Kurzroman
«Geheimnis der Äbtissin» Teil 4: Elisabeth entdeckt den ruchlosen Vertrag

Der historische Kurzroman beginnt in den letzten Tagen der Habsburgerherrschaft mit einer Hinrichtung in Königsfelden. In Kapitel 12 erzählt er, wie drei Aargauer in Konstanz den Papst treffen wollen – und in Lebensgefahr geraten. Hier ist Folge 4.

Monika Küble und Henry Gerlach
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Königsfelden
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Klosterkirche Königsfelden
Königsfelden
Kloster Königsfelden
Fenster Klosterkirche Königsfelden
Klosterkirche Königsfelden

Königsfelden

Folge 4:

Elisabeth von Leiningen trat wie ein Geist hinter dem Pfeiler hervor, an den er seinen Rücken angelehnt hatte. Bestürzt fragte er sich, wie lange sie schon dort gestanden und was sie alles mitangehört hatte. Doch sie liess ihm keine Zeit zum Nachdenken.

Kurz und bündig: Darum geht es

Gefährliche Reise nach Konstanz

Im Jahre 1415 macht sich der Hofmeister des Klarissenklosters Königsfelden, Henmann von Mülinen, auf den Weg nach Konstanz. Dort findet ein Konzil statt – König und Papst, Kardinäle, Bischöfe und Adlige aus aller Herren Ländern sind anwesend. Henmanns Reisegefährte ist der Vogt von Baden, Ulrich Klingelfuss. Mülinen möchte vom Papst ein Privileg für das Kloster Königsfelden erlangen. Die Reise gestaltet sich jedoch schwierig und gefährlich. Mülinen muss gar um sein Leben fürchten.

Mit hocherhobenem Haupt ging sie ihm rasch durch die dunkle Kirche voran zum Hauptportal. Henmann folgte ihr, beklommen und verunsichert, weil er sich nicht vorstellen konnte, was für ein Auftrag das sein würde.

Sie traten auf den Wirtschaftshof vor der Kirche, wo sich rechter Hand das Kornhaus befand. Den Klausurbereich des Klosters im Süden der Kirche mit Kreuzgang, Kapitelsaal, Dormitorium und Refektorium betrat er so gut wie nie. Doch nun befahl ihm Elisabeth, ihr zu folgen. Sie führte ihn durch den Kreuzgang zu einem Gebäude, das – wie Henmann wusste – noch von Königin Agnes erbaut und bewohnt worden war.

Nach ihrem Tod hatte man dort Werkstätten und Unterkünfte für die Kranken eingerichtet, doch die Äbtissin Elisabeth von Leiningen war der Meinung gewesen, sie sei eine würdige Nachfolgerin der Königin und müsse daher auch in deren Haus Wohnung nehmen. Dorthin brachte sie nun den überraschten Henmann.

Die Regale an den Wänden ihres Arbeitszimmers waren gefüllt mit Folianten und Schriftstücken. Elisabeth entzündete eine Kerze, setzte sich hinter einen grossen Tisch und bot ihm den Stuhl davor an. Dann entfaltete sie ein Schriftstück mit mehreren Siegeln, das vor ihr lag.

Henmann betrachtete unterdessen ihr Gesicht. Trotz ihrer 45 Jahre wirkte sie immer noch höchst anziehend, mit blauen Augen und einer kleinen, kecken Nase. Ihr Haar war unter dem eng anliegenden Schleier völlig verborgen, doch er wusste, dass es braun war. Und weich.

«Ihr kennt dieses Schreiben, nicht wahr?»

Der Hofmeister sah sich das Pergament an.

«Hier steht euer Name. Ihr wart Zeuge dieses Vertrags zwischen dem Kloster Königsfelden und den Gesslern von Brunegg.»

Verunsichert zuckte Henmann die Schultern.

«Er stammt aus der Zeit, als Margarete von Grünenberg hier meinen Platz eingenommen hatte. Die fromme Margarete! Glaubt Ihr, ich wüsste nicht, dass sie es war, die mir all die Dinge untergeschoben hatte, welche der Visitator damals bei mir gefunden hat? Aber Margarete ist keine Leuchte, ich kann mir nicht vorstellen, dass sie allein sich diese Intrige ausgedacht hatte!»

Nun sah sie ihm direkt in die Augen, fragend. Seit Elisabeth zurückgekehrt war, hatte Henmann bang auf diesen Moment gewartet. Tausendmal hatte er sich überlegt, was er ihr antworten würde. Doch jetzt fiel ihm nichts ein. Er wies auf das Pergament.

«Ihr habt Recht, da steht mein Name, nun sehe ich es auch.»

Elisabeth lächelte sarkastisch.

«Das habt Ihr gut hingekriegt, Henmann, Ihr wusstet, dass die törichte Margarete nicht merken würde, dass Ihr sie hinters Licht führt. Das Eigenamt gehört uns! Dem Kloster Königsfelden! Mit allen Rechten samt hohem Gericht! So hat es Herzog Friedrich 1411 bestimmt. Und was tut Ihr? Übertragt es einfach dem Gessler von Brunegg!»

Henmann begann zu schwitzen. Elisabeth war nicht nur wohlgestalt, sondern auch klug. Wenn sie ihn beim obersten Landesherrn wegen der Entfremdung von Königsfelder Gütern anzeigte, konnte die Lage für ihn äusserst unangenehm werden.

«Ich war ja nur Zeuge bei diesem Vertrag, man hat mich hinzugezogen, weil ich zufällig da war.»

«Ihr wart nicht zufällig da!», rief Elisabeth nun erbost. «In jenem Jahr wart Ihr Vogt auf der Brunegg! Ihr habt den Handel eingefädelt!»

«Glaubt mir, das ist nicht wahr! Gessler wusste, dass Margarete meine Base ist, und deshalb hat er mich gebeten, den Handel zu bezeugen. Ich wollte ihn davon abbringen, aber er hat darauf bestanden, dass ich als sein Vogt mit unterschreibe. Danach habe ich mein Amt auf der Brunegg aufgegeben!»

«Oh, Ihr Armer!» Ihre Stimme triefte vor Hohn. «Zum Glück hat die fromme Margarete Euch dann zum Hofmeister von Königsfelden gemacht! Den Fuchs hat sie in den Hühnerstall geholt!»

«Was wollt Ihr damit sagen? Ich habe als Hofmeister immer treu die Angelegenheiten des Klosters vertreten!»

Elisabeth seufzte streng. «Das ist der Grund, warum Ihr überhaupt noch hier seid, Henmann! Seit ich zurück bin, habe ich versucht, all die Dinge zu entwirren, die Margarete in ihrer unsäglichen Torheit verfilzt und verwickelt hat. So habe ich erst vor kurzem diesen Vertrag überhaupt entdeckt. Und Eure Verstrickung! Daraufhin habe ich der Frau meines Oheims Friedrich, Herzogin Anna von Braunschweig, einen Brief geschrieben.»

Henmann erschrak. «Was habt Ihr geschrieben?»

Fortsetzung folgt...

Inhaltsangabe zu «Das Geheimnis der Äbtissin»

Der Roman beginnt mit der Hinrichtung des Königsmörders am 1. November 1309 auf einem Feld zwischen Brugg und Windisch. Gut 100 Jahre später, im Februar des Jahres 1415, macht sich der Hofmeister des Klarissenklosters Königsfelden, Henmann von Mülinen, auf den Weg vom Aargau nach Konstanz. Dort findet ein Konzil statt – König und Papst, Kardinäle, Bischöfe und Adlige aus aller Herren Ländern sind anwesend. Das grosse Schisma der katholischen Kirche mit drei Päpsten soll beendet werden. Henmanns Reisegefährte ist der Vogt von Baden, Ulrich Klingelfuss. Der will sich mit seinem Herrn, dem Habsburger Herzog Friedrich treffen, während Mülinen vom Papst ein Privileg für das Kloster Königsfelden erlangen möchte.

Die Reise gestaltet sich jedoch schwierig, denn die beiden Männer können sich nicht ausstehen, es ist Winter und der Weg gefährlich. Zu allem Übel trifft Mülinen unterwegs auch noch Heinrich Gessler, der mit dem Kloster Königsfelden und seiner schönen Äbtissin eine erbitterte Feindschaft pflegt. Gessler versucht, mit allen Mitteln zu verhindern, dass Mülinen seinen Auftrag erfüllen kann. Und auch in Konstanz läuft nichts so, wie Mülinen es sich vorgestellt hat. Als alles verloren scheint, ist es der viel geschmähte Ulrich Klingelfuss aus Baden, der vielleicht die Rettung bringen kann. Doch die Welt ist aus den Fugen geraten und die Machtverhältnisse ändern sich von einem Tag auf den andern.

Die wichtigsten Personen

- Henmann von Mülinen: Hofmeister des Klosters Königsfelden, Ritter und Burgenbesitzer
- Elisabeth von Leinigen: Äbtissin des Klosters Königsfelden, Verwandte des Habsburgerherzogs Friedrich IV. von Österreich
- Margarethe von Grünenberg: Ehemalige Äbtissin des Klosters Königsfelden
- Ulrich Klingelfuss: Habsburgischer Vogt von Baden im Aargau, neureicher Stadtbürger, Henmanns unfreiwilliger Weggefährte
- Heinrich Gessler von Brunegg: Adliger Burgenbesitzer, habsburgischer Dienstmann, Henmanns skrupelloser Gegenspieler
- Poggio Bracciolini: Florentinischer Renaissancehumanist, korrupter Papstsekretär
- Papst Johannes XXIII.: Mächtigster der drei Päpste des Schismas; einziger Papst, der zum Konzil kam
- Herzog Friedrich IV. von Österreich: Habsburgischer Landesherr im Aargau und Thurgau

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