Seit August verwendet der Kanton Aargau den Begriff «integrative Schulung» nicht mehr. Die «Verordnung über die integrative Schulung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen, die Sonderschulung sowie die besonderen Förder- und Stützmassnahmen» heisst neu «Verordnung über die Schulung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen sowie die besonderen Förder- und Stützmassnahmen». Integrativ war einmal.

Carmen ist fünf Jahre alt. Sie hat Trisomie 21. Letzte Woche hatte die Fünfjährige ihren ersten Kindergartentag in der Regionalschule Lenzburg. In der Regelklasse. Ihre Eltern haben dafür gekämpft. Es ist ihnen wichtig, dass Carmen trotz ihrer Behinderung Teil der Gesellschaft sein kann – dazu gehört für sie, dass Carmen zusammen mit den Nachbarskindern in den Kindsgi gehen kann. Carmens Eltern sind sich bewusst, dass ihre Tochter für die Schule einen Mehraufwand bedeutet. «Aber dieser Mehraufwand wird erbracht, damit sie später inklusiver Bestandteil der Gesellschaft ist», sagt ihr Vater Eric Scherer. «Alles andere wäre Diskriminierung und abgesehen davon auch teurer.»

Wenn ein Kind mit einer erheblichen kognitiven Beeinträchtigung in eine Regelklasse integriert wird, kann die Schulleitung beim Kanton zusätzliche Ressourcen für die Unterstützung beantragen. Der schulpsychologische Dienst bestimmt auf Basis einer standardisierten Abklärung, wie viele zusätzliche Lektionen nötig sind. Maximal hat ein Kind sechs Lektionen zugute. Diese können in günstigere Assistenzlektionen umgewandelt werden. Dann wird ein Kind nicht von einer ausgebildeten Fachperson unterstützt, sondern von einer Assistentin. Aus den sechs Lektionen werden so maximal 16 Lektionen.

Zusätzliche Lektionen für Einzelfälle wie zum Beispiel Carmen können Aargauer Schulen nicht mehr lange beantragen. Ab dem Schuljahr 2020/21 will die Regierung sämtliche Ressourcen pauschalisieren. Die entsprechende Vorlage ist derzeit in der freiwilligen Anhörung. Die neue Regelung sieht vor, dass jede Schülerin und jeder Schüler eine pauschale Menge an Lektionen auslöst. Mit den Pauschalen aller Schüler zusammen muss die Schule ein angemessenes und sachgerechtes Angebot organisieren. Die Pauschale pro Schüler setzt sich aus einer Standardkomponente zusammen, die für alle Schulen einheitlich ist und je nach Schulstufe variiert. Dazu kommen Zusatzkomponenten, die je nach Schule unterschiedlich sind. Die erste berücksichtigt sprachliche und soziale Faktoren, zum Beispiel den Anteil fremdsprachiger Schüler; die zweite strukturelle Faktoren wie die Schulgrösse.

Einzelfälle werden aussortiert

Für Kinder mit einer erheblichen kognitiven Beeinträchtigung wird es in Zukunft nicht einfacher. Schulleiterinnen und Schulleiter müssen sich überlegen, wie sie die zugeteilten Ressourcen einsetzen und ob sie sich die Integration von Schülerinnen und Schülern mit hohem Unterstützungsbedarf noch leisten können. «Es besteht die Gefahr, dass Einzelfälle, für die heute noch zusätzliche Ressourcen beantragt werden können, eher abgewiesen werden», sagt Edgar Kohler, Präsident der Schulleitungskonferenz der Regionalschule Lenzburg. Das wiederum hätte zur Folge, dass Sonderschulen aus allen Nähten platzten, weil sie diese Kinder aufnehmen müssten. Es wäre auch ein Schritt weg von der Integration.

Einen ersten Vorgeschmack auf das, was sie ab dem Schuljahr 2020/21 erwartet, hatten die Schulleitungen bereits. Bisher wurden sämtliche Ressourcen für zusätzliche Unterstützung individuell pro Kind zugeteilt. Für das laufende Schuljahr wurden die Ressourcen für die sogenannten Verstärkten Massnahmen zum ersten Mal grösstenteils pauschal zugeteilt. Die Schulleitungen mussten danach selber entscheiden, wie sie die Lektionen einsetzen. Von der Pauschalisierung betroffen sind etwa Kinder, die kaum Deutsch sprechen, Kinder, die sozial auffällig sind oder eine Autismus-Spektrum-Störung haben. Sie alle haben total unterschiedliche Bedürfnisse, was die Förderung betrifft.

Villmergen ohne Logopäden

Bereits im April sagte Philipp Grolimund, Co-Präsident des Verbands Schulleiterinnen und Schulleiter Aargau, zur AZ, dass viele Schulen wegen der neuen Pauschalisierung vor grossen Problemen stünden. Diese Probleme zeigen sich inzwischen. Claudio Fischer, ehemaliger Schulleiter in Villmergen, schreibt in einem Leserbrief, das Bildungsdepartement habe der Schule von den bisher rund 110 Lektionen für Kinder mit besonderen Bedürfnissen rund 50 Lektionen gestrichen und werde auf das Schuljahr 2020/21 weitere rund 30 Lektionen streichen. Das führte nicht nur dazu, dass die Schule weniger Ressourcen für die Förderung der Kinder hat, sondern verunsichere auch Fachpersonen. «Aus diesem Grund haben alle Logopädinnen auf diesen Sommer gekündigt. Auch Heilpädagoginnen haben ihre Stelle teilweise oder ganz gekündigt», sagt Claudio Fischer. Die Schule Villmergen stehe deshalb – «trotz grosser Anstrengungen» – ohne Logopädinnen da. Für die Heilpädagogik hätten Lehrpersonen «ohne besondere Ausbildung» angestellt werden müssen, weil es auf dem Stellenmarkt keine Heilpädagogen gebe.

Auch Philipp Grolimund sagt: «Der Bedarf an Verstärkten Massnahmen übersteigt die vorhandenen Ressourcen an vielen Schulen.» Das habe zur Folge, dass nicht alle Kinder, die in Regelschulen integriert werden könnten, auch tatsächlich eine Regelklasse besuchen können. Die Schulleiterinnen und Schulleiter müssten Prioritäten setzen. «Das ist keine einfache Aufgabe», sagt Philipp Grolimund. Letztlich gehe es darum, die vorhandenen Lektionen so einzusetzen, dass möglichst viele Kinder davon profitieren können.

Ob ein Kind im Kanton Aargau in eine Regelklasse integriert wird, entscheiden letztlich die Schulen. Philipp Grolimund betont, dass grundsätzlich jedes Kind ein Recht auf Integration in eine Regelklasse habe. «Aber als Schule müssen wir belegen, dass eine integrative Schulung eine positive Entwicklung des Kindes ermöglicht.» Ein Kind müsse Fortschritte machen können. Es müsse zwar nicht die vorgeschriebenen Lernziele erreichen, sondern seinem Können angepasste. «Wenn es aber nicht gelingt, erreichbare Ziele zu definieren, ist die Regelschule die falsche Schule», sagt er. Eine Schule sei zum Lernen da – nicht, um Kinder nur zu hüten oder zu betreuen.

Daneben hängt die Integration nicht zuletzt auch von den Rahmenbedingungen an einer Schule ab. Philipp Grolimund bedauert sehr, wenn Kinder wegen der Rahmenbedingungen nicht in Regelklassen integriert werden können. Er versteht, dass Eltern in solchen Fällen das Gefühl haben, die Schule wolle ihr Kind nicht. «Aber wenn Ressourcen fehlen, leidet nicht nur das Kind, das unterstützt werden müsste, sondern die ganze Klasse.» Schulleiterinnen und Schulleiter müssen deshalb abwägen, was eine Schule tragen kann.

Das sagt auch Sandra Wild, Schulleiterin Kindergarten der Regionalschule Lenzburg: «Es gibt heute keine Klasse mehr, in der nur ein Kind auf Unterstützung angewiesen ist und man sagen könnte, da lässt sich ein Kind mit erheblicher Beeinträchtigung locker mittragen.» Für Edgar Kohler von der Regionalschule Lenzburg ist klar: «Wenn die zusätzlich gesprochenen Lektionen nicht reichen, wäre eigentlich eine Sonderschulung angebracht.»