Kurzroman
«Geheimnis der Äbtissin» Teil 7: Heinrich Gessler belästigt die Bademagd

Der historische Kurzroman beginnt in den letzten Tagen der Habsburgerherrschaft mit einer Hinrichtung in Königsfelden. In Kapitel 12 erzählt er, wie drei Aargauer in Konstanz den Papst treffen wollen – und in Lebensgefahr geraten. Hier ist Folge 7.

Monika Küble und Henry Gerlach
Drucken
Teilen
Die Stadtkirche der Stadt Winterthur.

Die Stadtkirche der Stadt Winterthur.

Keystone

Folge 7:

(Hier können Sie nochmals die vorangegangenden Folge 6 nachlesen)

«Wenn das nicht der Hofmeister von Königsfelden ist!», rief plötzlich jemand aus dem Zuber nebenan.

Henmann schrak hoch, diese Stimme kannte er nur allzu gut. Heinrich Gessler von Brunegg hatte ihn damals genötigt, den Vertrag zu bezeugen, mit dem er dem Kloster Königsfelden das Eigenamt abgeluchst hatte.

Kurz und bündig: Darum geht es

Gefährliche Reise nach Konstanz

Im Jahre 1415 macht sich der Hofmeister des Klarissenklosters Königsfelden, Henmann von Mülinen, auf den Weg nach Konstanz. Dort findet ein Konzil statt – König und Papst, Kardinäle, Bischöfe und Adlige aus aller Herren Ländern sind anwesend. Henmanns Reisegefährte ist der Vogt von Baden, Ulrich Klingelfuss. Mülinen möchte vom Papst ein Privileg für das Kloster Königsfelden erlangen. Die Reise gestaltet sich jedoch schwierig und gefährlich. Mülinen muss gar um sein Leben fürchten.

Henmann hatte eigentlich im Dienst von Heinrichs verwitweter Mutter gestanden, doch deren ältester Sohn hatte sich in alles eingemischt. Er war ein Raufbold und Tunichtgut, der bei einem Kampf ein Auge verloren hatte. Seinen verschwenderischen Lebensstil finanzierte er damit, dass er Teile der Habsburger Besitzungen, die seine Familie als Pfand erhalten hatte, weiter verpfändete.

So lebten seine Untertanen in ständiger Angst, den habsburgischen Schutz zu verlieren und unter eidgenössische Herrschaft zu kommen. Henmann hatte ihn zutiefst verabscheut, daher war er auch nur für kurze Zeit bereit gewesen, als Vogt für Brunegg zu amtieren.

Nun sass Gessler neben ihm in der Wanne, vor sich eine Schweinshaxe und einen Krug Wein. Seine Schultern waren mit einem Haarflaum bedeckt, der ebenso dunkel war wie sein Haupthaar und der dicke Bart. Er sah Henmann mit breitem Grinsen an.

«Was treibt Euch in die Stadt an der Eulach? Gibt es in Baden keine Badstuben mehr?»

Wiehernd lachte er über seinen Witz, dann fuhr er fort: «Oder seid Ihr womöglich auf dem Weg zum Konzil in Konstanz?»

«Was geht’s Euch an!», erwiderte Henmann nur und schloss die Augen in der Hoffnung, dass der andere ihn in Ruhe lassen möge.

Doch Gessler redete ungerührt weiter. «Ich habe gehört, dass die Äbtissin Elisabeth nicht begeistert war von dem, was ihre Vorgängerin ihr hinterlassen hat.»

«Wenn Ihr’s so gehört habt, mag es wohl so sein.»

«Vor allem habe sie sich geärgert über einen gewissen Vertrag!»

«Mein Tag war lang, lasst mir meine Ruhe!»

«Wisst Ihr, Herr Hofmeister, ich werde morgen nach Konstanz weiterreiten, damit ich rechtzeitig dort bin, wenn unser Herzog kommt. Ich habe einiges mit ihm zu bereden.»

Er wartete gespannt auf die Reaktion des Ritters von Mülinen, und in der Tat traf diese Ankündigung Henmann empfindlich. Nun würde es viel schwieriger werden, das Privileg des Papstes zu erhalten, mit dem er den Vertrag zwischen den Gesslern und Königsfelden rückgängig machen wollte. Gessler würde gegen ihn intrigieren, das war etwas, was er besonders gut konnte, und Henmanns Auftrag würde damit, wenn nicht unmöglich, so auf jeden Fall wesentlich kostspieliger werden.

Er seufzte und überlegte noch, was er erwidern konnte, als eine Bademagd an seinen Zuber trat. Sie schüttete einen Eimer heisses Wasser nach und lächelte ihn an. Doch plötzlich wurde sie von hinten gepackt, haarige Arme und Hände zerrten sie von Henmann fort, sie schrie auf und fiel fast in Gesslers Zuber.

«Komm her, du dralle Dirn», lachte der, «lass den Klosterdiener seine faden Knochen baden, ich zeige dir, was ein rechter Mann ist!»

Auf das Schreien der Magd kam der Bader herbeigelaufen.

«Herr Gessler, wenn Ihr andere Dienste wünscht als zu baden, dann müsst ihr Euch nach nebenan begeben! Dort sind die Gemächer der gemeinen Frauen, die Mägde hier sind nur für das heisse Wasser zuständig!» Er nahm die Frau an der Hand und zog sie fort.

Gessler lachte laut und sagte zu Henmann: «In Baden sind die Mägde nicht so zimperlich.»

Henmann war die Lust am Wannenbad vergangen. Er rief den Bader und fragte nach einem Handtuch, dann erhob er sich und trocknete sich ab. Dabei stand er neben der Wanne von Gessler. Als er sich zum Gehen wandte, packte ihn der plötzlich am Arm und zog ihn mit starkem Griff so weit zu sich hinab, dass Henmanns Nase fast an seine stiess. Dann knurrte er: «Wenn Ihr keinen Ärger haben wollt, Hofmeister, dann vergesst den Vertrag!»

Henmann schüttelte ihn zornig ab und ging ohne ein weiteres Wort davon. Laut rief ihm der andere nach: «Ich wünsch Euch viel Vergnügen in der Konzilstadt!»

9. Februar 1415

Es war noch dunkel, als Henmann von Mülinen und Ulrich Klingelfuss von Winterthur Richtung Konstanz aufbrachen. Trotz des Ärgers mit Gessler hatte Henmann nach seinem Bad gut geschlafen. Bevor er zu Bett ging, hatte er überprüft, ob auch noch alle Münzen in seinem Beutel waren.

Dann war er zum Schnarchen seiner Knechte, die sich das zweite Bett in der Kammer teilten, beruhigt in tiefen Schlaf gefallen. Ulrich Klingelfuss wirkte weniger ausgeschlafen, offenbar hatte er mit seinem Freund, dem Schultheiss Huntzikon, ausgiebig das Wiedersehen gefeiert.

Fortsetzung folgt...

Inhaltsangabe zu «Das Geheimniss der Äbtissin»

Der Roman beginnt mit der Hinrichtung des Königsmörders am 1. November 1309 auf einem Feld zwischen Brugg und Windisch. Gut 100 Jahre später, im Februar des Jahres 1415, macht sich der Hofmeister des Klarissenklosters Königsfelden, Henmann von Mülinen, auf den Weg vom Aargau nach Konstanz. Dort findet ein Konzil statt – König und Papst, Kardinäle, Bischöfe und Adlige aus aller Herren Ländern sind anwesend. Das grosse Schisma der katholischen Kirche mit drei Päpsten soll beendet werden. Henmanns Reisegefährte ist der Vogt von Baden, Ulrich Klingelfuss. Der will sich mit seinem Herrn, dem Habsburger Herzog Friedrich treffen, während Mülinen vom Papst ein Privileg für das Kloster Königsfelden erlangen möchte.

Die Reise gestaltet sich jedoch schwierig, denn die beiden Männer können sich nicht ausstehen, es ist Winter und der Weg gefährlich. Zu allem Übel trifft Mülinen unterwegs auch noch Heinrich Gessler, der mit dem Kloster Königsfelden und seiner schönen Äbtissin eine erbitterte Feindschaft pflegt. Gessler versucht, mit allen Mitteln zu verhindern, dass Mülinen seinen Auftrag erfüllen kann. Und auch in Konstanz läuft nichts so, wie Mülinen es sich vorgestellt hat. Als alles verloren scheint, ist es der viel geschmähte Ulrich Klingelfuss aus Baden, der vielleicht die Rettung bringen kann. Doch die Welt ist aus den Fugen geraten und die Machtverhältnisse ändern sich von einem Tag auf den andern.

Die wichtigsten Personen

- Henmann von Mülinen: Hofmeister des Klosters Königsfelden, Ritter und Burgenbesitzer
- Elisabeth von Leinigen: Äbtissin des Klosters Königsfelden, Verwandte des Habsburgerherzogs Friedrich IV. von Österreich
- Margarethe von Grünenberg: Ehemalige Äbtissin des Klosters Königsfelden
- Ulrich Klingelfuss: Habsburgischer Vogt von Baden im Aargau, neureicher Stadtbürger, Henmanns unfreiwilliger Weggefährte
- Heinrich Gessler von Brunegg: Adliger Burgenbesitzer, habsburgischer Dienstmann, Henmanns skrupelloser Gegenspieler
- Poggio Bracciolini: Florentinischer Renaissancehumanist, korrupter Papstsekretär
- Papst Johannes XXIII.: Mächtigster der drei Päpste des Schismas; einziger Papst, der zum Konzil kam
- Herzog Friedrich IV. von Österreich: Habsburgischer Landesherr im Aargau und Thurgau

Aktuelle Nachrichten