nachrichten