Bildung
Gegner des Lehrplans 21: «Wir verfolgen nicht eine politische Ideologie»

Die Heilpädagogin Elfy Roca und der Bezirkslehrer Harald Ronge lehnen den Lehrplan 21 ab. Sie wehren sich aber dagegen, in eine konservative politische Ecke gestellt zu werden. «Uns geht es um das Wohl der Schulkinder», sagen sie.

Hans Fahrländer
Drucken
Teilen
Das Unterschriftensammeln auf der Strasse hat sie in ihrer ablehnenden Haltung bestärkt: Elfy Roca und Harald Ronge.

Das Unterschriftensammeln auf der Strasse hat sie in ihrer ablehnenden Haltung bestärkt: Elfy Roca und Harald Ronge.

Sandra Ardizzone

Frau Roca, Herr Ronge, Sie haben die nötige Zahl von 3000 Unterschriften unter Ihre Volksinitiative schon seit Weihnachten beisammen, sammeln aber noch bis Ende Mai weiter – warum?

Elfy Roca: Wir haben ja nach der Lancierung im August 2014 ein ganzes Jahr Zeit. Und wir wollten schon ein wenig mehr Unterschriften beibringen als das geforderte Minimum. Der Hauptgrund ist aber: Wir erleben beim Sammeln auf der Strasse immer wieder spannende Gespräche mit Eltern oder Grosseltern, die uns bestätigen, dass wir auf dem richtigen Weg sind, dass es den Schulkindern heute schon am Basiswissen fehlt und dass es dringend nötig ist, diesen Lehrplan im Aargau zu verhindern.

Die Aargauer Regierung hat beschlossen, den Lehrplan 21 frühestens auf das Schuljahr 2020/21 einzuführen. Das dauert noch mindestens fünf Jahre.

Harald Ronge: Der Lehrplan wurde von der Erziehungsdirektorenkonferenz verabschiedet. Wann er eingeführt werden soll, ist für uns unerheblich. Uns geht es um die Sache. Für uns ist das Dokument nicht einfach «nicht so gut gelungen». Wir halten die Entwicklungen, die es auslösen wird, für gefährlich.

Volksinitiative wird am 2. Juni eingereicht: Für eine gute Bildung, gegen den Lehrplan 21

Der Lehrplan 21, der erste gemeinsame Volksschul-Lehrplan, der in allen 21 deutschsprachigen Kantonen gelten soll, ist im November 2014 von der Konferenz der Deutschschweizer Erziehungsdirektoren verabschiedet worden. Es gab nur zwei Enthaltungen, die eine stammte vom Aargauer Bildungsdirektor Alex Hürzeler.

Sein Vorbehalt hatte indes nicht politischen Gründe, wie er damals betonte: «Ich hätte das Dokument vor der definitiven Verabschiedung zu Händen der Kantone gern nochmals überarbeitet.» Die Regierung hat beschlossen, den Lehrplan im Aargau frühestens auf das Schuljahr 2020/21 einzuführen. Trotzdem formierte sich im Kanton schnell, noch vor der definitiven Verabschiedung, Widerstand.

Ein Komitee, bestehend aus aktiven und ehemaligen Lehrkräften und Grossratsmitgliedern sowie weiteren Interessierten, beschloss die Lancierung einer Volksinitiative unter dem Titel «Ja zu einer guten Bildung – Nein zum Lehrplan 21». Nötig für das Zustandekommen sind 3000 Unterschriften. Diese Grenze wurde Ende 2014 bereits überschritten. Am 2. Juni wird nun die Initiative auf der Staatskanzlei eingereicht.

Die beiden Gesprächspartner gehören zum Kern des Initiativkomitees. Elfy Roca ist Primarlehrerin und Heilpädagogin. Sie wohnt in Oberrohrdorf und unterrichtet im Kanton Zürich. Harald Ronge ist Bezirkslehrer für Mathematik und Biologie. Er wohnt in Hermetschwil-Staffeln und unterrichtet in Bremgarten. (FA)

Eigentlich ist ein Lehrplan ein fachpädagogisches Instrument, die Regierung kann ihn auf dem Verordnungsweg einführen. Jetzt soll plötzlich das Volk mitreden?

Roca: Ja! Denn der Lehrplan 21 ist nicht einfach eine Fortschreibung bisheriger Lehrpläne. Er ist etwas ganz Neues. Und er zementiert Entwicklungen, die schon längst im Gang sind, in der Lehrerbildung, im Unterricht, bei den Lehrmitteln. Diese Entwicklungen müssen gestoppt werden.

Warum gerade eine Volksinitiative? Das ist ein «massives» Instrument.

Roca: Nur so kann die nötige demokratische Diskussion nachgeholt werden. Wir setzen an beim Paragrafen 13 des Schulgesetzes, der die Regierungskompetenz festschreibt. Wir machen einen ausformulierten Vorschlag, welcher Jahrgangsziele und Schulfächer fordert. Es ist der traditionelle Fächerkanon, den es so im Lehrplan 21 nicht mehr gibt. Wird die Initiative angenommen, kann der neue Lehrplan nicht eingeführt werden.

Nach dem Formalen zum Inhaltlichen. Warum ist für Sie der Lehrplan 21 so schädlich?

Roca: Dazu gibt es eine ganze Menge zu sagen. Im Zentrum für vieles, was wir ablehnen, steht das konstruktivistische Weltbild, das hinter dem Ganzen steckt.

Was hat sich der Laie darunter vorzustellen?

Ronge: Das traditionelle Unterrichten basiert auf der Instruktion: Der Lehrer erklärt den Stoff, die Kinder lernen und üben. Das Konzept des Konstruktivismus aber geht davon aus, dass die Schüler ihre Lernprozesse weitgehend selber steuern. Sie «konstruieren» sich quasi diesen individuellen Prozess und ihre Weltwahrnehmung. Der Lehrer ist dann nicht mehr primär Wissensvermittler, sondern «Prozessberater». Er soll sich im Hintergrund halten, eine «Lernumgebung» schaffen und den Lernprozess wie ein Coach begleiten.

Was ist daran so schlecht?

Roca: Was vielleicht bei Erwachsenen funktioniert, überfordert Kinder. Kinder brauchen Vorbilder, sie brauchen Einführung, Anleitung, sie müssen das Erarbeitete einüben. Dazu ist der fragend-entwickelnde Klassenunterricht zentral wichtig. Auch der bekannte Bildungsforscher John Hattie setzt den Lehrer und seinen Unterricht ins Zentrum allen erfolgreichen Lernens. Die «offenen Unterrichtssituationen», die sich im Trend befinden, überfordern vor allem leistungsschwächere Kinder. Dies ist eine unserer grössten Sorgen: Es entsteht eine Zweiklassengesellschaft. Die guten Schüler schaffen es unter Umständen, die schwächeren werden abgehängt.

Und der Lehrplan 21 ist durchtränkt von diesem Konstruktivismus?

Roca: Ja. Er ist die theoretische Grundlage. Es gibt keine Lernziele, keine Strukturierung, es wird lediglich aufgeführt, was für «Kompetenzen» die Kinder am Schluss beherrschen müssen. Die Wissensvermittlung rückt total in den Hintergrund. Das Kind soll quasi «aus sich selber heraus» das Ziel finden, man soll ihm ja nicht zu viel vorgeben.

Sie haben gesagt: Der Lehrplan 21 stehe nicht am Anfang dieser Entwicklung, sie sei längst im Gang, der Lehrplan setze ihr nur die Krone auf.

Ronge: Ja. Nehmen wir die Lehrmittel als Beispiel. Ich unterrichte an einer Bezirksschule. Das obligatorische Mathematik-Lehrmittel «Mathbu» – ein Lehrbuch für alle Oberstufentypen – stellt selbstentdeckendes Lernen ins Zentrum. Manchmal ist der Einstieg für die Jugendlichen interessant. Doch – wo bleiben die Grundfertigkeiten? Wie soll ich anwenden, wenn mir die Grundlagen fehlen? Die Jugendlichen werden «auf Entdeckungsreise» durch den Stoff geschickt. Doch was können sie entdecken, wenn ihnen Karte und Kompass fehlen?

Das heisst, die Folgen solch verfehlten Lernens sind heute schon sichtbar?

Ronge: Das erfahren wir eben auf der Strasse beim Sammeln. Eltern und Grosseltern beklagen, dass die Schule das Grundwissen nicht mehr vermittelt. Und diese Defizite setzen sich auch fort in höhere Schulstufen. Sie selber haben in Ihrer Zeitung kürzlich einen Lehrmeister interviewt, der genau dies gesagt hat: Unseren Lehrlingen fehlt es an Grundwissen, sie können nicht mehr rechnen und schreiben und lesen. Dies, obwohl viele Lehrerinnen und Lehrer bereits heute mit grossem Aufwand versuchen, die Mängel der Lehrmittel und die Auswirkungen der Reformen zu korrigieren.

Und das Ganze hat Methode?

Roca: Ja. An der Pädagogischen Hochschule, wo die Lehrerinnen und Lehrer von morgen ausgebildet werden, dominiert die konstruktivistische Ideologie. Und von der PH aus gehen die entscheidenden Impulse in die Schullandschaft hinaus, in den Unterricht, aber auch in die Lehrmittel. Übrigens: Der Konstruktivismus ist nicht ein von uns erfundenes Feindbild. Der Kanton und die Lehrmittelverlage verwenden diesen Begriff in der Einführung zu den Lehrmitteln der neuen Generation ganz selbstverständlich.

Und was steckt da für eine Macht dahinter? Wer will, dass es so läuft? Wer sendet entsprechende Impulse aus? Die Erziehungswissenschaft? Die Politik?

Roca: Es ist wohl eine Vermischung von beidem. Klar ist: Diese Entwicklung findet nicht nur in der Schweiz statt, sie ist international. Damit verbunden ist der Zwang zur totalen Vergleichbarkeit, der sich in den von der OECD initiierten Pisa-Tests äussert. Auch diese ganze Testerei ist ja «kompetenzorientiert». Und die Checks, die im Bildungsraum Nordwestschweiz durchgeführt werden, atmen genau den gleichen Geist. Die Einschätzung eines Kindes sollte doch primär durch die Lehrerin erfolgen und nicht durch standardisierte Tests.

Aber nochmals: Wer will das alles? Linke Weltveränderer?

Ronge: Dem Phänomen ist mit dem politischen Links-Rechts-Schema nicht beizukommen. Die Reform ist ideologisch motiviert und leistet einer Ökonomisierung der Bildung, das heisst ihrer wirtschaftlichen Verwendbarkeit, Vorschub. Da lässt sich viel Geld verdienen.

Sie wehren sich aber auch gegen Veränderungen in gewissen Fächern und Lehrinhalten. Zum Beispiel, dass der Umweltschutz einen so hohen Stellenwert einnimmt.

Roca: Aber da geht es uns nicht um Politik. Wir sagen auch hier: Wie sollen die Kinder zu aktivem Umweltschutz angehalten werden, wenn sie die Umwelt, die Vögel, die Bäume und Gewässer nicht kennen?

Der ehemalige Direktor der Pädagogischen Hochschule, Rudolf Künzli, hat in dieser Zeitung gesagt: Dieser dicke Lehrplan bleibt in den meisten Schulzimmern sowieso im Regal stehen ...

Ronge: Aber die Lehrmittel, die Lehrerausbildung und die ganze Testerei basieren doch auf ihm! Die Tests entscheiden über die Schülerlaufbahnen. Darum kämpfen wir, nicht weil wir eine politische Ideologie verfolgen. Für uns steht das Wohl des Schulkindes im Mittelpunkt. Untersuchungen aus Deutschland, wo die konstruktivistische Methode schon länger gang und gäbe ist, zeigen: Diese Methode produziert viel Not und Leid, Schülerleid, auch psychiatrisch diagnostiziertes, das aus der Überforderung und dem Abgehängtwerden resultiert. Wenn die Schule auf Anleitung verzichtet, produziert sie verlorene Kinder.

Den Artikel «Die Aargauer werden über den Lehrplan 21 abstimmen» finden Sie hier.

Den Kommentar zum Thema finden Sie hier.

Aktuelle Nachrichten