Fünf Arbeitskittel hatte Otto Gutscher (76) in seinem Schrank hängen. Fünf Arbeitskittel für ein Arbeitsleben, jeder Kittel mit einem anderen aufgestickten Logo. Fünf Mutterhäuser, fünf Arbeitgeber. Gearbeitet aber hat Gutscher immer in der gleichen Firma.

Als Otto Gutscher an seinem ersten Arbeitstag als Stift im Sommer 1958 mit dem Velo von Suhr nach Aarau radelte, gehörte das Unternehmen der Sprecher+Schuh AG. Als er 47 Jahre später am Betriebsfest zu Weihnachten 2005 am Standort Oberentfelden seinen Abschied feierte, hatte die französische Alstom den Bereich eben an das ebenfalls französische Energietechnik-Unternehmen Areva verkauft. Heute gehört der Standort dem amerikanischen Konzern General Electric (GE). Noch. Denn die Investorenkonferenz vom Montag verdeutlichte, was schon Ende Oktober für Aufregung gesorgt hatte: General Electric könnte in der Schweiz um die 1300 Stellen streichen. Die Standorte, darunter Oberentfelden, stehen auf dem Spiel. Otto Gutscher schüttelt den Kopf, traurig sei das. «Es ist wie ein Spiel, wie Monopoly. Da wird rücksichtslos verkauft und verschoben, alles um des lieben Geldes willen. Da fragt keiner mehr nach den Einzelschicksalen.» Mitleid mit dem Unternehmen habe er nicht, dafür umso mehr mit den Arbeitnehmenden, insbesondere mit jenen der älteren Generationen, die ihre Stelle zu verlieren drohen. «Für die bricht eine Welt zusammen. Die stehen vor dem Nichts.»

Auch Otto Gutscher hat in vier Jahrzehnten einiges mitgemacht. Von 1958 bis 1962 absolvierte er bei «Sprecher+Schuh» in Aarau seine Lehre als Maschinenschlosser. Er blieb bis 1966, bevor er drei Jahre lang in den USA und Kanada und zwei Jahre in einer anderen Firma arbeitete. Als er zurückkam, stieg er in die Werbeabteilung von «Sprecher+Schuh» ein, reiste zehn Jahre für Messen durch Europa und Asien. 1973 zogen die Gutschers nach Oberentfelden, wo Anfang der Sechzigerjahre die «Sprecher Energie AG» eröffnet worden war. Ab 1981 zog es Gutscher von der Werbung wieder zurück in die Versuchsabteilung.

Gerüchte schon vor 30 Jahren

1986 ging der Hochspannungsteil an die französische Alsthom SA über. Ein erster Schreckmoment für Gutscher und seine Kollegen. «Man sprach davon, dass die Stellen von Oberentfelden ins Birrfeld abgezogen werden.» Viele seiner Arbeitskollegen warfen die Flinte ins Korn und kündigten von sich aus. Und er, der tagein, tagaus mit dem Velo zur Arbeit fuhr, rechnete aus, wie er am einfachsten und günstigsten von Oberentfelden ins Birrfeld gelangen könnte. Doch der Standort blieb, nur der Name der Firma änderte sich. Ab 1994 war er bei «Gec Alsthom T&D» angestellt – und Otto Gutscher fuhr mit Schachteln voller Briefpapier und Bundesordner ins Berner Oberland und schenkte das Material einer Schule. «Es wäre ja schade gewesen, all das gute Papier und die Ordner in den Container zu werfen, nur weil das Logo nicht mehr passte.»

Auch wenn Otto Gutscher immer gern für das Unternehmen gearbeitet hat, die Unsicherheit war oft spürbar. Das habe auch immer Einfluss auf den Arbeitsalltag gehabt, man habe viel diskutiert, mit Unsicherheit auf Bescheid aus Frankreich gewartet. «Man wusste nicht, was das Schicksal mit einem macht.» Alles habe sich verändert mit dem ersten Verkauf. Gutscher wirkt nachdenklich. «Wissen Sie», sagt er dann, «in den Siebzigerjahren war die Identifikation mit dem Unternehmen gewaltig, wir waren eine Familie.» Als das Unternehmen an die Franzosen überging, habe sich das schlimm angefühlt. «Als hätte man uns zur Adoption freigegeben», sagt Gutscher. «Wir wurden von einem Mutterkonzern zum andern weitergereicht.»

Zuletzt arbeitete Gutscher im Hochspannungslabor, testete Neuentwicklungen; über Jahrzehnte auch in Holland in einem internationalen Prüflabor. «Selbst Jahre nach dem Verkauf wurden wir dort noch immer als ‹die Leute von Sprecher+Schuh› betitelt», erinnert sich Gutscher. Und selbst hier in der Region habe er nur von der ehemaligen «Sprecher+Schuh» reden müssen, und die Leute hätten gewusst, wo er arbeitet. «Mit den neuen Namen konnten die Leute nichts anfangen.»

«Es wäre andernorts nicht besser»

Noch immer informiert sich Otto Gutscher über das Geschehen in der Firma. Noch immer habe er da Bekannte. «Ich bin immer auf dem neusten Stand», sagt er. Dann lacht er, ein bitteres Lachen. «Vor Jahren sagte einer, der Verkauf an General Electric sei die beste Lösung.» Gutscher seufzt. «Aber man darf sich nicht täuschen lassen. Es wäre andernorts nicht besser, es läuft immer nach dem gleichen Schema.» Zudem wurden auch unter den Franzosen Leute in Oberentfelden entlassen, aber immer nur zwei, drei aufs Mal. «Das war nicht interessant für die Leute, und für die Medien erst recht nicht.» Ersetzt wurde keiner, die zusätzliche Arbeit habe der Mann am Tisch nebenan übernommen.

«Du weisst nicht, was du für ein Glück hast, nicht mehr arbeiten zu müssen.» Diesen Spruch habe er von Bekannten oft zu hören bekommen, sagt Otto Gutscher, und oft habe er gedacht, so schlimm könne es ja nicht sein. «Heute bin ich sicher, sie haben recht. Ich würde nie mit ihnen tauschen wollen. Nie.»