Kurzroman
«Geheimnis der Äbtissin» Teil 11: Henmann besticht den Sekretär des Papstes

Der historische Kurzroman beginnt in den letzten Tagen der Habsburgerherrschaft mit einer Hinrichtung in Königsfelden. In Kapitel 12 erzählt er, wie drei Aargauer in Konstanz den Papst treffen wollen – und in Lebensgefahr geraten. Hier ist Folge 11.

Monika Küble und Henry Gerlach
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Im Konzilgebäude Konstanz fand das Konklave zur Wahl von Papst Martin V statt.

Im Konzilgebäude Konstanz fand das Konklave zur Wahl von Papst Martin V statt.

Keystone

Folge 11:

(Hier können Sie nochmals die vorangegangenden Folge 10 nachlesen)

Ulrich Klingelfuss hatte sich zu Henmann gesellt, der trübsinnig vor einem Krug Wein sass.

«Henmann, hört zu, wenn Ihr wollt, kann ich Euch helfen!»

«Ich brauche Eure Hilfe nicht!»

«Seid nicht so ein sturer Esel, ich sehe doch, dass Ihr ständig zur Kanzlei geht und mit finsterem Gesicht wiederkommt. Warum habt Ihr Euer Privileg noch nicht bekommen?»

Kurz und bündig: Darum geht es

Gefährliche Reise nach Konstanz

Im Jahre 1415 macht sich der Hofmeister des Klarissenklosters Königsfelden, Henmann von Mülinen, auf den Weg nach Konstanz. Dort findet ein Konzil statt – König und Papst, Kardinäle, Bischöfe und Adlige aus aller Herren Ländern sind anwesend. Henmanns Reisegefährte ist der Vogt von Baden, Ulrich Klingelfuss. Mülinen möchte vom Papst ein Privileg für das Kloster Königsfelden erlangen. Die Reise gestaltet sich jedoch schwierig und gefährlich. Mülinen muss gar um sein Leben fürchten.

«Es ist der Fluch, der Fluch der Gertrud von Wart.»

«Was meint Ihr damit?»

«Als der Mörder von König Albrecht hingerichtet wurde, hat seine Frau einen Fluch über das Kloster Königsfelden verhängt. Und nun beginnt er sich zu erfüllen.»

Klingelfuss schüttelte den Kopf. «Ein vernünftiger Mann wie Ihr glaubt doch nicht an Weibergeschwätz!»

Henmann trank noch einmal, dann sagte er: «Der Papst hat noch nicht einmal meine Supplik genehmigt.»

«Noch nicht einmal diese Hürde habt Ihr genommen?» Klingelfuss lachte ungläubig. «Der Rest kann Wochen dauern! Habt Ihr nicht genug bezahlt?»

Henmann zuckte die Schultern. «Da hat jemand Einfluss auf Herzog Friedrich, gegen den ich nichts ausrichten kann.

«Und wer ist dieser Jemand?»

Ob ihn der Wein dazu trieb oder seine Verzweiflung, Henmann erzählte Klingelfuss die ganze verzwickte Geschichte um den Zwist mit Heinrich Gessler von Brunegg. Als er geendet hatte, antwortete Klingelfuss bestimmt: «Kommt morgen um die Mittagsstunde in die Schänke zum Stauf neben dem Bischofsmünster, wo sich die Domherren treffen, direkt am Kreuzgang.»

8. März 1415

Die langen Tische im Stauf waren gut besetzt, als Henmann von Mülinen gegen Mittag dort eintraf. Domherren und Kardinäle, Bischöfe und Kurienmitglieder nahmen hier ihren Imbiss ein oder sassen bei einem Krug Wein zusammen, um die neusten Entwicklungen des Konzils zu besprechen.

«Es heisst, Papst Johannes will aus der Stadt fliehen!»

«Dann wäre das Konzil vorbei.»

«Er würde in Avignon sein eigenes Konzil machen und sich als einzigen Papst bestätigen lassen.»

«Das wird der König niemals zulassen!»

Henmann schnappte einige Fetzen aus den lateinischen Unterhaltungen auf, als er sich zu Ulrich Klingelfuss in die hinterste Ecke durchkämpfte. Was er hörte, beunruhigte ihn aufs Äusserste.

Klingelfuss hatte sich etwas abseits niedergelassen. Bei ihm sass ein Mann von ungefähr 40 Jahren, mit leicht schütterem Haar und glattem Gesicht. Er trug kein Klerikergewand.

«Setzt Euch zu uns Henmann,» winkte der Badener den Hofmeister heran, «das ist der Sekretär des Papstes, Poggio Bracciolini! Ein sehr gelehrter Mann!»

Henmann wunderte sich, wen Klingelfuss alles kannte.

«Wenn Ihr ihm genug bezahlt, dann könnt Ihr schon in wenigen Tagen Euer Privileg erhalten!»

«Ich weiss nicht, ob ich so viel Geld habe.»

«Ach kommt, Euer Beutel ist doch prall gefüllt! Jeweils 25 Gulden für die vier Taxen der Kanzlei: Für Konzept, Reinschrift, Siegel und Registrierung, macht 100 Gulden. Dazu kommen noch einmal 100 Gulden dafür, dass Herr Bracciolini Euer Anliegen direkt dem Papst vorträgt. Und 10 Gulden für mich als Prokurator. In ein paar Tagen habt ihr Euer Privileg. Was haltet Ihr davon?»

Henmann schluckte. Die Preise der päpstlichen Kanzlei waren gestiegen, das wusste jeder, aber dass sie so hoch waren, hatte er nicht gedacht. Für 200 Gulden konnte man schon ein Haus in der Stadt kaufen.

«Was ist, wenn der Papst vorher flieht?»

Erschrocken legte Klingelfuss den Finger auf den Mund. «So etwas solltet Ihr nicht einmal denken! Ausserdem bezahlt Ihr erst, wenn Ihr das Privileg in Händen haltet.»

Henmann seufzte, dann sagte er: «In Ordnung!»

20. März 1415

Es dauerte zwölf Tage, bis Ulrich Klingelfuss dem Hofmeister mitteilte, dass er nun sein Privileg abholen könne. In der Kanzlei herrschte das übliche Gedränge. Es war schon später Nachmittag, als sich die beiden zwischen all den Menschen hindurch zwängten, vorbei an den Tischen der Abbreviatoren und Skriptoren bis zur Registratur.

Dort nahm der Hofmeister zwei gesiegelte Pergamenturkunden in Empfang, in denen dem Kloster Königsfelden bescheinigt wurde, dass es wieder in seine alten Rechte eingesetzt werden musste. Sie waren auf den 18. März datiert. Jetzt war alles zu Henmanns Zufriedenheit erledigt.

Er zog den Beutel hervor, um zu bezahlen.

Fortsetzung folgt...

Inhaltsangabe zu «Das Geheimniss der Äbtissin»

Der Roman beginnt mit der Hinrichtung des Königsmörders am 1. November 1309 auf einem Feld zwischen Brugg und Windisch. Gut 100 Jahre später, im Februar des Jahres 1415, macht sich der Hofmeister des Klarissenklosters Königsfelden, Henmann von Mülinen, auf den Weg vom Aargau nach Konstanz. Dort findet ein Konzil statt – König und Papst, Kardinäle, Bischöfe und Adlige aus aller Herren Ländern sind anwesend. Das grosse Schisma der katholischen Kirche mit drei Päpsten soll beendet werden. Henmanns Reisegefährte ist der Vogt von Baden, Ulrich Klingelfuss. Der will sich mit seinem Herrn, dem Habsburger Herzog Friedrich treffen, während Mülinen vom Papst ein Privileg für das Kloster Königsfelden erlangen möchte.

Die Reise gestaltet sich jedoch schwierig, denn die beiden Männer können sich nicht ausstehen, es ist Winter und der Weg gefährlich. Zu allem Übel trifft Mülinen unterwegs auch noch Heinrich Gessler, der mit dem Kloster Königsfelden und seiner schönen Äbtissin eine erbitterte Feindschaft pflegt. Gessler versucht, mit allen Mitteln zu verhindern, dass Mülinen seinen Auftrag erfüllen kann. Und auch in Konstanz läuft nichts so, wie Mülinen es sich vorgestellt hat. Als alles verloren scheint, ist es der viel geschmähte Ulrich Klingelfuss aus Baden, der vielleicht die Rettung bringen kann. Doch die Welt ist aus den Fugen geraten und die Machtverhältnisse ändern sich von einem Tag auf den andern.

Die wichtigsten Personen

- Henmann von Mülinen: Hofmeister des Klosters Königsfelden, Ritter und Burgenbesitzer
- Elisabeth von Leinigen: Äbtissin des Klosters Königsfelden, Verwandte des Habsburgerherzogs Friedrich IV. von Österreich
- Margarethe von Grünenberg: Ehemalige Äbtissin des Klosters Königsfelden
- Ulrich Klingelfuss: Habsburgischer Vogt von Baden im Aargau, neureicher Stadtbürger, Henmanns unfreiwilliger Weggefährte
- Heinrich Gessler von Brunegg: Adliger Burgenbesitzer, habsburgischer Dienstmann, Henmanns skrupelloser Gegenspieler
- Poggio Bracciolini: Florentinischer Renaissancehumanist, korrupter Papstsekretär
- Papst Johannes XXIII.: Mächtigster der drei Päpste des Schismas; einziger Papst, der zum Konzil kam
- Herzog Friedrich IV. von Österreich: Habsburgischer Landesherr im Aargau und Thurgau

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