Würdigung
Gemischte Bilanz: Der oberste Aargauer Lehrer tritt Ende Schuljahr ab

Seine Bilanz am Ende ist gemischt: Bildungspolitisch gabs Fortschritte, personalpolitisch eher Rückschritte. Bezirkslehrer Niklaus Stöckli hat die Aargauer Lehrerschaft in schwieriger Zeit souverän geführt.

Hans Fahrländer
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Niklaus Stöckli im Franke-Gut, dem schönen Sitz des Lehrerverbandes im Aarauer Gönhardquartier.

Niklaus Stöckli im Franke-Gut, dem schönen Sitz des Lehrerverbandes im Aarauer Gönhardquartier.

Chris Iseli

Seine stilvolle Erscheinung lässt nicht auf Anhieb den Gewerkschafter erkennen. Und doch ist der oberste Aargauer Lehrer Niklaus Stöckli, Gärtnersohn aus Frick, einer der profiliertesten Arbeitnehmervertreter der jüngsten Geschichte. Seine Nachfolgerin an der Spitze des Aargauischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes (alv) (Elisabeth Abbassi) ist schon lange gewählt. Doch jetzt, auf Ende des Schuljahres, geht Stöckli wirklich. Zeit für eine Würdigung.

Aufgewachsen ist der Bald-Pensionär wie gesagt in Frick, sein Bruder führt noch heute die Stöckli Gartenbau AG. An der Kantonschule Baden hat er die A-Matur mit Griechisch und Latein erworben. Er begann ein Psychologie-Studium, doch die Materie erschien ihm zu abstrakt. Er konnte ein Vikariat an der Schule Oberohrdorf übernehmen (unter seinen Schülern war auch ein gewisser Markus Somm, inzwischen national bekannt) – und da hat er Feuer gefangen.

«Niemand in meiner Familie war zuvor Lehrer, aber ich fand das Unterrichten auf Anhieb faszinierend.» Er absolvierte das Studium als Bezirkslehrer für Deutsch, Geschichte und Geografie an der Uni Zürich und wurde als Lehrer an die Bezirksschule Klingnau gewählt. Bis zum heutigen Tag ist Stöckli dieser Schule treu geblieben, zum Schluss noch mit einem kleinen Teilpensum.

Zur Politik und zur Verbandspolitik stiess er relativ spät. Von 2002 bis 2005 gehörte er der SP-Fraktion des Grossen Rates an. «Ich wurde von der 68er-Bewegung politisiert, so kam für mich nur eine linke Partei infrage», sagt er rückblickend. Doch die Grossratstätigkeit blieb Episode: 2005 wurde das Kantonsparlament von 200 auf 140 Sitze verkleinert, die SP des Bezirks Zurzach verlor einen Sitz – seinen Sitz.

Seine Verbandstätigkeit begann Stöckli 1997 mit dem Präsidium des Bezirkslehrerinnen- und Bezirkslehrervereins (BLV). Und schon landete er einen Coup: Er lancierte zusammen mit dem Vorstand die Aktion «Let’s bez». Der damalige Bildungsdirektor Peter Wertli wollte mit einer Strukturreform die Bez in die Zange nehmen: mit einer verlängerten Primarschule und einem früheren Gymnasiumseintritt. Die Widerstandsaktion «Let’s bez», im Kern eine Wanderausstellung über die Geschichte der Bez, wurde zum Erfolg: Das Vorhaben wurde von der Politik begraben. «Es war eine Reform ohne pädagogischen Mehrwert, solche muss man bekämpfen», sagt Stöckli rückblickend.

Im Jahr 2001 wurde Niklaus Stöckli als Nachfolger von Andreas Schweizer zum Präsidenten des Gesamtverbandes alv gewählt. Es war das Jahr, in welchem Rainer Huber Bildungsdirektor wurde. «Er verstand etwas von Schule, wir hatten einen guten Draht zueinander, auch wenn wir unterschiedliche Positionen einnahmen», so Stöckli über Huber.

Das dominierende Thema der Nuller Jahre war das Bildungskleeblatt. «Eines der Kleeblätter, die Tagesstrukturen, hat der alv mit einer Volksinitiative lanciert, Huber nahm es bereitwillig in sein Reformpaket auf. Und auch bei der Oberstufenreform leistete der alv Schneepflugarbeit», erwähnt der scheidende Präsident nicht ohne Stolz. Es war der Vorschlag einer dreigliedrigen Oberstufe unter einem Dach und mit Niveaukursen, der beim Volk allerdings auch keine Gnade fand. «Falsch war vor allem, den Namen Bezirksschule zu opfern. Das war und ist im Kanton zu Recht eine positiv besetzte Marke.»

Er habe das Scheitern des Kleeblattes bedauert, meint Stöckli, «denn das war eine echte Reform, mit pädagogischem Mehrwert. Leider hat Huber das Fuder überladen, das Volk mag Grossreformen nicht.» Von Hubers Nachfolger, SVP-Bildungsdirektor Alex Hürzeler, wurde Stöckli «positiv überrascht, vor allem am Anfang. Es gelang ihm, die Scherben zu kitten, er brachte einzelne Kleeblätter in abgespeckter Form durch, zum Beispiel die Zusatzlektionen für belastete Klassen oder die Strukturreform 6/3.»

Was hat sich in seiner Amtszeit an der Schule am meisten verändert? Stöckli zögert nicht lange: «Dass heute jedes Kind mit seinen spezifischen Förderbedürfnissen wahrgenommen wird und nicht mehr in einer amorphen Masse verschwindet. Das ist zwar ein sehr anspruchsvolles Konzept, das die Lehrerinnen und Lehrer extrem fordert – aber fraglos das einzig richtige.»

Verbandspolitik besteht nicht nur aus Bildungspolitik, sondern auch aus Personalpolitik. Da wird Stöckli deutlich: «Der Kanton Aargau ist für die Lehrpersonen kein verlässlicher Sozialpartner. Jüngstes Beispiel: Er weigerte sich, für die Lehrpersonen, die wegen der Verkürzung der Oberstufe ihre Stelle verlieren, einen Sozialplan zu machen. Kein privates Unternehmen könnte sich so etwas leisten. Partnerschaft ‹je nachdem› schadet nicht nur den Lehrpersonen, sondern auch dem Image des Kantons.»

Niklaus Stöckli hat in seiner Amtszeit aber auch ins Verbandsinnere gewirkt: «Ein Lehrerverband ist keine basisdemokratische Solidargemeinschaft mehr, sondern ein moderner Dienstleistungsbetrieb. Entsprechend haben wir professionelle Verbandsstrukturen mit einer Geschäftsleitung geschaffen.»

Während Stöckli selber also eine gemischte Bilanz seiner 13-jährigen Amtszeit zieht – bildungspolitisch Fortschritte, personalpolitisch Rückschritte –, erfährt, wer sich umhört, mehrheitlich Positives über ihn. Er habe den Verband gut geführt, seine Anliegen pointiert vertreten. Er habe sich in allen Kreisen – Lehrerschaft, Politik, Öffentlichkeit – situationsgerecht bewegt, habe hart, aber fair verhandelt, diplomatisch wo nötig, aber auch kämpferisch wo nötig.

Und jetzt also: die Pensionierung, mit 63. Was folgt? «Ich bleibe noch in der Geschäftsleitung des schweizerischen Lehrerdachverbandes (LCH). Abgesehen davon freue ich mich auf neue Freiheiten. Gut möglich, dass ich meinen Hang zum Schreiben und zum Theater wieder etwas mehr auslebe.»

Richtig – das hätten wir fast vergessen! Wer Stöcklis Namen bei Google eingibt, stösst nicht zuerst auf den Lehrer und Verbandspolitiker, sondern auf den Schriftsteller und Theatermann!

Begonnen hat alles 1989, beim Jubiläum «750 Jahre Klingnau», zu dem Lehrer Stöckli eine Ortsgeschichte geschrieben hat. Dabei stiess er auf eine spannende Figur – und machte aus ihr seinen ersten Roman: «Vagant. Das Leben des Hans Melchior Vögeli, Zundelhändler und Strauchdieb». Später kam der Roman «Die sechste Posaune» dazu, in welchem der Protagonist in der gewaltbereiten rechten Szene recherchiert, was ihm nicht gut bekommt. Ausserdem verfasste Stöckli mehrere Theaterstücke, zum Beispiel Dorffestspiele für Leibstadt oder Sankt Blasien.

Wer so virtuos mit dem Wort umzugehen weiss, dem wird nicht so schnell langweilig.