Kinderheim Hermetschwil

Gedemütigt, geschlagen, missbraucht: Ein Heimkind erzählt seine schreckliche Geschichte

Blick aufs Kloster in Hermetschwil im Jahr 1953. Im November 1878 wurde in den Nebengebäuden ein Waisenhaus gegründet. Heute wohnen im St. Benedikt Knaben und Jugendliche im Schulalter.

Blick aufs Kloster in Hermetschwil im Jahr 1953. Im November 1878 wurde in den Nebengebäuden ein Waisenhaus gegründet. Heute wohnen im St. Benedikt Knaben und Jugendliche im Schulalter.

Rosa war acht Jahre alt, als sie mit ihren Brüdern ins Kinderheim Hermetschwil kam. Sie weiss nicht, was aus den Mädchen wurde, die nachts mit ihr im Schlafsaal lagen, als die Männer kamen, um sich an ihnen zu vergreifen.

Am 24. Dezember 1959 meldete das Jugendamt Zürich drei Kinder zur Erziehung im Kinderheim St. Benedikt in Hermetschwil an. «Voraussichtlicher Heimaufenthalt? Unbestimmt», steht auf der Anmeldung.

Rosa erinnert sich noch genau. Andere Familien feierten Weihnachten, sie und ihre beiden Brüder mussten in «dieses blöde Heim». Rosa ist nicht ihr richtiger Name. Diesen möchte die 66-Jährige lieber nicht in der Zeitung lesen. Das ist ihr zu öffentlich. Aber ihre Geschichte will sie erzählen.

Alle sollen wissen, was die Kinder in den Sechzigerjahren im Heim über sich ergehen lassen mussten. Niemand soll die schrecklichen Geschehnisse unter den Teppich kehren oder sie herunterspielen.

Als Jüngste von drei Geschwistern wuchs Rosa in Zürich auf. Die Nachbarn kannten die Familie. Die Eltern stritten oft und laut. Die Polizei musste mehr als einmal ausrücken. 1955 wurde die Ehe der Eltern geschieden. Die Mutter erhielt das Sorgerecht. Weil sie sich mehr schlecht als recht um die drei Kinder kümmerte, verlangte der Vater ein neues Urteil.

1957 wurden die Kinder dem Vater zugesprochen. So ging das hin und her. Am Schluss lebten sie beim Grossvater in einer Zweizimmerwohnung, weil die Mutter zwar das Sorgerecht wieder hatte, sich aber nicht um die Kinder kümmerte. Das Jugendamt entschied, dass die Geschwister in einem Heim besser aufgehoben seien.

In Hermetschwil lebten damals 192 Kinder, wovon 111 schulpflichtig waren. Das geht aus dem Jahresbericht von 1960 hervor. Mädchen und Buben waren durch eine Mauer getrennt. Die damals achtjährige Rosa war alleine.

Ihre beiden Brüder sah sie nur in der Kirche. Sie schwenkten während der Messe das Weihrauchfass durch die Luft, während ihre kleine Schwester auf der Bank sitzen musste. Rosa mag die katholische Kirche nicht. Mochte sie schon damals nicht und heute erst recht nicht mehr.

Beten, beten, beten. Ständig mussten sie beten. Nach dem Aufstehen, vor dem Frühstück, vor der Schule, nach der Schule. Sie weiss nicht, wie oft am Tag. Scheinheilig findet sie das. Neben dem Beten gehörten nämlich drastische Strafen und Misshandlungen zum Alltag im Kinderheim. An die «Tatzen» mit dem Bambusstecken hat sich Rosa irgendwann gewöhnt. Es waren Hunderte.

Kleinigkeit reichte für Schläge

Warum die Nonnen schlugen, weiss sie bis heute nicht. «Vielleicht habe ich mich falsch bewegt oder zu wenig gebetet.» Es gab für Kleinigkeiten eines auf die Hände. Lugte ein Bein oder ein Arm unter der Bettdecke hervor, zückten die Nonnen den Stecken. Bettnässerinnen litten besonders. Sie mussten am nächsten Morgen mit dem genässten Leintuch auf dem Kopf durch den Schlafsaal laufen.

Im Mädchenschlafsaal standen damals etwa 50 Betten, erzählt Rosa. Dazwischen nur ein kleiner Spalt. Bett an Bett, Mädchen neben Mädchen. So nah und doch jedes für sich lagen sie da. Angespannt. Sie sollten schlafen. Wussten aber, jetzt passiert es dann wieder.

Die Tür geht auf. Manchmal kamen sie einzeln, manchmal mehrere aufs Mal. Fast jede Nacht. Sie gingen an den Betten vorbei, suchten sich ein Mädchen aus, stiegen zu ihm ins Bett. Das Mädchen neben ihr kam immer dran. «Sie war etwas weiter entwickelt als ich, das gefiel ihnen», sagt Rosa.

Die Mädchen machten keinen Mucks. «Es war stiller, als wenn alle geschlafen hätten. Da atmet man nicht mehr», sagt Rosa. Eine Schwester hatte jeweils Nachtwache. Sie schlief in einem separaten Kämmerchen. Rosa ist sich sicher, dass die Nachtwache die Männer in den Saal gelassen hatte. «Die haben sich gegenseitig gedeckt.» Sie waren eine eingeschworene Truppe. Im Gegensatz zu den Mädchen.

Den Heimkindern fehlte die Zeit, oder vielmehr der Freiraum, überhaupt Freundschaften zu schliessen. «Vielleicht war es Absicht. Wenn wir uns zusammengeschlossen hätten, wären wir ja plötzlich stark gewesen», sagt Rosa. So aber musste jede für sich schauen. Sie konnten einander nicht beschützen. «Ich weiss gar nicht, ob ich zu jemandem eine Beziehung hatte, erinnere mich an keine Namen, ausser an jenen des Mädchens im Bett neben mir», sagt Rosa.

Nur einmal traf Rosa ein ehemaliges Heimkind. Otto Zumsteg war achteinhalb Jahre in Hermetschwil – bevor Rosa und ihre Brüder dort waren. 2016 erzählte er in der «SRF-Rundschau» seine Geschichte. Rosa sah den Beitrag und kontaktierte ihn.

Er habe ihr Tipps gegeben, ihr erzählt, was er in Bezug auf die Opferhilfe alles gemacht hatte. Rosa sah ihn nur einmal. Es sei ihm nicht gut gegangen. Auch im Fernsehbeitrag erzählte er, er versuche, das erfahrende Leid durch psychologische Beratung zu verarbeiten, wünsche sich nichts mehr, als noch einmal im Leben richtig glücklich zu sein.

Es riecht noch gleich wie damals

Rosa und ihre beiden Brüder blieben nur eineinhalb Jahre in Hermetschwil. Ihr kam es vor wie fünf. Rausgeholt hat sie der Vormund. Einer ihrer Brüder wurde verprügelt, hatte Striemen am ganzen Körper. Der Vormund entschied, die Kinder müssten an einen anderen Ort.

Er war der Erste, der fragte, wie es ihnen gehe. Die Mutter kam zwar hin und wieder zu Besuch. Die drei Geschwister mussten jeweils getrennt warten. Rosa ging regelmässig vergessen. Sie sass dann stundenlang draussen vor dem Heim. Niemand vermisste sie.

Im Austrittsbericht fasst sich das Kinderheim kurz. Rosa sei «eine gute, liebe Schülerin gewesen, welche der Lehrerin wirklich viel Freude machte». Auch in der Gruppe hatte man sie «recht gern». Leider sei sie aber mit der Zeit auch etwas von den Brüdern beeinflusst worden. «So sah man es nicht ungern, dass eine Umplatzierung angestrebt wurde.» Die Geschwister kamen zu einer Bauernfamilie nach Dottikon. «Leider ist die Familie nicht katholisch», heisst es im Austrittsbericht.

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Nach den Bauern folgten weitere Kinderheime. Rosa erinnert sich nicht mehr, wo sie überall war und wie lange. Rückblickend ist sie stolz, dass aus ihr und den beiden älteren Brüdern trotzdem etwas geworden ist. Alle haben die Schule und eine Lehre abgeschlossen, gearbeitet, eine Familie gegründet.

Nachdem ihre Eltern gestorben waren, konnte Rosa endlich die Unterlagen im Archiv des Kinderheims anschauen. Mit einem mulmigen Gefühl fuhr sie zusammen mit ihrem Sohn nach Hermetschwil. Die Heimleiterin führte sie durch das heutige Heim und die Kirche. Rosa konnte sich kaum noch erinnern.

Aber der Geruch in der Kirche, er kehrte ihr fast den Magen. Es riecht gleich wie vor fast 60 Jahren. Rosa hoffte, in den Unterlagen mehr über ihre Eltern zu erfahren. Über die Gründe, warum sie und ihre Brüder im Heim landeten. Sie verbrachte mehrere Stunden im Archiv. Studierte ihre Akte und die ihrer Brüder, fertigte von einigen Seiten Kopien an.

Sie fand unzählige Quittungen. «Sobald es ums Geld ging, war alles sehr genau dokumentiert», sagt sie. Im Gegensatz zum Missbrauch. Kein Hinweis. Keine Notiz. Diese Geschichten kommen nur ans Licht, wenn ehemalige Heimkinder sie erzählen.

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