Beznau
Geht AKW wieder ans Netz? Atomgegner künden zwei Demos an

Seit bald 1100 Tagen steht Beznau I still – das soll sich Ende Monat offenbar ändern. Zumindest glauben das Grüne und AKW-Kritiker und wollen darum am Dienstag dagegen protestieren, dass der Block 1 bald wieder in Betrieb geht.

Fabian Hägler
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Die Brücke, die aus Richtung Döttingen zur Aareinsel führt, auf der das AKW Beznau steht, ist ab sofort gesperrt.

Die Brücke, die aus Richtung Döttingen zur Aareinsel führt, auf der das AKW Beznau steht, ist ab sofort gesperrt.

Sandra Ardizzone

Information über die Befunde im Reaktordruckbehälter von Beznau 1: Unter diesem Titel lädt das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat Ensi zur Medienkonferenz am Dienstag ein. Was nach trockener technischer Materie klingt, mobilisiert die AKW-Gegner im Aargau – sie gehen davon aus, dass die Atomaufsichtsbehörde morgen in Brugg mitteilt, dass der erste Reaktorblock bald wieder ans Netz geht.

«Die Anzeichen verdichten sich, dass das AKW Beznau I nach über 1100 Tagen Stillstand, trotz mangelhaftem Reaktordruckbehälter und etlichen weiteren Mängeln, am 31. März wieder in Betrieb genommen werden soll», heisst es in einer Mitteilung der Grünen Aargau. Und kämpferisch: «Wir sind nicht bereit, dies hinzunehmen.»

Falls das Ensi an der Pressekonferenz grünes Licht für das Wiederanfahren von Beznau 1 geben sollte, rufen die Grünen für Dienstagabend zu einer Demonstration auf. Bei der «friedlichen Spontankundgebung» vor dem Axpo-Hauptsitz in Baden wolle man ab 18 Uhr lautstark Alarm schlagen. Geplant sind Ansprachen von Parteipräsidentin Regula Rytz, alt Nationalrat Rudolf Rechsteiner vom Trinationalen Atomschutzverband und Greenpeace-Atomspezialist Florian Kasser.

Kraftwerksinsel abgeriegelt

Schon am Morgen bei der Medienkonferenz wollen die AKW-Gegner um Heini Glauser, die seit dem Atomunfall von Fukushima im März 2011 regelmässig Mahnwachen vor dem Ensi-Hauptsitz in Brugg durchführen, gegen die mögliche Wiederinbetriebnahme von Beznau 1 protestieren.

Glauser schreibt in einem Mail an «Mahnwachende und Sympathisantinnen», schon die neu montierten Absperrungen beim Atomkraftwerk Beznau würden darauf hinweisen, dass der Reaktor bald wieder ans Netz geht.

Tatsächlich sind auf der Zufahrtsstrasse zur Kraftwerksinsel letzte Woche massive Betonblöcke aufgestellt worden. Antonio Sommavilla, Sprecher der AKW-Betreiberfirma Axpo, teilte Tele M1 mit, die Sicherungsmassnahmen stünden «im Zusammenhang mit unserem Ziel- und Planungstermin für die Wiederinbetriebnahme von Block 1 am 31. März 2018».

Für Dienstag hat die Axpo eine eigene Pressekonferenz angekündigt, direkt im Anschluss an die Medieninformation des Ensi. Atomgegner Glauser hält in seinem Mail fest, deshalb sei «eine starke Präsenz von Mahnwachenden und anderen AKW-Kritikerinnen vor dem Ensi wichtig, um unsere Meinung auszudrücken».

Vor vier Jahren verschafften sich Dutzende Greenpeace-Aktivisten Zutritt zum Areal des Atomkraftwerks Beznau. Sie forderten die Abschaltung und eine gesetzliche Maximallaufzeit der Reaktoren.

Die Axpo äussert sich nicht dazu, ob sie sich nun vor erneuten Protesten fürchtet und darum die Kraftwerksinsel absperrt. Ob Greenpeace wieder Aktionen plant, will Florian Kasser, Zuständiger für das Atomdossier, bei Tele M1 nicht verraten.

Warnung von «Fokus Anti-Atom»

Derweil teilt die atomkritische Organisation «Fokus Anti-Atom» mit, aus ihrer Sicht sei der Reaktordruckbehälter von Beznau 1 – unabhängig von den Schwachstellen, die 2015 entdeckt wurden und zur Abschaltung führte – zu schwach dimensioniert.

Ingenieur Joseph Jenni, der selber Druckgefässe auslegt, wird in einer Mitteilung mit der Aussage zitiert, ein durchschnittlicher Boiler sei «mit einer deutlich höheren Sicherheitsmarge ausgelegt als dies bei Reaktordruckgefässen des AKW Beznau der Fall ist». Ende Januar habe man die Aufsichtsbehörde auf die «offenbar nicht beachteten Fakten» aufmerksam gemacht, Fragen seien aber bisher unbeantwortet geblieben.

«Das Ensi lässt sich so lange Zeit um den gefällten Entscheid zur Wiederaufnahme des Betriebs von Beznau 1 nicht zu hinterfragen», hält Jürg Joss von «Fokus Anti-Atom» fest.

Sebastian Hueber, Mediensprecher des Ensi, sagt auf Anfrage: «Da unsere Fachleute derzeit intensiv mit dem Dossier Beznau 1 beschäftigt sind, konnten wir die Fragen noch nicht beantworten.» Das werde zu gegebener Zeit aber nachgeholt, verspricht Hueber, der zugleich festhält, die Berechnungen von «Fokus Anti-Atom» seien nicht korrekt.

Die Organisation habe nicht die richtige Wandstärke verwendet, um die Belastung des Druckbehälters zu ermitteln. Hueber betont zudem , ein Boiler werde mehrmals täglich ein- und wieder ausgeschaltet und erfahre somit häufige Belastungsveränderungen.

Ein Reaktor werde in der Regel nur ein- bis zweimal pro Jahr ein- und wieder ausgeschaltet, deshalb sei die Belastung deutlich geringer. «Zusammengefasst: Der Reaktordruckbehälter von Beznau 1 ist ausreichend dimensioniert», sagt Hueber.

Auch bei der Axpo, der Betreiberfirma des Atomkraftwerks Beznau, lösen die Mitteilung und die Berechnungen von «Fokus Anti-Atom» nur Kopfschütteln aus.

Mediensprecher Antonio Sommavilla sagt: «Der Vergleich eines Boilers mit einem Reaktordruckbehälter mutet sehr abenteuerlich an.» Sommavilla hält weiter fest, der Behälter des ersten Reaktorblocks in Beznau habe stets dem internationalen und nationalen Regelwerk entsprochen.

100 mal höher...

... wäre die zulässige Radioaktivitätsdosis für die Bevölkerung, wenn drei Verordnungen so revidiert würden, wie dies der Bundesrat vorschlägt. Dies halten die Aargauer Grünen in einer dringlichen Motion fest, die sie heute im Grossen Rat einreichen wollen.

Bisher müssen AKW-Betreiber nachweisen, dass ihre Anlage bei sehr starken Erdbeben, wie sie alle 10 000 Jahre erwartet werden, robust genug ist, um die Bestrahlung auf 1 Millisievert pro Jahr zu begrenzen. Sonst muss das AKW abgeschaltet und nachgerüstet werden.

Bei der Revision der Verordnungen plant der Bundesrat laut den Grünen, den zulässigen Wert auf 100 Millisievert pro Jahr anzuheben – und dies auch bei Erdbeben, wie sie alle 10 Jahre zu erwarten sind. Die Grünen verlangen darum vom Regierungsrat, sich beim Bund in der
laufenden Vernehmlassung gegen die Änderung der Verordnungen einzusetzen.