Historischer Roman

«Geheimnis der Äbtissin» Teil 2: Lockere Sitten im Kloster Königsfelden

Die Klosterkirche Königsfelden. Hier beginnt die Geschichte von Henmann von Mülinen, der von der Äbtissin Elisabeth einen verhängnisvollen Auftrag erhält.

Die Klosterkirche Königsfelden. Hier beginnt die Geschichte von Henmann von Mülinen, der von der Äbtissin Elisabeth einen verhängnisvollen Auftrag erhält.

Der historische Kurzroman spielt in den letzten Tagen der Habsburgerherrschaft. Er beginnt mit einer Hinrichtung in Königsfelden. In 12 Kapiteln erzählt er, wie drei Aargauer in Konstanz den Papst treffen wollen - und dabei in Lebensgefahr geraten.

Folge 2:

Am 6. Februar 1415. Henmann von Mülinen ging langsam das Seitenschiff der Kirche entlang. Durch die farbigen Glasfenster fiel im Süden die Nachmittagssonne herein und zauberte einen flimmernd bunten Teppich auf den Steinboden. Er betrachtete die Habsburger und die Heiligen, die in den Scheiben dargestellt waren. 

Unter einem Fenster, in dem zwei Frauen nebeneinander knieten, blieb er stehen. Die linke trug eine Krone auf dem Haupt, die rechte einen Schleier. Jede von ihnen hatte ein Kirchenmodell in Händen, das Modell der Klosterkirche Königsfelden, in der Henmann sich befand.

Es war eine schöne Kirche, dreischiffig, mit gotischen Spitzbögen zwischen den Schiffen und in den Fenstern und – wie es sich für eine Bettelordenskirche gehörte – flachen, hölzernen Decken im Langhaus. Nur der Chor, der durch einen Lettner vom Hauptschiff getrennt war, besass ein Gewölbe. Er war den Franziskanern vorbehalten, denen nördlich der Kirche ein Konvent eingerichtet worden war, damit es den Klarissen im Süden nicht an seelsorglichem Beistand fehlen würde. 

Henmann stellte sich zwischen die Pfeiler, die das Hauptschiff vom Seitenschiff abteilten, und verschränkte die Arme vor der Brust. Lächelnd schaute er zu den Königinnen Elisabeth und Agnes hoch. Er war der Hofmeister des Klosters Königsfelden und ein alter Mann, hielt sich aber trotz seiner 65 Jahre aufrecht und besass noch fast alle Zähne. Nur am Grau seines sorgfältig geschorenen Bartes und der Haare erkannte man sein Alter.

«Man hat ein Konzil in Konstanz einberufen, werte Königinnen. Auch unser Herr, Herzog Friedrich IV., soll bald dort eintreffen! Nun wird alles gut werden!»
Lange hatte es so ausgesehen, als ob das Glück die Habsburger im Aargau verlassen hätte, vor allem nach den furchtbaren Verlusten in der Schlacht von Sempach im Jahr 1386. Nicht nur Herzog Leopold III. war damals gefallen, sondern auch Henmanns Bruder Albrecht.

Die Helden von Sempach waren im Kloster Königsfelden begraben worden. Aber seit diesem schrecklichen Tag waren nun schon fast 30 Jahre vergangen, und die Zeit hatte viele Wunden geheilt.

Ausserdem hatte der junge Herzog Friedrich, dem die Vorlande seit einigen Jahren unterstanden, das Ansehen und die Macht der Habsburger hier wieder zu neuen Höhen geführt. Er hatte Baden an der Limmat zu seinem Herrschaftszentrum erkoren und in der dortigen Burg Stein alle wichtigen Besitzurkunden der Habsburger eingelagert.
Henmann musste an den Lehenstag im Mai 1412 in Baden denken.

Alle waren sie zusammengekommen: Berner, Luzerner, Zürcher und Schwyzer, Appenzeller, Aargauer und Thurgauer, Vertreter von Städten und Adel. Einen 50-jährigen Frieden hatten die Eidgenossen den Habsburgern geschworen! Und Henmann war als Mitglied des Aargauer Rittergeschlechts von Mülinen selbstverständlich auch dort gewesen.

Es sah wirklich nicht schlecht aus für die Habsburger und ihre Abtei Königsfelden. Doch beim Gedanken an den Lehenstag und das Kloster verdüsterte sich Henmanns Gesicht und er breitete anklagend die Arme aus.

«Ach, ihr edlen Frauen, was nützen all die verheissungsvollen äusseren Umstände in einer Gemeinschaft, die von innen heraus verdorben ist wie ein Kranker, dessen Körper langsam verfault?»

Die Sitten im Klarissenkloster Königsfelden waren mit den Jahren lockerer geworden, die Gebete und Jahrzeiten für die gefallenen Helden wurden nicht mehr treu eingehalten, Kleiderordnung und strenge Klausur nicht mehr von allen beachtet. Die adligen Damen liessen sich ihren Besitz nicht so einfach nehmen, und dazu zählten sie auch spitze Schuhe, gekräuselte Tüchlein und enge Röcke, wie sich bei der Visitation vor drei Jahren gezeigt hatte. Der Visitator hatte bei seiner Kontrolle sogar Liebesbriefe entdeckt und in einer der Zellen gar einen Dietrich. Von wegen Klausur!

«Der Fisch stinkt vom Kopf her, ihr wisst das besser als ich, edle Frauen!» Noch immer redete Henmann zu den beiden Königinnen im Fenster. Deren farbiges Abbild am Boden war mit der Sonne inzwischen ein Stück Richtung Chor gewandert.

Henmann war damals sehr empört gewesen. Seine Familie hatte schon wegen der Grablege der Sempacher Helden ein enges Verhältnis zum Kloster gepflegt. Am wütendsten hatte ihn die Äbtissin Elisabeth von Leiningen gemacht, die doch ihren Schwestern ein Vorbild hätte sein sollen. In ihrer Funktion musste sie das Kloster auch nach aussen vertreten, aber was Henmann einmal beobachtet hatte, war weit über jegliche Repräsentation hinausgegangen.

Fortsetzung folgt...

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