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Geburt, tierische Mitfahrer, Exhibitionisten: Was Busfahrer im Aargau alles erleben

Busfahrerinnen und Busfahrer kommen mit vielen Menschen in Kontakt. Entsprechend bekommen sie allerhand mit. Die AZ hat Busfahrer im Aargau nach ihren eindrücklichsten Erlebnissen gefragt.

Mark Walther
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Am Mittwochabend hat eine Frau im Bus auf dem Weg in die Aarauer Altstadt einen Jungen zur Welt gebracht. Nur wenige Buschauffere dürften in ihrer Karriere eine derart extreme Situation erleben. Doch in den Bussen der Region passiert immer wieder aussergewöhnliches – sei es lustig, tragisch oder schräg.

Der Bus als Zügelunternehmen

In der Region Aarau gab es in der letzten Zeit mehrere Vorfälle mit Exhibitionisten. «Das ist im Moment ein bisschen im Trend», sagt Peter Baertschiger, Geschäftsführer der Busbetrieb Aarau AG. Ebenfalls zur unangenehmen Sorte gehörte ein Fahrgast, der eine Weile lang in den Bus kotete.

Immer wieder kommt es vor, dass Menschen ihren Haushalt per Linienbus zügeln wollen. «Sie stehen dann mit Möbeln und Kisten an der Station und fragen den Fahrer, ob er nicht ein bisschen länger halten könne für sie», sagt Baertschiger.

Auch zu Fundgegenständen weiss er einiges zu erzählen:

«Gebisse sind ein beliebter Gegenstand zum Vergessen. Es kann sein, dass sie aus Jux deponiert werden. In der Regel werden sie aber wieder abgeholt im Fundbüro. Auch Hörgeräte und Velos gehen manchmal vergessen – und Geh-Hilfen. Es ist wundersam, wie Passagiere damit einsteigen, den Bus dann aber ohne sie verlassen.»

Fahrgäste vergessen aber nicht nur Gegenstände – auch der Nachwuchs blieb schon zurück. Marija Nikolova, zuständig für das Marketing der Regionalen Verkehrsbetriebe Baden-Wettingen (RVBW), erinnert sich an einen Fall: Ein Vater stieg mit seinen zwei Kindern bei der Haltestelle Winkelried in den Bus nach Gebenstorf. Das eine Kind war im Kinderwagen, das andere hielt die Hand des Vaters. Ein paar Haltestellen weiter verliess er den Bus. Den Kinderwagen liess er samt Inhalt zurück. Der aufmerksame Chauffeur verständigte die RVBW-Leitstelle, die umgehend die Polizei informierte. Bereits nach kurzer Zeit nahm der Vater den «Fundgegenstand» wieder in Empfang.

Erstaunen über tierische Fahrgäste

Busfahrerinnen und Busfahrer hatten es im Aargau auch schon mit öv-untauglichen Tieren zu tun, etwa mit einem Pony oder Schafen. Ein Shetland-Pony gab vor zehn Jahren auch ennet der Kantonsgrenze in Dietikon zu reden: Eine junge Frau aus Bergdietikon nahm es mit in den Bus, um mit ihm den Umgang mit Menschen zu üben.

Das Pony im Bus in Dietikon.

Das Pony im Bus in Dietikon.

Screenshot Tele M1

Die häufigsten tierischen Mitfahrer sind Hunde und Katzen – in Begleitung ihrer Halterinnen und Halter. Manchmal machen sie sich aber selbständig. So geschehen zum Beispiel an einer Endstation im Ostaargau. Alle Passagiere stiegen aus – bis auf einen Hund, der es sich neben dem Billettautomaten gemütlich gemacht hatte. Dank der Hundemarke konnte der Halter eruiert werden. So kam heraus, dass der Hund dem ehemaligen RVBW-Direktor Rolf Meier in Wettingen gehörte. Weil der Hund gerne und häufig Bus fuhr, war er an diesem Tag aus lauter Gewohnheit selbst eingestiegen.

Auf eigene Pfote war letztes Jahr auch ein Büsi im Nachbarkanton Baselland unterwegs: Der ungewöhnliche Fahrgast fuhr anscheinend regelmässig im Bus von Nunningen nach Grellingen – alleine.

Die rot-weisse Katze fuhr alleine im Postauto nach Grellingen.

Die rot-weisse Katze fuhr alleine im Postauto nach Grellingen.

20min-Leserreporter

Fricker findet Couvert mit 15'000 Franken

Roger Fricker, Buschauffeur und Gemeindeammann von Oberhof (SVP), fährt seit 32 Jahren auf der Benkenlinie zwischen Frick und Aarau und weiss so einige Anekdoten zu erzählen.

Thomas Wehrli (08.12.2015)

In seinen Anfängen habe er einmal einen Briefumschlag zwischen zwei Sitzen entdeckt. Darin steckten 15'000 Franken. «Ich habe ihn zu mir genommen und gleich den Chef angerufen», sagt Fricker. Schon bald meldete sich der Besitzer des Geldes. Finderlohn gabs für Fricker nicht.

«Häufiger als Geld findet er vergessen gegangene Natels. Ich schaue jeweils, ob Mami oder Papi in den Kontakten gespeichert sind und rufe dort an.» Eine Mutter habe er sogar zweimal am Apparat gehabt; die Tochter liess innerhalb von fast genau einem Jahr ihr Smartphone zweimal in seinem Bus liegen.

Auch Unschönes und Ekliges gehört dazu

Das schlimmste Ereignis, das sich Fricker eingeprägt hat, passierte auf dem Weg von Aarau nach Frick. Im Bus standen zwei Kinderwagen. In der zweiten Kurve am Benkerjoch fiel einer um und ein Kind fing an zu schreien. Zum Glück seien drei Krankenschwestern dabei gewesen und dem Kind letztlich nichts passiert, sagt Fricker. Als er die Polizei rufen wollte, kam der Vater des Kindes nach vorne und bat ihn, das nicht zu tun. Unterwegs stieg er aus, liess die Mutter mit dem Kind alleine. «In Frick warteten Polizisten auf uns. Mutter und Vater waren ihnen schon bekannt», sagt Fricker.

Wundertüte Nachtbus

Die Fahrten im Nachtbus sind immer wieder für eine Überraschung gut – in die eine oder andere Richtung. Das weiss Christian Dorer, der seit 25 Jahren einmal pro Monat im Linienverkehr beim Regionalbus Lenzburg im Einsatz ist. Der ehemalige Chefredaktor der Aargauer Zeitung erinnert sich an einen Nachteinsatz:

«Die Schicht dauerte bis morgens um vier Uhr. Die Stimmung war friedlich bis angeheitert, die Fahrt eine Art Happening. Manche Fahrgäste schüttelten dem Sicherheitsmann, der die Nachtbusse begleitet, und mir beim Aussteigen die Hand, was man im normalen Kursbetrieb nie erlebt. Auf der allerletzten Fahrt stieg eine Gruppe von zehn Jugendlichen ein, die Party gemacht haben – offenbar eine sehr wilde Party. Jetzt wollten sie nur eins: schnell nach Hause. Ich war zügig unterwegs auf der nachtleeren Strasse. Trotzdem lag es wohl kaum an meinem Fahrstil, dass einer der Jugendlichen bleicher und bleicher wurde. Leider schaffte er es an der Haltestelle um wenige Sekunden nicht, rechtzeitig aus dem Bus zu stürzen. Und so erbrach er eben quer über den Fahrzeugboden. Es gibt Schöneres, als um 4 Uhr einen übel riechenden Bus zu reinigen. Aber immerhin hatte ich eine gelungene Pointe für meine Busfahrer-Kolumne, die ich damals in der AZ schrieb.»

Dorer ist mittlerweile Chefredaktor der «Blick»-Gruppe. Sein Beruf ist unter den Fahrgästen bekannt: «Regelmässig muss ich mir eine ausführliche Blattkritik anhören, der ich bis zur Endstation nicht entfliehen kann.»

Christian Dorer im Einsatz für den Regionalbus Lenzburg.

Christian Dorer im Einsatz für den Regionalbus Lenzburg.

zvg

Der singende Busfahrer

Ob Geburt, vergessene Geh-Hilfen oder Ponys – meistens sorgen die Fahrgäste für die speziellen Ereignisse im öffentlichen Verkehr. Anders ist es bei «Bus-Pavarotti» Wolfgang Stallnig. Der Österreicher hat früher an klassischen Konzerten gesungen. Vor zwei Jahren wurde er bekannt, weil er sein Können am Steuer der Busbetriebe Aarau zum Besten gab: