Aargauer Obergericht

Geldstrafe für Hells Angel – vom Opfer fehlt immer noch jede Spur

Markus (Name geändert), Mitglied der Hells Angels, wurde auch vom Obergericht wegen Nötigung verurteilt. (Symbolbild)

Markus (Name geändert), Mitglied der Hells Angels, wurde auch vom Obergericht wegen Nötigung verurteilt. (Symbolbild)

Nach dem Bezirksgericht Baden sagt auch das Obergericht: Es war Nötigung. Der Beschuldigte, ein Mitglied der Hells Angels, wurde zu einer bedingten Geldstrafe von 20 Tagessätzen à 100 Franken und einer Busse von 400 Franken verurteilt.

«Das sind doch Pfeifen!», schimpft Markus (alle Namen geändert) nach der Urteilsverkündung. Das Aargauer Obergericht hat am Freitag seine Berufung abgewiesen und ihn wegen Nötigung zu einer bedingten Geldstrafe von 20 Tagessätzen à 100 Franken und einer Busse von 400 Franken verurteilt. Ein Urteil wollten die Oberrichter bereits Anfang Mai fällen. Aber damals entschieden sie, dass zuerst die Zeugen angehört werden müssen.

Markus, Mitglied der Hells Angels, bulliger Typ mit Glatze und silbrigen Ohrringen, musste also noch einmal vor den Richtern platznehmen. Es ging um einen Vorfall im August 2012 in
einem Büro in Zürich. Laut Anklageschrift stattete Markus, Geschäftsführer einer Inkassofirma, zusammen mit einem Begleiter dem Geschäftsmann Manuel einen Besuch ab.

Es ging um 800'000 US-Dollar, welche Manuel ihm schuldete. Doch Manuel bestritt, ihm Geld zu schulden, und forderte ihn auf, das Büro zu verlassen. Markus blieb. Manuel wollte die Polizei alarmieren, Markus hinderte ihn daran. Zweimal. Für die Staatsanwaltschaft und das Bezirksgericht Baden erfüllt das Wegdrücken des Arms den Tatbestand der Nötigung. Für Markus nicht. Er zog das Urteil weiter und verlangte einen Freispruch.

Glatzköpfig und mit Lederkleidern

Oberrichter Robert Fedier wollte am Freitagmorgen von einer damaligen Angestellten wissen, ob sie sich noch an den Vorfall erinnere. Sie schildert, wie es geklingelt hatte, sie die Türe öffnete. Zwei Männer standen da und fragten nach Manuel. Sie bat sie, kurz zu warten. Manuel sagte ihr, er sei in einer Besprechung. Sie solle die Namen aufnehmen, er melde sich dann. Doch davon wollten Markus und sein Kollege nichts wissen. «Sie haben die Türe aufgeschlagen, sodass ich gegen die Wand knallte», erzählt die Zeugin. Dann habe sie nur noch Geschrei gehört. «Ich war baff, versteckte mich in der Küche», sagt die Frau. Sie habe Angst gehabt. «So etwas ist mir noch nie passiert.» Sie sei nicht einmal fähig gewesen, die Polizei zu alarmieren.

Oberrichter Fedier will wissen, wie die Männer angezogen waren. «Sie trugen Lederkleider und hatten eine Glatze. Sie sahen nicht so freundlich aus wie Sie», sagt die Zeugin zum Richter. Deshalb sei sie so erschrocken. Ob einer der Männer Markus war. Die Frau dreht den Kopf zum Beschuldigten. «Ja.»

«Wie im Film»

Der zweite Zeuge ist einer der Männer, mit denen Manuel eine Besprechung hatte. Es sei ein ganz normaler Tag gewesen. Er sei nach Zürich gefahren für die Besprechung, als plötzlich zwei Personen mit schwarzer Jacke, Jeans und T-Shirt ins Büro rannten. «Sie gingen aggressiv auf Manuel zu. Es war wie im Film», erzählte der Mann vor Gericht. Er habe zuerst nicht verstanden, worum es ging. Erst mit der Zeit wurde ihm klar, dass die Männer Geld von Manuel wollten. Manuel habe telefonieren wollen. Aber «die beiden Jungs» hätten ihn daran gehindert. Ob sie seine Hand weggeschlagen haben oder ihm das Telefon aus der Hand gerissen haben, das weiss der Zeuge nicht mehr. Er und der andere Mann im Büro seien beide perplex gewesen.

Vom Opfer fehlt jede Spur

Eigentlich wollte Oberrichter Robert Fedier auch den zweiten Mann, der damals bei Manuel im Büro war, als Zeugen befragen. Doch er war am Freitagmorgen, trotz Vorladung, nicht in Aarau erschienen. Auf telefonische Nachfrage liess er ausrichten, er sei in Liechtenstein und könne unmöglich kommen. Für das unentschuldigte Nichterscheinen verhängte das Obergericht eine Busse von 300 Franken.

Die Richter verzichteten aber darauf, eine weitere Verhandlung anzusetzen, um auch den dritten Zeugen noch zu befragen. Der Sachverhalt in der Anklageschrift sei genügend bewiesen. «Es gibt keinen Grund für Zweifel, dass es nicht so gewesen sein soll», sagte Robert Fedier.

Auch Manuel, das Opfer, konnte nie vor Gericht befragt werden. Von ihm fehlt jede Spur. Er wurde im Amtsblatt vorgeladen, erschien aber weder zur ersten noch zur zweiten Verhandlung vor Obergericht. Markus könnte den Schuldspruch des Obergerichts ans Bundesgericht weiterziehen.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1