Kurzroman
«Geheimnis der Äbtissin» Teil 10: Henmann wartet vergeblich und ist ratlos

Der historische Kurzroman beginnt in den letzten Tagen der Habsburgerherrschaft mit einer Hinrichtung in Königsfelden. In Kapitel 12 erzählt er, wie drei Aargauer in Konstanz den Papst treffen wollen – und in Lebensgefahr geraten. Hier ist Folge 10.

Monika Küble und Henry Gerlach
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An 1. März 1415 hatte wieder eine Konzilssitzung im Konstanzer Münster (Bild)stattgefunden, aber Henmann war im Kloster geblieben, weil ihn ein heftiger Katarrh und Halsschmerzen plagten.

An 1. März 1415 hatte wieder eine Konzilssitzung im Konstanzer Münster (Bild)stattgefunden, aber Henmann war im Kloster geblieben, weil ihn ein heftiger Katarrh und Halsschmerzen plagten.

Keystone

Folge 10:

(Hier können Sie nochmals die vorangegangenden Folge 9 nachlesen)

Henmann musste rasch erkennen, dass es nicht einfach sein würde, das Privileg beim Papst zu bekommen. Sein Antrag geriet schon beim ersten Schritt, der sogenannten Supplik, ins Stocken. Diese wurde von einem Referendar geprüft und dann dem Papst zur Genehmigung vorgelegt. Alle freigegebenen Suppliken wurden in der Registratur ausgehängt, und Henmann begab sich täglich in die Bischofspfalz, wo sich alle Ämter der päpstlichen Kanzlei befanden.

Kurz und bündig: Darum geht es

Gefährliche Reise nach Konstanz

Im Jahre 1415 macht sich der Hofmeister des Klarissenklosters Königsfelden, Henmann von Mülinen, auf den Weg nach Konstanz. Dort findet ein Konzil statt – König und Papst, Kardinäle, Bischöfe und Adlige aus aller Herren Ländern sind anwesend. Henmanns Reisegefährte ist der Vogt von Baden, Ulrich Klingelfuss. Mülinen möchte vom Papst ein Privileg für das Kloster Königsfelden erlangen. Die Reise gestaltet sich jedoch schwierig und gefährlich. Mülinen muss gar um sein Leben fürchten.

Viele Menschen drängten sich dort, um zu sehen, wie weit ihre Anträge gediehen waren, doch Henmann hielt stets vergeblich Ausschau. So blieb ihm nichts anderes übrig, als seine Hoffnung auf Herzog Friedrich und dessen Fürsprache zu setzen.

26. Februar 1415

Am 26. Februar war es endlich soweit: Friedrich von Österreich hielt Einzug in Konstanz. In Begleitung seiner Frau Anna und mit 500 Mann Gefolge ritt er zum feierlichen Klang von Posaunen durch das Kreuzlinger Tor in die Stadt hinein. Obwohl täglich neue Delegationen in der Konzilstadt eintrafen, war die Ankunft eines so mächtigen Mannes, der dazu noch Landesherr im benachbarten Thurgau und Aargau war, immer noch etwas Besonderes.

König Sigismund und viele Adlige und Stadtbürger ritten ihm entgegen, um ihn zur Bischofspfalz zu geleiten, wo der Papst residierte. Auch Henmann war unter ihnen, doch er hielt sich im Hintergrund. Er wusste, dass Friedrich im Kloster Kreuzlingen Quartier nehmen würde, und hatte beschlossen, ihn dort am Abend wegen des Privilegs anzusprechen. Der Herzog begab sich unverzüglich zum Papst und blieb bis zum Abend in der Pfalz. Henmann war längst ins Kloster zurückgekehrt und wartete ungeduldig, dass Friedrich sein Quartier aufsuchen würde.

Es war schon dunkel, als man endlich Hufgeklapper und Geschrei hörte. Mit etwa zwanzig Mann zog der Herzog im Kloster ein, den grössten Teil seines Gefolges hatte er in Unterkünfte im Thurgau geschickt. Henmann, der ungeduldig gemeinsam mit Ulrich Klingelfuss in der Klosterschenke gewartet hatte, stürzte zum Tor, als er den Lärm vernahm. Doch seine Hoffnungen wurden jäh zunichtegemacht. Neben dem Herzog und seiner Frau ritt ein Einäugiger auf einem grossen Rappen ins Kloster ein. Gessler scherzte mit Herzogin Anna, und als er Henmann sah, grinste er triumphierend.

Der Hofmeister traute sich daraufhin nicht, Friedrich auf den fatalen Vertrag zwischen dem Brunegger und dem Kloster Königsfelden anzusprechen, denn die beiden schienen sich tatsächlich nahe zu stehen. Was Gessler ihrem Landesherrn wohl erzählt hatte wegen des Vertrags? Immerhin befand sich Henmanns Unterschrift darunter.

Der Hofmeister beschloss, die Herzogin Anna von Braunschweig aufzusuchen und ihr die Grüsse von Äbtissin Elisabeth von Leiningen zu überbringen. Doch er wurde so kühl empfangen, dass er auch sie nicht zu fragen wagte, ob sie sich beim Papst für Königsfelden einsetzen könnte. Und dann tauchte eine Schwierigkeit ganz anderer Grössenordnung auf.

1. März 1415

«Habt Ihr schon gehört? Es heisst, dass alle drei Päpste zurücktreten sollen, auch Johannes!» Ulrich Klingelfuss klang wie immer spöttisch. «O weh, so viel Mühe und Geld um Privilegien verschwendet! All die Stunden in der Kanzlei vertan!»

Aufgrund seines Reichtums und der Bereitschaft, die Schulden Friedrichs in Baden grosszügig zu übernehmen, stand Klingelfuss dem Herzog ebenfalls recht nahe.

Henmann hatte sich bereits überlegt, ihn um Hilfe bei Friedrich zu bitten, doch nun kam ihm schon wieder die Galle hoch über seinen Spott.

«Johannes wird niemals zurücktreten!»

«Er ist ein Sturkopf, das weiss jeder, aber heute hat er in einer Bulle erklärt, dass er bereit sei, sein Amt aufzugeben, wenn die anderen beiden Päpste dies auch täten.»

An diesem Tag hatte wieder eine Konzilssitzung im Konstanzer Münster stattgefunden, aber Henmann war im Kloster geblieben, weil ihn ein heftiger Katarrh und Halsschmerzen plagten.

«Und wenn schon!», erwiderte er. «Die Privilegien, die die zurückgetretenen Päpste gewährt haben, bleiben auch in Zukunft bestehen! So hat es die Konzilsversammlung beschlossen.»

«Da wird die päpstliche Kanzlei jetzt überrannt werden. Ihr müsst Euch beeilen, Herr Ritter, wenn Ihr Euer Privileg noch erhalten wollt! Was wird Elisabeth sonst sagen?»

Bei diesem Namen packte den Hofmeister die Wut und er verfluchte die Enge in der Konzilstadt, die ihn zwang, mit Klingelfuss das Bett zu teilen. Niemals würde er diesen eingebildeten Aufschneider um Hilfe bitten. Nein, die einzige Möglichkeit bestand darin, das Verfahren in der Kanzlei zu beschleunigen. Allerdings wusste er angesichts seiner vergeblichen Versuche nicht recht, wie er das anstellen sollte.

Fortsetzung folgt...

Inhaltsaangabe zu «Das Geheimnis der Äbtissin»

Der Roman beginnt mit der Hinrichtung des Königsmörders am 1. November 1309 auf einem Feld zwischen Brugg und Windisch. Gut 100 Jahre später, im Februar des Jahres 1415, macht sich der Hofmeister des Klarissenklosters Königsfelden, Henmann von Mülinen, auf den Weg vom Aargau nach Konstanz. Dort findet ein Konzil statt – König und Papst, Kardinäle, Bischöfe und Adlige aus aller Herren Ländern sind anwesend. Das grosse Schisma der katholischen Kirche mit drei Päpsten soll beendet werden. Henmanns Reisegefährte ist der Vogt von Baden, Ulrich Klingelfuss. Der will sich mit seinem Herrn, dem Habsburger Herzog Friedrich treffen, während Mülinen vom Papst ein Privileg für das Kloster Königsfelden erlangen möchte.

Die Reise gestaltet sich jedoch schwierig, denn die beiden Männer können sich nicht ausstehen, es ist Winter und der Weg gefährlich. Zu allem Übel trifft Mülinen unterwegs auch noch Heinrich Gessler, der mit dem Kloster Königsfelden und seiner schönen Äbtissin eine erbitterte Feindschaft pflegt. Gessler versucht, mit allen Mitteln zu verhindern, dass Mülinen seinen Auftrag erfüllen kann. Und auch in Konstanz läuft nichts so, wie Mülinen es sich vorgestellt hat. Als alles verloren scheint, ist es der viel geschmähte Ulrich Klingelfuss aus Baden, der vielleicht die Rettung bringen kann. Doch die Welt ist aus den Fugen geraten und die Machtverhältnisse ändern sich von einem Tag auf den andern.

Die wichtigsten Personen

- Henmann von Mülinen: Hofmeister des Klosters Königsfelden, Ritter und Burgenbesitzer
- Elisabeth von Leinigen: Äbtissin des Klosters Königsfelden, Verwandte des Habsburgerherzogs Friedrich IV. von Österreich
- Margarethe von Grünenberg: Ehemalige Äbtissin des Klosters Königsfelden
- Ulrich Klingelfuss: Habsburgischer Vogt von Baden im Aargau, neureicher Stadtbürger, Henmanns unfreiwilliger Weggefährte
- Heinrich Gessler von Brunegg: Adliger Burgenbesitzer, habsburgischer Dienstmann, Henmanns skrupelloser Gegenspieler
- Poggio Bracciolini: Florentinischer Renaissancehumanist, korrupter Papstsekretär
- Papst Johannes XXIII.: Mächtigster der drei Päpste des Schismas; einziger Papst, der zum Konzil kam
- Herzog Friedrich IV. von Österreich: Habsburgischer Landesherr im Aargau und Thurgau

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