Wie hört sich ein Gottesdienst an? Ein predigender Pfarrer, das Gemurmel von Leuten, die ihm nicht zuhören und lieber ein Schwätzchen halten oder im besten Fall Gebete flüstern, vielleicht das Knistern von Papier, wenn jemand die Seite des Gesangbuchs umschlägt.

Die Menschen, die bei Anita Kohler den Gottesdienst besuchen, können all diese Geräusche nicht wahrnehmen. Sie sind gehörlos. Kohler nicht, sie ist hörend und gibt der AZ einen Einblick in eine sonst in sich geschlossene Welt.

Stille Technik-Gottesdienste

Anita Kohler bezeichnet sich selbst als «Ökumene in Person». Und das nicht nur, weil sie reformierte Gehörlosenseelsorgerin der Nordwestschweiz und katholische Gehörlosenseelsorgerin des Aargaus ist. «Mein Vater war reformierter Diakon und meine Mutter eine katholische Nonne», sagt Kohler und lacht. Die 44-Jährige redet laut, aber nicht unangenehm laut, und sie gestikuliert viel: «Mein Vater war stark schwerhörig, deswegen habe ich schon immer mehr übers Visuelle kommuniziert.» So lernte sie auch die Grundkenntnisse der Gebärdensprache.

Nach dem Theologiestudium kam Kohler über Umwege ins Spezialgebiet der
Gehörlosenseelsorge. Das war vor zehn Jahren: «Hier fühle ich mich immer noch sehr wohl», sagt sie. Inzwischen beherrscht Kohler die Gebärdensprache fliessend. Trotzdem ist sie bei den Gottesdiensten auf die Technik angewiesen: «Ich beschäftige mich hauptsächlich damit, ob der Beamer funktioniert, ich die Power-Point-Präsentation auf dem Stick habe und ob die Leinwand aufgehängt ist.»

Bibeltexte in einfacher Sprache

Vorbereitung sei das Wichtigste, vor allem, wenn es um die Übersetzung der Bibeltexte geht. «Gebärden basieren auf einfacher Sprache. Und die Bibel ist nicht einfach geschrieben. Sie ist alt und voller abstrakter Begriffe. Gebärdensprache ist jedoch sehr visuell, alltäglich und modern», sagt Kohler. Das bedeute, dass sie vor jedem Gottesdienst die ausgewählten Stellen erst übersetzen muss – in einfache Sprache (siehe Illustration).

Anita Kohler ist nicht etwa wütend – hier stellt sich die Gehörlosenseelsorgerin vor und gebärdet ihren eigenen Namen. Auch die schwierigen Bibeltexte (links) werden in Gebärdensprache dargestellt, müssen aber erst in einfache Sprache (rechts) übersetzt werden.

Textvergleich

Anita Kohler ist nicht etwa wütend – hier stellt sich die Gehörlosenseelsorgerin vor und gebärdet ihren eigenen Namen. Auch die schwierigen Bibeltexte (links) werden in Gebärdensprache dargestellt, müssen aber erst in einfache Sprache (rechts) übersetzt werden.

«Jeder Satz, der mehr als ein Komma hat, ist nicht mehr gehörlosengerecht.» Bibeltexte zu übersetzen bedeute vor allem viel Arbeit, aber sei auch inhaltlich heikel, betont Kohler: «Man darf nichts weglassen, nichts hinzufügen, nicht interpretieren.» Ausserdem müsse man aufpassen, keine Kindersprache zu verwenden: «Ich habe erwachsene Menschen vor mir und mache ja keinen Religionsunterricht.»

Ist der Bibeltext übersetzt und der Beamer installiert, beginnt der rund 40-minütige Gottesdienst. Ziemlich kurz, wenn man die Dauer mit «normalen» Andachten vergleicht. «Einer gebärdenden Person, also mir, zu folgen, ist auch für Gehörlose mit der Zeit sehr anstrengend.» Sie selbst war nach ihren ersten Gottesdiensten «fix und fertig».

«Mein Hirn übersetzt andauernd. Unterdessen gebärde ich aber vieles schon automatisch.» Nach der Andacht folgt der wohl wichtigste Teil – das Kirchencafé. Kohler erklärt: «Gottesdienste für Gehörlose finden selten statt. Reformierte Andachten im Aargau beispielsweise nur acht bis zehn Mal im Jahr und das an zentralen Orten.»

Die meisten Gehörlosen nehmen also einige Kilometer auf sich, um daran teilzunehmen. «Sich auszutauschen und zu treffen ist deswegen umso wichtiger. Das ist der Grund für das Kirchencafé. Dort wird über Gott und die Welt – mehr über die Welt – geredet, und man geniesst auch das Zusammensein.» Kohler kennt einen Mann aus dem Wallis, der extra zu Gottesdiensten in den Kanton Baselland fährt, um dort Kollegen zu treffen.

Schrumpfende Gemeinden

Früher, sagt Kohler, habe es kaum Vereine für Gehörlose gegeben. Da übernahm die Kirche die Funktion des Treffpunkts. Kohlers Gottesdienste sind immer noch relativ gut besucht, aber auch sie verzeichnet sinkende Zahlen in den Gehörlosengemeinden. Das liegt nicht nur an der heutigen Vereinsvielfalt: «Die Anzahl gläubiger Personen nimmt auch bei Gehörlosen ab.» Ausserdem seien die Besucher meist über 50 Jahre alt – der Nachwuchs fehlt.

Der Grund: «Viele Junge bekommen schon kurz nach der Diagnose Gehörlosigkeit ein Cochlea-Implantat, mit dem sie mehr oder weniger gut hören können. Das ist natürlich sehr schön, aber dadurch schrumpfen unsere Gemeinden.»

Anita Kohler sagt, in ihre Gottesdienste kämen stets die «üblichen Verdächtigen». Wenn jemand fehlt, sei das umso auffälliger: «Innerhalb der Gehörlosengemeinden besteht ein stärkerer Zusammenhalt als bei uns Hörenden. Sie schauen aufeinander.» Die Selbsthilfe unter den Gehörlosen ist sehr ausgeprägt. «Ausserdem liegt es ihnen sehr am Herzen, als mün-
dige Personen wahrgenommen zu werden – was sie ja auch sind.»

Christlicher Gedanke erfüllt?

Anita Kohler ist auch Seelsorgerin: «Ich habe am Anfang damit gerechnet, dass mich die Gehörlosen fragen: ‹Warum bin ausgerechnet ich gehörlos?› Aber das war nur sehr selten Thema. Sie haben genau dieselben Fragen, Probleme und Bedürfnisse wie die Hörenden. Sie sind wie wir», sagt Kohler. Doch sie habe auch gemerkt, dass die Welt der Gehörlosen sehr verschlossen sein kann. Am Anfang war es nicht einfach für sie, darin Fuss zu fassen: «Es gab eine Distanz zwischen mir und ihnen, denn ich bin hörend. Aber sie haben bemerkt, dass ich ihr Sprachrohr sein und ihre Anliegen auch in die Welt der Hörenden einbringen kann.»

Ein Wort hat für Kohler einen ganz besonderen Stellenwert: Inklusion. Sie erklärt: «Dass es Spezialpfarrämter gibt, ist natürlich sehr gut. Und es ist schön, dass wir auf spezielle
Bedürfnisse eingehen.» Ihrer Meinung nach entspricht das aber nicht dem christlichen Grundgedanken: «Menschen mit Beeinträchtigung sollen automatisch ins Miteinander einbezogen werden. Es soll egal sein, wer du bist und wie du bist.»
Von der Umsetzung sei die Kirche aber noch ganz weit weg: «Da stecken wir nicht einmal in den Baby-Schuhen», sagt Anita Kohler.

Ab und an organisiert sie Gottesdienste, an denen Hörende und Gehör- lose gemeinsam teilnehmen und klärt ihre Berufskollegen über unterschiedliche Methoden auf. «Aber Gottes Mühlen mahlen langsam und die der Kirche noch langsamer.» Trotzdem liebt Kohler ihren Job, er sei eine Berufung für sie. Sie ist viel unterwegs, hat ein «Wanderpfarramt».

Anita Kohler besucht ihre Gemeindemitglieder im Spital oder daheim, organisiert Gottesdienste in der ganzen Nordwestschweiz und arbeitet zudem in einem kleinen Pensum als Gefängnisseelsorgerin in Solothurn. Wenn ihr die Arbeit doch mal zu viel wird, erholt sie sich bei der Gartenarbeit oder beim Gamen auf der X-Box: «Das tönt jetzt komisch, aber am liebsten spiele ich ‹Diablo›».