Der Blick aus der Zelle geht in den Himmel. So hoch oben ist das Fenster. Die Gefangenen sollen zum Herrgott schauen und nicht ins Weite, so dachte man vor 150 Jahren. Und so geht der Blick darum noch heute – bloss himmelwärts. Aber nicht mehr lange.

Zurzeit wird der 1864 erbaute Fünfstern der Strafanstalt Lenzburg saniert. Die Arbeiten im ersten der vier Gefangenen-Trakte sind in vollem Gang.

Nicht nur die Fenster in den 190 Zellen werden vergrössert, auch warmes Wasser haben die Gefangenen künftig. Grösser werden die Zellen nicht. Auf exakt 7.6 Quadratmetern wird hier auch künftig gelebt – ein Hund dürfte laut Tierschutzgesetz auf dieser Fläche nicht gehalten werden. Es werden aber innerhalb des Areals zusätzliche Flächen für die Häftlinge geschaffen.

Die 70 Gefangenen, die in diesen Zellen zuvor lebten, wurden nicht umverlegt. Freie Plätze gibt es in Lenzburg nicht. Darum wurde die Anzahl Gefangener während der vergangenen eineinhalb Jahre monatlich um fünf Personen abgebaut.

Eine so grosse Baustelle innerhalb der Gefängnismauern, das ist ein Sicherheitsrisiko. «Natürlich wäre es mir wohler, wenn auf dem Areal alles so übersichtlich wäre wie sonst», sagt Gefängnis-Direktor Marcel Ruf. Die Sicherheitsvorkehrungen seien allerdings hoch und beginnen schon bei den Handwerkern: Jeder wurde polizeilich überprüft – 510 insgesamt. 138 haben bisher schon auf der Baustelle gearbeitet und einen Ausweis abgeholt. Ihr Gesicht wurde biometrisch vermessen. Jedes Mal beim Eintreten und Verlassen müssen sie ihren Kopf vor einen Scanner halten – das ist ihr Schlüssel.

Polizeilich überprüft und als sicher befunden wurde auch Serlay Sarihasanoglu. Er bricht Wände raus und zählt auf, was auf der Gefängnisbaustelle anders ist: Das Handy muss abgegeben werden, Radio ist nicht erlaubt, alles Baumaterial muss immer angekettet sein und das Werkzeug sogar vor der Mittagspause und nicht nur am Abend verräumt werden. Speziell sei auch, dass Gefangene auf der Baustelle mitarbeiten. «Wir dürfen nicht mit ihnen sprechen. Nur grüssen dürfen wir sie», sagt Sarihasanoglu – «Und wir müssen die Gefangenen siezen», ergänzt Sanitär Fabio Puppis. Drei Stockwerke weiter oben ist gerade ein Gefangener am Arbeiten. Er spitzt die Böden raus mit einem Presslufthammer. Ein Sicherheitsrisiko sei das nicht, sagt Direktor Ruf. Aber es helfe, die Kosten möglichst tief zu halten. Nur wenige können mitarbeiten.

40,8 Millionen Franken kostet die Gesamtsanierung der Justizvollzugsanstalt Lenzburg. Nötig ist sie, damit die alte Strafanstalt wieder den gesetzlichen Bestimmungen entspricht. Der Umbau der Zellen im Fünfstern ist der letzte Teil der Gesamtsanierung, die voraussichtlich Ende 2016 beendet sein wird.

Das grösste Sicherheitsrisiko sei, sich in falscher Sicherheit zu wiegen, sagt Ruf. «Wir dürfen nach eineinhalb Jahren nicht denken, bis jetzt ist nichts passiert, da wird wohl auch nichts mehr geschehen.» Man müsse stets wachsam sein. Dazu gehöre: Alle Autos der Handwerker müssen stets abgeschlossen sein, wenn der Container mit dem Bauschutt abgeholt wird, untersucht ihn ein Mitarbeiter mit einem Herzschlagdetektor. Ausserdem patrouillieren zusätzliche Wachen, Gefangene können sich nicht in der Nähe der Baustelle aufhalten und die Arbeitszeiten sind eingeschränkt. Arbeitsbeginn ist beispielsweise erst um 7:20 Uhr. «Zuerst müssen die Gefangenen auf ihre Arbeitsorte verteilt sein», sagt Ruf. Von 12 bis 13 Uhr dürfen keine lärmigen Arbeiten ausgeführt werden. Damit die Vollzugsbeamten hören, wenn sich ein Gefangener nicht an die Mittagsruhe hält.

Im November sollte der erste Trakt fertig sein. Die Handwerker ziehen dann weiter zum nächsten Trakt. Für 70 Gefangene heisst es dann die Sachen packen und umziehen. Von ihren neuen Zellen werden sie zum ersten Mal die neue Aussicht aus den Fenstern geniessen können. Ein bisschen luftiger wird übrigens auch die Toilette. Statt wie bisher in einem Holzkasten, steht sie frei in der Zelle. Das sei vielleicht ein bisschen unangenehm, sagt Ruf. Dadurch aber auch weil die Spülung neu hinter der Wand ist, fielen jedoch viele Verstecke weg – das wiederum macht die Arbeit für die Vollzugsmitarbeiter einfacher.