Kurzroman
«Geheimnis der Äbtissin» Teil 9: Henmann und Klingelfuss im gleichen Bett

Der historische Kurzroman beginnt in den letzten Tagen der Habsburgerherrschaft mit einer Hinrichtung in Königsfelden. In Kapitel 12 erzählt er, wie drei Aargauer in Konstanz den Papst treffen wollen – und in Lebensgefahr geraten. Hier ist Folge 9.

Monika Küble und Henry Gerlach
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Klosterkirche St. Ulrich in Emmishofen: Auf dem Weg nach Konstanz kehrt Ulrich Klingelfuss im Kreuzlinger Kloster des Heiligen Ulrich.

Klosterkirche St. Ulrich in Emmishofen: Auf dem Weg nach Konstanz kehrt Ulrich Klingelfuss im Kreuzlinger Kloster des Heiligen Ulrich.

Keystone

Folge 9:

(Hier können Sie nochmals die vorangegangenden Folge 8 nachlesen)

Es wird Zeit, dass wir wieder in die Stadt kommen!», sagte er, als sie am nächsten Morgen Richtung Bodensee weiterritten. Da sie sich inzwischen auf dem Pilgerweg befanden, der von Märstetten herkam, waren viele Menschen mit ihnen unterwegs, die meisten zu Fuss, einige wie sie zu Pferd oder mit Karren, auf denen sie Körbe voller Eier, Käse und Butter, Fleisch und Geflügel nach Konstanz brachten. Die Strasse führte durch kleine Wälder und Wiesen. Eine Gruppe von Pilgern schloss sich ihnen an.

Kurz und bündig: Darum geht es

Gefährliche Reise nach Konstanz

Im Jahre 1415 macht sich der Hofmeister des Klarissenklosters Königsfelden, Henmann von Mülinen, auf den Weg nach Konstanz. Dort findet ein Konzil statt – König und Papst, Kardinäle, Bischöfe und Adlige aus aller Herren Ländern sind anwesend. Henmanns Reisegefährte ist der Vogt von Baden, Ulrich Klingelfuss. Mülinen möchte vom Papst ein Privileg für das Kloster Königsfelden erlangen. Die Reise gestaltet sich jedoch schwierig und gefährlich. Mülinen muss gar um sein Leben fürchten.

«Ich kann mich gar nicht erinnern, hier früher so viele Wiesen gesehen zu haben», bemerkte Henmann.

«Die Thurgauer machen inzwischen jede Brache zur Wiese», erklärte Ulrich Klingelfuss. «Sie ernten Heu und züchten Vieh in Massen und schaffen alles nach Konstanz. Die vielen Konzilsbesucher und ihre Pferde müssen ja etwas zu beissen haben! Und die Milch machen sie zu Käse. Was auch besser ist!»

Als sie bei der Kapelle von Bernrain ankamen, wurde ihr Blick von der grandiosen Aussicht angezogen, die sich ihnen plötzlich eröffnete. Vor ihnen im weiten Tal lagen Konstanz und der Bodensee. Man sah die Stadtmauern und Tore und Türme, die gelben Schindel- oder roten Ziegeldächer der Häuser mit den Fahnen aus Rauch, die vielen Kirchen, das Kloster Kreuzlingen vor der Mauer, und rundherum schneebedeckte Felder und Rebberge und kleine Dörfer.

Man sah zur Rechten den See liegen und hinter der Stadt links plötzlich den Rhein auftauchen, der immer breiter und schliesslich wieder zum See wurde, man sah die Insel Reichenau mit ihren Kirchen und das Schloss Gottlieben und jenseits des Tales verschneite Hügel.

«Dieser Ort ist von Gott gesegnet!», sagte einer der Pilger andächtig.

‹Hoffentlich auch die Menschen, die darin zusammenkommen›, dachte Henmann sorgenvoll.

Nicht zu Unrecht, wie sich bald zeigen sollte.

Langsam ritten sie den steilen Weg hinab durch das Dorf Emmishofen. Von hier aus führte die Strasse geradewegs auf das gleichnamige Stadttor zu, hinter dem der Turm der Kirche Sankt Stephan und die Doppeltürme der Konstanzer Bischofskirche in einer Linie zu stehen zu schienen, ein Gebirge aus Steinquadern, dessen Gipfel sich immer höher türmten.

«Ich werde bei meinem Namensvetter, dem Heiligen Ulrich im Kloster Kreuzlingen einkehren», gab Ulrich Klingelfuss bekannt.

«Ich schliesse mich an», sagte Henmann, der die Gastfreundschaft der Kreuzlinger Augustinerchorherren bei einem früheren Konstanzaufenthalt schätzen gelernt hatte. Er hoffte nur inständig, dass er nicht wieder die Kammer mit Klingelfuss würde teilen müssen.

Vor der Stadtmauer bogen sie ab und ritten zum Kloster, das vor dem nach ihm benannten Kreuzlinger Tor lag. Dem Bruder Pförtner im schwarzen Habit erklärten sie, wer sie waren und was sie begehrten. Der lachte. «Ein Bett wollt ihr haben? Womöglich sogar jeder eins? Unser Gästehaus ist voll! Jetzt, wo es bald an die Papstwahl geht, kommt alle Welt nach Konstanz. Manche der Knechte schlafen sogar in Hundehütten oder leeren Weinfässern!»

«Das wäre doch ein guter Schlafplatz für Euch, Klingelfuss, wo Ihr so gerne Wein trinkt!», war es nun an Henmann zu spotten.

Doch Klingelfuss zog ungerührt seinen Beutel heraus und hielt dem Pförtner eine Münze hin. «Werter Bruder, das ist für Eure Armen. So ein Almosen könnt Ihr doch nicht ablehnen! Und ich will nicht mehr als einen Ort, wo ich des Nachts meine Glieder ausstrecken kann.» Mit Blick auf Henmann fügte er hinzu: «Im äussersten Notfall würde ich mein Lager sogar mit diesem Herrn teilen.»

Der Augustiner sah auf die blinkende Münze und überlegte. Schliesslich sagte er: «Ich kann ja mit dem Bruder Hospitarius sprechen, vielleicht findet sich noch etwas.»
Kurze Zeit später kam er mit einem zweiten Bruder zurück, der ihnen bedeutete, ihm zu folgen. Nachdem er den Knechten den Weg zum Stall gewiesen hatte, wo sie im Stroh bei den Pferden schlafen mussten, führte er Henmann und Klingelfuss nicht zum Gästehaus, wie sie gedacht hatten, sondern durch den Kreuzgang zum Abthaus.

«Unser ehrwürdiger Vater wird euch eine Kammer freimachen. Die Vertreter des Hauses Habsburg sind ihm willkommen!»

Henmann atmete auf. Wenn sie eine eigene Kammer bekamen, würde es womöglich auch zwei Betten geben. Doch er freute sich zu früh.

Die angekündigte Kammer entpuppte sich als Kämmerchen, in dem zu normalen Zeiten wohl allerlei Gerümpel aufbewahrt wurde. Nun hatte man ein Bett hineingestellt, das den Raum fast völlig ausfüllte.

«Mein lieber Herr Ritter, ich fürchte, wir werden uns diesen Pfühl teilen müssen», sagte Klingelfuss spöttisch. «So wird uns wenigstens nicht kalt in der Nacht.»
Henmann schwieg.

Fortsetzung folgt...

Inhaltsaangabe zu «Das Geheimnis der Äbtissin»

Der Roman beginnt mit der Hinrichtung des Königsmörders am 1. November 1309 auf einem Feld zwischen Brugg und Windisch. Gut 100 Jahre später, im Februar des Jahres 1415, macht sich der Hofmeister des Klarissenklosters Königsfelden, Henmann von Mülinen, auf den Weg vom Aargau nach Konstanz. Dort findet ein Konzil statt – König und Papst, Kardinäle, Bischöfe und Adlige aus aller Herren Ländern sind anwesend. Das grosse Schisma der katholischen Kirche mit drei Päpsten soll beendet werden. Henmanns Reisegefährte ist der Vogt von Baden, Ulrich Klingelfuss. Der will sich mit seinem Herrn, dem Habsburger Herzog Friedrich treffen, während Mülinen vom Papst ein Privileg für das Kloster Königsfelden erlangen möchte.

Die Reise gestaltet sich jedoch schwierig, denn die beiden Männer können sich nicht ausstehen, es ist Winter und der Weg gefährlich. Zu allem Übel trifft Mülinen unterwegs auch noch Heinrich Gessler, der mit dem Kloster Königsfelden und seiner schönen Äbtissin eine erbitterte Feindschaft pflegt. Gessler versucht, mit allen Mitteln zu verhindern, dass Mülinen seinen Auftrag erfüllen kann. Und auch in Konstanz läuft nichts so, wie Mülinen es sich vorgestellt hat. Als alles verloren scheint, ist es der viel geschmähte Ulrich Klingelfuss aus Baden, der vielleicht die Rettung bringen kann. Doch die Welt ist aus den Fugen geraten und die Machtverhältnisse ändern sich von einem Tag auf den andern.

Die wichtigsten Personen

- Henmann von Mülinen: Hofmeister des Klosters Königsfelden, Ritter und Burgenbesitzer
- Elisabeth von Leinigen: Äbtissin des Klosters Königsfelden, Verwandte des Habsburgerherzogs Friedrich IV. von Österreich
- Margarethe von Grünenberg: Ehemalige Äbtissin des Klosters Königsfelden
- Ulrich Klingelfuss: Habsburgischer Vogt von Baden im Aargau, neureicher Stadtbürger, Henmanns unfreiwilliger Weggefährte
- Heinrich Gessler von Brunegg: Adliger Burgenbesitzer, habsburgischer Dienstmann, Henmanns skrupelloser Gegenspieler
- Poggio Bracciolini: Florentinischer Renaissancehumanist, korrupter Papstsekretär
- Papst Johannes XXIII.: Mächtigster der drei Päpste des Schismas; einziger Papst, der zum Konzil kam
- Herzog Friedrich IV. von Österreich: Habsburgischer Landesherr im Aargau und Thurgau

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