Kurzroman
«Geheimnis der Äbtissin» Teil 12: Der Papst flieht und Henmann sieht klarer

Der historische Kurzroman beginnt in den letzten Tagen der Habsburgerherrschaft mit einer Hinrichtung in Königsfelden. In Kapitel 12 erzählt er, wie drei Aargauer in Konstanz den Papst treffen wollen – und in Lebensgefahr geraten. Hier ist Folge 12.

Monika Küble und Henry Gerlach
Drucken
Teilen
Im Konzilgebäude Konstanz fand das Konklave zur Wahl von Papst Martin V statt.

Im Konzilgebäude Konstanz fand das Konklave zur Wahl von Papst Martin V statt.

Keystone

Folge 11:

(Hier können Sie nochmals die vorangegangenden Folge 11 nachlesen)

Henmann bezahlte und nahm überglücklich seine Urkunde in Empfang. Als er mit Klingelfuss an der päpstlichen Wache vorbei zum Tor der Pfalz hinausging, kam ihnen ein einäugiger Mann entgegen. Rasch entwand Klingelfuss dem Hofmeister das Privileg und hielt es dem Entgegenkommenden vors Gesicht.

«Gott zum Gruss, Herr Gessler! Mein Freund Henmann hat soeben vom Papst ein wichtiges Privileg erhalten.» Dann versteckte er das Dokument rasch hinter seinem Rücken, als hätte er Angst, dass der andere es ihm entreissen könnte. Gessler stand wie vom Donner gerührt. Vor lauter Überraschung und Zorn fiel ihm keine Erwiderung ein.

Kurz und bündig: Darum geht es

Gefährliche Reise nach Konstanz

Im Jahre 1415 macht sich der Hofmeister des Klarissenklosters Königsfelden, Henmann von Mülinen, auf den Weg nach Konstanz. Dort findet ein Konzil statt – König und Papst, Kardinäle, Bischöfe und Adlige aus aller Herren Ländern sind anwesend. Henmanns Reisegefährte ist der Vogt von Baden, Ulrich Klingelfuss. Mülinen möchte vom Papst ein Privileg für das Kloster Königsfelden erlangen. Die Reise gestaltet sich jedoch schwierig und gefährlich. Mülinen muss gar um sein Leben fürchten.

Henmann konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Er nahm seine Urkunde wieder an sich, dann gingen sie zur nächsten Schänke, um den Rest des Geschäfts zu erledigen.

Poggio Bracciolini wartete schon im Stauf auf sie. Henmann bezahlte ihm die verlangten 100 Gulden, dann erhielt Klingelfuss seine 10 Gulden.

«Dafür lade ich euch auch zum welschen Wein ein!», verkündete er grosszügig, nachdem er die Münzen in seinen Beutel gesteckt hatte.

Nach einer Weile verabschiedete sich Poggio Bracciolini, der ja kein Deutsch konnte und mit dem holprigen Latein der beiden Aargauer offenbar seine Mühe hatte.

«Kommt einmal zu uns ins schöne Baden!» lud ihn Klingelfuss ein. «Unser heisses Wasser wird Euren Schreiberhänden und dem krummen Rücken guttun!»

Der Papstsekretär nickte lachend und ging.

«Diese Welschen!» Klingelfuss sah ihm hinterher und schüttelte den Kopf. «Man weiss nie, woran man mit ihnen ist. Elisabeth wird mit Euch zufrieden sein, Herr Hofmeister!»

Obwohl Klingelfuss recht hatte, wurde Henmann zornig. Immer wenn der Vogt ihren Namen aussprach, musste er an den Hoftag vor drei Jahren denken, an dem die Äbtissin so schamlos mit Klingelfuss gescherzt hatte. Er stellte seinen Becher ab und sagte: «Ich muss jetzt gehen.»

Doch da hielt ihn Klingelfuss am Arm zurück. «Henmann, was ist mit Euch? Wir haben gemeinsam die Reise hierher gemacht, ich hab Euren Braunen von der Fessel befreit, habe dafür gesorgt, dass Ihr ein gutes Nachtlager in der überfüllten Stadt bekommt und Euch zu diesem Privileg verholfen. Meint Ihr nicht, dass Ihr mir ein wenig dankbarer sein könntet?»

«Hab ich Euch nicht 10 Gulden dafür bezahlt?»

«Das meine ich nicht. Warum schaut Ihr mich grimmig an, sobald ich Eure Äbtissin erwähne?»

«Sie ist nichtmeine Äbtissin , so wenig wie Eure!»

«Was wollt Ihr damit sagen?»

«Glaubt Ihr, ich wüsste nicht, was damals am Hoftag in Baden geschehen ist? Wie Ihr sie angeschaut und mit Ihr gescherzt habt? Dass sie in Eurem Haus die Nacht verbracht hat? Dass Ihr Liebesbriefe an sie geschrieben habt?»

Klingelfuss sah Henmann entgeistert an. Dann begann er zu lachen, so laut, dass die anderen Gäste zu ihm herübersahen. Wütend stand Henmann wieder auf und wollte weggehen, doch Klingelfuss hielt sein Wams fest. Ihm liefen vor Lachen die Tränen übers Gesicht, als er sagte: «Henmann! Was geht nur in Eurem Kopf vor! Ich und die Äbtissin ?»

Verunsichert setzte sich der Hofmeister wieder auf die Bank, da fuhr Klingelfuss fort: «Elisabeth ist weiss Gott eine anmutige Frau. Aber sie ist eine Klarisse und damit Christus vermählt.»

«Als ob Euch das interessieren würde!»

«Wir haben uns am Hoftag gut unterhalten, die edle Frau von Leiningen und ich. Wir haben vielleicht auch den einen oder anderen Scherz gemacht. Und es ist richtig, sie hat in meinem Haus übernachtet, so wie auch ihr Oheim, Herzog Friedrich. Aber glaubt Ihr, ich hätte es jemals gewagt, sie anzurühren? Oder ihr gar Liebesbriefe zu schreiben? Wo denkt ihr hin!»

Kopfschüttelnd fügte er noch hinzu: «Ich bin zwar seit vier Jahren unbeweibt, aber wenn mir der Sinn nach einer Frau steht, gibt es andere Möglichkeiten, wie Ihr wisst.»

Henmann musste an den Hinweis des Vogtes auf die Badstube in Winterthur denken. Hatte er sich womöglich getäuscht? War das Verhältnis zwischen dem Vogt und der Äbtissin doch harmloser gewesen, als er gedacht hatte? Er war noch nicht ganz überzeugt, aber im Grunde wollte er Klingelfuss gerne glauben. So hob er zögernd seinen Becher und sagte schliesslich: «Nun denn, auf Euer Wohl, Klingelfuss!»

Der stiess mit ihm an, dann sagte er schmunzelnd: «Ihr seid ein alter Mann, Mülinen, und habt Weib und Kind. Da solltet Ihr euch nicht so sehr um die Zucht einer Äbtissin sorgen!»

In dieser Nacht floh Papst Johannes aus Konstanz. Sein Generalkapitän Friedrich von Österreich half ihm dabei. Und damit änderte sich alles. Für die Habsburger und für die Eidgenossen, für den Aargau und für den Thurgau, für Henmann und für Klingelfuss.

ENDE

Inhaltsangabe zu «Das Geheimniss der Äbtissin»

Der Roman beginnt mit der Hinrichtung des Königsmörders am 1. November 1309 auf einem Feld zwischen Brugg und Windisch. Gut 100 Jahre später, im Februar des Jahres 1415, macht sich der Hofmeister des Klarissenklosters Königsfelden, Henmann von Mülinen, auf den Weg vom Aargau nach Konstanz. Dort findet ein Konzil statt – König und Papst, Kardinäle, Bischöfe und Adlige aus aller Herren Ländern sind anwesend. Das grosse Schisma der katholischen Kirche mit drei Päpsten soll beendet werden. Henmanns Reisegefährte ist der Vogt von Baden, Ulrich Klingelfuss. Der will sich mit seinem Herrn, dem Habsburger Herzog Friedrich treffen, während Mülinen vom Papst ein Privileg für das Kloster Königsfelden erlangen möchte.

Die Reise gestaltet sich jedoch schwierig, denn die beiden Männer können sich nicht ausstehen, es ist Winter und der Weg gefährlich. Zu allem Übel trifft Mülinen unterwegs auch noch Heinrich Gessler, der mit dem Kloster Königsfelden und seiner schönen Äbtissin eine erbitterte Feindschaft pflegt. Gessler versucht, mit allen Mitteln zu verhindern, dass Mülinen seinen Auftrag erfüllen kann. Und auch in Konstanz läuft nichts so, wie Mülinen es sich vorgestellt hat. Als alles verloren scheint, ist es der viel geschmähte Ulrich Klingelfuss aus Baden, der vielleicht die Rettung bringen kann. Doch die Welt ist aus den Fugen geraten und die Machtverhältnisse ändern sich von einem Tag auf den andern.

Die wichtigsten Personen

- Henmann von Mülinen: Hofmeister des Klosters Königsfelden, Ritter und Burgenbesitzer
- Elisabeth von Leinigen: Äbtissin des Klosters Königsfelden, Verwandte des Habsburgerherzogs Friedrich IV. von Österreich
- Margarethe von Grünenberg: Ehemalige Äbtissin des Klosters Königsfelden
- Ulrich Klingelfuss: Habsburgischer Vogt von Baden im Aargau, neureicher Stadtbürger, Henmanns unfreiwilliger Weggefährte
- Heinrich Gessler von Brunegg: Adliger Burgenbesitzer, habsburgischer Dienstmann, Henmanns skrupelloser Gegenspieler
- Poggio Bracciolini: Florentinischer Renaissancehumanist, korrupter Papstsekretär
- Papst Johannes XXIII.: Mächtigster der drei Päpste des Schismas; einziger Papst, der zum Konzil kam
- Herzog Friedrich IV. von Österreich: Habsburgischer Landesherr im Aargau und Thurgau

Aktuelle Nachrichten