Politische Ämter
Gemeinderätin Ambühl-Riedo klagt: Öffentliche Arbeitgeber sind zu unflexibel

Die Sarmenstorfer Gemeinderätin Lucia Ambühl-Riedo fordert mehr Unterstützung von öffentlichen Arbeitgebern für die Ämter in den Gemeinden – auch um deren Attraktivität wieder zu steigern.

Andreas Fahrländer
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Lucia Ambühl-Riedo an ihrem Arbeitsplatz im Sekretariat der Heilpädagogischen Schule in Wohlen – hier kann sie ihre Zeit frei einteilen. Mario Heller

Lucia Ambühl-Riedo an ihrem Arbeitsplatz im Sekretariat der Heilpädagogischen Schule in Wohlen – hier kann sie ihre Zeit frei einteilen. Mario Heller

Mario Heller

Der Regierungsrat und die Aargauische Gemeindeammänner-Vereinigung haben jüngst eine Debatte über die Rekrutierungsprobleme von Gemeindeammännern und über deren Entschädigung angeregt. az-Chefredaktor Christian Dorer schlug darauf in einem Wochenkommentar vor, man solle seinem Gemeindeammann doch einfach einmal Danke sagen für das, was er für die Gemeinde leistet.

Die Sarmenstorfer Gemeinderätin Lucia Ambühl-Riedo findet, der Dank würde auch «normalen» Mitgliedern im Gemeinderat gut tun. Auch sie würden sich, wie der Gemeindeammann, für ihre Gemeinde einsetzen. Ebenso wichtig wäre aus ihrer Sicht zudem, dass die Arbeitgeber freie Zeit für milizpolitische Verpflichtungen zur Verfügung stellen würden, gerade wenn man bei einer Gemeinde angestellt sei. «Politische Gemeinden sollten einem als Arbeitgeber entgegenkommen und Hand bieten für ein politisches Amt.»

Die 52-Jährige kandidiert für die FDP des Bezirks Bremgarten für den Grossen Rat. Milizpolitisch ist sie früh sozialisiert worden. Ihr Vater war zwölf Jahre lang Schulpflegepräsident in Villmergen. Sie selbst wurde 2003 in die Sarmenstorfer Schulpflege gewählt. 2007, als ihre beiden Kinder aus dem «Gröbsten» raus waren, hat sie wieder angefangen zu arbeiten, als Schulsekretärin in der Region mit einem 70-Prozent-Pensum. Seit 2010 sitzt sie im Gemeinderat von Sarmenstorf.

Eine Studie des Zentrums für Demokratie in Aarau hat gezeigt, dass tiefe Entschädigungen mitschuldig sind an den zunehmenden Rekrutierungsschwierigkeiten. Rund 85 Prozent der Aargauer Gemeindeexekutiven bestehen ausschliesslich aus nebenamtlichen Mitgliedern. Von den Gemeindeammännern sind wiederum 80 Prozent selbstständig. Sie sind zeitlich oft flexibler als angestellte Berufstätige.

Kein Verständnis der Chefin

Die Schulleiterin in der Gemeinde, wo Ambühl-Riedo arbeitete, hatte kein Verständnis für ihre Zeiteinteilung: «Mein damaliger Arbeitgeber war extrem mühsam, wenn es darum ging, während der Arbeitszeit Termine für den Gemeinderat wahrzunehmen.» Ambühl-Riedo fuhr mittags nach Hause, um für die Kinder zu kochen. Am Nachmittag arbeitete sie entsprechend länger, aber das missfiel ihrer Chefin. Lucia Ambühl-Riedo kündigte schliesslich und trat eine neue Stelle als Schulsekretärin der Heilpädagogischen Schule Wohlen an. Hier arbeitet sie 40 Prozent und kann ihr politisches Amt, ihre familiären Verpflichtungen und ihre Arbeit gut koordinieren. «Da mein neuer Chef sehr flexibel ist, gibt es über Absenzen keine Diskussion.»

Manchmal muss sie als Gemeinderätin am Vormittag im Altersheim Jubilaren gratulieren, oder es gibt ganztägige Seniorenreisen. Dafür nimmt sich Ambühl allerdings einen Ferientag. Im Schnitt sei sie drei Abende pro Woche für den Gemeinderat ausser Haus. Eine längere Pause macht der Gemeinderat nur in den Sommerferien. Die Familie habe sich daran gewöhnt, dass die Mutter oft nicht da sei. «Meine Kinder sind mittlerweile erwachsen und können sich selbst verpflegen. Und mein Mann ist zum Glück auch selbstständig.»

Lucia Ambühl-Riedos Mann ist Ingenieur und arbeitet in einem Vollzeitpensum. «Er unterstützt mich, auch im Haushalt, aber als Frau muss man einfach ein paar Dinge mehr tun.» Früher habe sie in einem Chor gesungen, aber das liege zeitlich nicht mehr drin. «Ich habe noch meinen Hund, das ist mein Hobby.»

Ambühl-Riedo steht dem Ressort Schule vor, darin kennt sie sich am besten aus. Im Jahr hat der Sarmenstorfer Gemeinderat rund 25 reguläre Sitzungen, dazu kommen je nach Ressort und Kommission etwa 40 bis 60 zusätzliche Termine. Ihr Amt entspreche etwa einem Pensum von 20 Stellenprozent. Für eine Abendsitzung bekommen die Sarmenstorfer Gemeinderäte pauschal 65 Franken Entschädigung. Für Termine, die tagsüber stattfinden, 30 Franken pro Stunde beziehungsweise maximal 100 Franken für einen halben Tag. Alles in allem kommt Ambühl-Riedo so auf rund 13 000 Franken Entschädigung im Jahr.

«Was nichts kostet, ist nichts wert.»

Sie erzählt von ihrem Grossvater, der zu sagen pflegte: «Was nichts kostet, ist nichts wert.» Sie findet, die Gemeinderatsentschädigung dürfe nicht zu einem Lohn werden. Sie übt ihr Amt gern aus. «Es geht nicht um Lohn, es geht um eine Entschädigung, sonst ist das Milizsystem in Gefahr.» Trotzdem müsse man über eine Erhöhung der Entschädigung nachdenken.

Das politische Klima habe sich verändert, findet Ambühl-Riedo. Vor 30, 40 Jahren habe man als Gemeinderat noch eine andere Stellung gehabt. «Da hat sich keiner getraut, einem Gemeinderat ‹Du Depp› zu sagen.» Eine höhere Entschädigung würde vielleicht helfen, neue Leute zu finden. Vor allem auch Frauen. «Für eine Flasche Wein und einen Blumenstrauss muss man das nicht machen», sagt sie. «Wenn Sie reich werden wollen, allerdings auch nicht.»

«Es braucht Frauen mit Mut, die in die Politik gehen»

Frau Gautschy, finden Sie, die Gemeinden als Arbeitgeber müssten nebenamtlichen Milizpolitikern mehr Freiräume lassen?

Renate Gautschy: Gemeinden sollten sich als Arbeitgeber gleich verhalten wie private Unternehmen. Da sollte man keinen Unterschied machen. Allenfalls könnte ja bei den Gemeindeverwaltungen mehr Verständnis da sein für Milizpolitiker im Nebenamt.

Wie grosszügig sind die Aargauer Unternehmer, wenn es um ein politisches Amt von Mitarbeitern geht?

Wir haben bei Professor Reto Steiner von der Universität Bern eine Umfrage zum Thema «Aargauer Unternehmen und das Milizsystem» in Auftrag gegeben. Ich bin sehr gespannt, was die privaten Unternehmen zum Umgang mit Milizpolitikern sagen. Die Resultate werden am nächsten Anlass der Gemeindeammänner-Vereinigung am 10. November in Möriken-Wildegg präsentiert.

Gerade für Frauen ist ein politisches Amt oft nicht leicht mit dem Berufsleben vereinbar.

Es gibt einen Trend, dass wieder weniger Frauen politische Ämter übernehmen. Das finde ich schade. Meine Erfahrung zeigt, dass es Frauen mit Mut braucht, die in die Politik gehen. Für Männer ist es oft allergrösste Selbstverständlichkeit.

Warum ist das so?

Ein grosser Teil der Frauen, die jetzt in der Politik sind, kommen aus einem traditionellen Familienmodell. Für Alleinerziehende etwa ist es dagegen sehr schwierig, ein Amt zu übernehmen. Hinzu kommt, dass die Leute oft nicht mehr
an ihrem Wohnort arbeiten.

Glauben Sie, eine höhere Entschädigung wäre ein wirksamer Anreiz?

Die Bezahlung alleine macht es nicht aus. Früher hatte man grossen Respekt vor dem Lehrer, dem Pfarrer und den Gemeinderäten. Heute ist das nicht mehr so. Wir müssen unbedingt dafür besorgt sein, dass wieder ein respektvollerer Umgang in der Gesellschaft Einzug hält. Viele Leute wollen sich gar nicht mehr diesem rauen Klima aussetzen.

Warum soll man sich das denn heute überhaupt noch antun?

So ein Amt braucht eine hohe Disziplin und ein riesengrosses Engagement. Aber es gibt einem auch viel zurück.

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