Historischer Roman
«Geheimnis der Äbtissin» Teil 2: Lockere Sitten im Kloster Königsfelden

Der historische Kurzroman spielt in den letzten Tagen der Habsburgerherrschaft. Er beginnt mit einer Hinrichtung in Königsfelden. In 12 Kapiteln erzählt er, wie drei Aargauer in Konstanz den Papst treffen wollen - und dabei in Lebensgefahr geraten.

Monika Küble und Henry Gerlach
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Die Klosterkirche Königsfelden. Hier beginnt die Geschichte von Henmann von Mülinen, der von der Äbtissin Elisabeth einen verhängnisvollen Auftrag erhält.

Die Klosterkirche Königsfelden. Hier beginnt die Geschichte von Henmann von Mülinen, der von der Äbtissin Elisabeth einen verhängnisvollen Auftrag erhält.

Pascal Meier

Folge 2:

Am 6. Februar 1415. Henmann von Mülinen ging langsam das Seitenschiff der Kirche entlang. Durch die farbigen Glasfenster fiel im Süden die Nachmittagssonne herein und zauberte einen flimmernd bunten Teppich auf den Steinboden. Er betrachtete die Habsburger und die Heiligen, die in den Scheiben dargestellt waren.

Kurz und bündig: Darum geht es

Im Jahre 1415 macht sich der Hofmeister des Klarissenklosters Königsfelden, Henmann von Mülinen, auf den Weg nach Konstanz. Dort findet ein Konzil statt – König und Papst, Kardinäle, Bischöfe und Adlige aus aller Herren Ländern sind anwesend. Henmanns Reisegefährte ist der Vogt von Baden, Ulrich Klingelfuss. Mülinen möchte vom Papst ein Privileg für das Kloster Königsfelden erlangen. Die Reise gestaltet sich jedoch schwierig und gefährlich. Mülinen muss gar um sein Leben fürchten.

Es war eine schöne Kirche, dreischiffig, mit gotischen Spitzbögen zwischen den Schiffen und in den Fenstern und – wie es sich für eine Bettelordenskirche gehörte – flachen, hölzernen Decken im Langhaus. Nur der Chor, der durch einen Lettner vom Hauptschiff getrennt war, besass ein Gewölbe. Er war den Franziskanern vorbehalten, denen nördlich der Kirche ein Konvent eingerichtet worden war, damit es den Klarissen im Süden nicht an seelsorglichem Beistand fehlen würde.

Inhaltsangabe zu «Das Geheimnis der Äbtissin»

Der Roman beginnt mit der Hinrichtung des Königsmörders am 1. November 1309 auf einem Feld zwischen Brugg und Windisch. Gut 100 Jahre später, im Februar des Jahres 1415, macht sich der Hofmeister des Klarissenklosters Königsfelden, Henmann von Mülinen, auf den Weg vom Aargau nach Konstanz. Dort findet ein Konzil statt – König und Papst, Kardinäle, Bischöfe und Adlige aus aller Herren Ländern sind anwesend. Das grosse Schisma der katholischen Kirche mit drei Päpsten soll beendet werden. Henmanns Reisegefährte ist der Vogt von Baden, Ulrich Klingelfuss. Der will sich mit seinem Herrn, dem Habsburger Herzog Friedrich treffen, während Mülinen vom Papst ein Privileg für das Kloster Königsfelden erlangen möchte.

Die Reise gestaltet sich jedoch schwierig, denn die beiden Männer können sich nicht ausstehen, es ist Winter und der Weg gefährlich. Zu allem Übel trifft Mülinen unterwegs auch noch Heinrich Gessler, der mit dem Kloster Königsfelden und seiner schönen Äbtissin eine erbitterte Feindschaft pflegt. Gessler versucht, mit allen Mitteln zu verhindern, dass Mülinen seinen Auftrag erfüllen kann. Und auch in Konstanz läuft nichts so, wie Mülinen es sich vorgestellt hat. Als alles verloren scheint, ist es der viel geschmähte Ulrich Klingelfuss aus Baden, der vielleicht die Rettung bringen kann. Doch die Welt ist aus den Fugen geraten und die Machtverhältnisse ändern sich von einem Tag auf den andern.

Die wichtigsten Personen

- Henmann von Mülinen: Hofmeister des Klosters Königsfelden, Ritter und Burgenbesitzer
- Elisabeth von Leinigen: Äbtissin des Klosters Königsfelden, Verwandte des Habsburgerherzogs Friedrich IV. von Österreich
- Margarethe von Grünenberg: Ehemalige Äbtissin des Klosters Königsfelden
- Ulrich Klingelfuss: Habsburgischer Vogt von Baden im Aargau, neureicher Stadtbürger, Henmanns unfreiwilliger Weggefährte
- Heinrich Gessler von Brunegg: Adliger Burgenbesitzer, habsburgischer Dienstmann, Henmanns skrupelloser Gegenspieler
- Poggio Bracciolini: Florentinischer Renaissancehumanist, korrupter Papstsekretär
- Papst Johannes XXIII.: Mächtigster der drei Päpste des Schismas; einziger Papst, der zum Konzil kam
- Herzog Friedrich IV. von Österreich: Habsburgischer Landesherr im Aargau und Thurgau

Henmann stellte sich zwischen die Pfeiler, die das Hauptschiff vom Seitenschiff abteilten, und verschränkte die Arme vor der Brust. Lächelnd schaute er zu den Königinnen Elisabeth und Agnes hoch. Er war der Hofmeister des Klosters Königsfelden und ein alter Mann, hielt sich aber trotz seiner 65 Jahre aufrecht und besass noch fast alle Zähne. Nur am Grau seines sorgfältig geschorenen Bartes und der Haare erkannte man sein Alter.

«Man hat ein Konzil in Konstanz einberufen, werte Königinnen. Auch unser Herr, Herzog Friedrich IV., soll bald dort eintreffen! Nun wird alles gut werden!»
Lange hatte es so ausgesehen, als ob das Glück die Habsburger im Aargau verlassen hätte, vor allem nach den furchtbaren Verlusten in der Schlacht von Sempach im Jahr 1386. Nicht nur Herzog Leopold III. war damals gefallen, sondern auch Henmanns Bruder Albrecht.

Die Helden von Sempach waren im Kloster Königsfelden begraben worden. Aber seit diesem schrecklichen Tag waren nun schon fast 30 Jahre vergangen, und die Zeit hatte viele Wunden geheilt.

Ausserdem hatte der junge Herzog Friedrich, dem die Vorlande seit einigen Jahren unterstanden, das Ansehen und die Macht der Habsburger hier wieder zu neuen Höhen geführt. Er hatte Baden an der Limmat zu seinem Herrschaftszentrum erkoren und in der dortigen Burg Stein alle wichtigen Besitzurkunden der Habsburger eingelagert.
Henmann musste an den Lehenstag im Mai 1412 in Baden denken.

Alle waren sie zusammengekommen: Berner, Luzerner, Zürcher und Schwyzer, Appenzeller, Aargauer und Thurgauer, Vertreter von Städten und Adel. Einen 50-jährigen Frieden hatten die Eidgenossen den Habsburgern geschworen! Und Henmann war als Mitglied des Aargauer Rittergeschlechts von Mülinen selbstverständlich auch dort gewesen.

Es sah wirklich nicht schlecht aus für die Habsburger und ihre Abtei Königsfelden. Doch beim Gedanken an den Lehenstag und das Kloster verdüsterte sich Henmanns Gesicht und er breitete anklagend die Arme aus.

«Ach, ihr edlen Frauen, was nützen all die verheissungsvollen äusseren Umstände in einer Gemeinschaft, die von innen heraus verdorben ist wie ein Kranker, dessen Körper langsam verfault?»

Die Sitten im Klarissenkloster Königsfelden waren mit den Jahren lockerer geworden, die Gebete und Jahrzeiten für die gefallenen Helden wurden nicht mehr treu eingehalten, Kleiderordnung und strenge Klausur nicht mehr von allen beachtet. Die adligen Damen liessen sich ihren Besitz nicht so einfach nehmen, und dazu zählten sie auch spitze Schuhe, gekräuselte Tüchlein und enge Röcke, wie sich bei der Visitation vor drei Jahren gezeigt hatte. Der Visitator hatte bei seiner Kontrolle sogar Liebesbriefe entdeckt und in einer der Zellen gar einen Dietrich. Von wegen Klausur!

«Der Fisch stinkt vom Kopf her, ihr wisst das besser als ich, edle Frauen!» Noch immer redete Henmann zu den beiden Königinnen im Fenster. Deren farbiges Abbild am Boden war mit der Sonne inzwischen ein Stück Richtung Chor gewandert.

Henmann war damals sehr empört gewesen. Seine Familie hatte schon wegen der Grablege der Sempacher Helden ein enges Verhältnis zum Kloster gepflegt. Am wütendsten hatte ihn die Äbtissin Elisabeth von Leiningen gemacht, die doch ihren Schwestern ein Vorbild hätte sein sollen. In ihrer Funktion musste sie das Kloster auch nach aussen vertreten, aber was Henmann einmal beobachtet hatte, war weit über jegliche Repräsentation hinausgegangen.

Fortsetzung folgt...

Der Lesegenuss zum Ferienbeginn

Zum Ferienbeginn bietet die Aargauer Zeitung ihren Leserinnen und Lesern einen besonderen Genuss: Täglich erscheint eine Folge des historischen Kurzromans «Das Geheimnis der Äbtissin». Der Roman wurden von den beiden Autoren Monika Küble und Henry Gerlach exklusiv für die az geschrieben.

Die Geschichte spielt im Jahre 1415 im Aargau. Sie beginnt in Königsfelden und endet am Konzil in Konstanz, nur wenige Wochen bevor die Eidgenossen in den Aargau stürmen. Der Roman entstand auf Initiative des Museums Aargau und des Historischen Museums Thurgau. Der Kurzroman ist auch ein Beitrag zum Gedenkjahr 1415–2015 und erzählt anhand einer anschaulichen Geschichte, was sich vor 600 Jahren, kurz vor dem Einmarsch der Eidgenossen, im und rund um den Aargau abgespielt hat. Das Konstanzer Konzil hat dabei eine wichtige Rolle gespielt.

Von 1414 bis 1418 war die Stadt am Bodensee das Zentrum der christlichen Welt; die Einwohnerzahl schwoll von 7000 auf über 70'000 an; rund 800 Huren sollen sich mit den vielen Gesandten beschäftigt haben. Während der nächsten zwei Wochen wird täglich eine Folge des Kurzromans in der AZ veröffentlicht. Wer eine Folge verpasst, muss sich nicht grämen: Auch auf www.aargauerzeitung.ch wird der Roman zu lesen sein. Die Fortsetzung der Geschichte mit den Folgen des Konzils und dem weiteren Schicksal von Henmann, Klingelfuss und der Äbtissin wird im Herbst in den Thurgauer Medien erscheinen. Autorenduo aus Konstanz Monika Küble und Henry Gerlach haben bereits gemeinsam den historischen Roman «In Nomine Diaboli» verfasst, der ebenfalls zur Zeit des Konstanzer Konzils spielt. Deshalb waren sie für Martina Huggel vom Museum Aargau die ideale Besetzung für den historischen Kurzroman mit Aargauer Touch. Gerlach ist Konzilsexperte; Küble die Schriftstellerin.

Gemeinsam haben die beiden Handlung und Figuren entwickelt. Dann hat Monika Küble geschrieben und Henry Gerlach überprüft und gegengelesen; Monika Küble hat dann wiederum allfällige Anpassungen vorgenommen. Ebenfalls berücksichtigt wurden die Kommentare der Erstleser aus den beiden Museen und der AZ. Und was wussten die beiden vom Aargau? «Für mich war der Aargau Neuland», erklärt Monika Küble, die auch Kriminalromane und über Kunstgeschichte schreibt. Henry Gerlach hingegen hat sich gründlich mit dem Aargau befasst. So war er auch Teilnehmer am Symposium auf der Lenzburg, das sich mit der Planung des Gedenkjahres 2015 befasst hat. Er gilt als ausgewiesener Kenner des Konstanzer Konzils 1414–1418.

Beim Schreiben haben sich die Autoren streng an die Fakten gehalten: «Die Figuren sind historische Personen, die alle damals die beschriebenen Funktionen innehatten», erklärte Monika Küble. Ihre persönlichen Eigenschaften und Beziehungen verdanken sie indes der künstlerischen Freiheit der Autoren. Auch die Hintergründe sind historisch verbrieft. Schreibenderweise haben die beiden Autoren aus Konstanz den Aargau schätzen gelernt. Sie sind so angetan, dass sie vom 17. bis zum 20. Juli eine viertägige Aargauer Reise anbieten. Die Nachfrage sei erfreulich, sagt Küble.

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