Aargauer Auswanderer
Für die Liebe nach Berlin: Bei Heimweh geht Silvana Zeising ins «Chuchichäschtli»

Silvana Zeising aus Hilfikon lebt seit 10 Jahren in Berlin. Die Liebe liess sie in der deutschen Hauptstadt landen. Heute kann sich heute fast nichts anderes mehr vorstellen.

Andrea Weibel
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Für Silvana Zeising (ehemals Brunner) ist Berlin in den vergangenen 10 Jahren zu ihrer zweiten Heimat geworden.

Für Silvana Zeising (ehemals Brunner) ist Berlin in den vergangenen 10 Jahren zu ihrer zweiten Heimat geworden.

zvg

Valentinstag war dieses Jahr ein ganz spezielles Datum für Silvana Zeising. An dem Tag konnte sie nämlich ihr 10-Jahr-Jubiläum in Berlin feiern. «Es war schon ein sehr spezieller Moment für mich, ich hatte einen halben Tag frei, bin allein durch Berlin spaziert und habe gemerkt, dass diese bunte, laute Grossstadt ganz eindeutig zu meiner Heimat geworden ist.» Das hätte sie sich vor 10 Jahren noch nicht vorstellen können.

Damals kam sie der Liebe wegen in die deutsche Hauptstadt: «Ich hatte zuvor eine Fernbeziehung mit einem Wiener geführt. Als ich mich dann in einen Berliner verliebte, hatte ich einfach keine Lust mehr auf eine Fernbeziehung.» Also zog sie nach Berlin, schrieb sich an der Freien Universität für Kunstgeschichte und Publizistik ein und jobbte nebenbei. Die Stadt selber kam ihr anfangs «versifft und die Architektur teilweise sehr fragwürdig» vor. Anders ausgedrückt: «Es war keine Liebe auf den ersten Blick.» Doch als im Mai 2010 ihr «ungeplantes Wunschkind» Olivia zur Welt kam, änderte sich ihr gesamtes Leben von Grund auf.

Aargauer Auswanderer

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Ein Traum wird auf Eis gelegt

Im Dezember 2014, als die AZ sie zum ersten Mal interviewte, war die junge Frau, die damals noch Silvana Brunner hiess und aus dem kleinen Dorf Hilfikon, das heute zu Villmergen gehört, in die Grossstadt gezogen ist, in Umbruchstimmung. «Nachdem meine Tochter zur Welt gekommen war, schien mir die ganze Kunstwelt viel zu oberflächlich, sie hatte ihre Wichtigkeit verloren», erinnert sie sich. Kurz darauf ging auch ihre Beziehung zu Olivias Vater in die Brüche, doch weil sie sich das Sorgerecht teilten, kam vorerst keine Rückreise in die Schweiz infrage.

Aber dann lernte sie Martin Zeising kennen und hatte auf einmal neue Ideen und Träume. «Ich habe mir damals überlegt, meine Leidenschaft fürs Backen zu einer Geschäftsidee zu machen. Ich stellte mir einen Laden mit selbst gemachten Backwaren und Backzubehör vor.» Sie besuchte sogar ein Existenzgründerseminar. Doch passend zur Stadt, in der jeder seine Träume lebt, sie aber auch gefühlt wöchentlich wieder wechselt, legte die junge Schweizerin den Traum vom Backladen vorerst auf Eis. «Ich habe mich einfach noch nicht erfahren genug gefühlt, ausserdem wäre das sehr teuer geworden», schaut sie heute zurück. «Ich wollte erst Erfahrungen sammeln.» Und das tat sie dann auch.

«Mein Leben ist hier»

«In der Zeitung habe ich eine Annonce von meiner heutigen Chefin gefunden, die eine Angestellte in ihrem Holzspielwarenladen ‹Viel Spiel› in Berlin Mitte suchte. Ich schrieb ihr spontan, durfte mich vorstellen und wurde sofort eingestellt.» Früher hätte sie sich nie vorstellen können, einmal im Einzelhandel tätig zu sein. «Ich habe immer gedacht, ich sei überhaupt nicht die Person dafür, jeden Tag Menschen zu beraten und mit ihnen zu plaudern. Aber mittlerweile gefällt es mir sehr gut.» Sie kann auch immer mehr Verantwortung übernehmen und im kleinen Ladenteam mitreden. «Das hat mir gezeigt, dass ich im Moment wirklich keinen eigenen Laden führen möchte. Es ist toll, in einem so guten Team mitzuarbeiten, aber sich etwas Neues aufzubauen, braucht enorm viel Zeit, Geld und auch Glück. Diese Zeit verbringe ich lieber mit meiner Tochter.» Ausserdem hat sie in Berlin den Laufsport für sich entdeckt und bereitet sich für ihren ersten Berlin Marathon im kommenden Jahr vor.

«Chuchichäschtli»

Und auch finanziell möchte sie sich eine Selbstständigkeit momentan nicht antun, denn ihr heutiger Ehemann Martin, den sie vor drei Jahren geheiratet hat und der als Onlineredaktor bei einer Zeitung gearbeitet hat, macht gerade eine Ausbildung zum Primarschullehrer. «Da will ich nicht auch noch alles auf den Kopf stellen. Denn momentan gefällt es mir, wie es ist. Ich bin glücklich.»

Beim letzten Interview sagte sie noch, ein Umsiedeln in die Schweiz läge durchaus im Bereich des Möglichen. Heute findet sie: «Natürlich kann man nie wissen, aber uns ist es so wohl hier in Berlin, dass ich denke, wir bleiben hier.» Sie vermisst nach wie vor ihre Familie und ihre beste Freundin in der Schweiz. «Aber mein Leben und mein Alltag sind hier. Berlin hat für mich massiv an ‹Dihei-Charakter› gewonnen.» Und wenn sie doch mal ganz schlimm Lust nach Zweifel-Chips, Biberli oder Bündner Nusstorte bekommt, geht sie ins «Chuchichäschtli» zwei Strassen weiter, wo all das in einem kultigen kleinen Laden angeboten wird.