Asylpolitik
Für den Journalisten sind die Aargauer ohnehin alle braun

In einer Berner Bar diskutieren die Kommunikationschefin des Bundesamtes für Migration und ein Bundeshausjournalist über die steigenden Flüchtlingszahlen. Und lästern schliesslich über die Aargauer, die sich vehement gegen Asylunterkünfte wehren.

Philipp Mäder
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Der Bratwurst-Protest in Aarburg ist der Oltner Gruppe von Amnesty International in die Nase gestochen. Sie bietet gleich Vermittlungsdienste an.ZTR

Der Bratwurst-Protest in Aarburg ist der Oltner Gruppe von Amnesty International in die Nase gestochen. Sie bietet gleich Vermittlungsdienste an.ZTR

Am Dienstagabend wurde ich Zeuge einer hübschen kleinen Szene: Zufälligerweise schauen die Kommunikationschefin des Bundesamtes für Migration und ein Bundeshausjournalist der «SonntagsZeitung» in der gleichen Berner Bar den Halbfinal zwischen Deutschland und Brasilien.

Die beiden begrüssen sich herzlich und diskutieren die steigenden Flüchtlingszahlen in Italien.

Sie sind sich völlig einig: Auch die Schweiz wird mehr Flüchtlinge aufnehmen müssen. Besonders schlimm für beide: die Aargauer.

Die Migrationsbeamtin hat absolut kein Verständnis für die Aarburger Grillpartys gegen Asylunterkünfte. Und für den Journalisten der «SonntagsZeitung» sind die Aargauer ohnehin alle braun.

Etwas anders tönt es, wenn man die Leserbriefe zu den steigenden Flüchtlingszahlen anschaut. «Es darf nicht sein, dass wir vor lauter fremden Menschen keinen Platz mehr im eigenen Land haben», schreibt eine Bernerin im «Bund».

Und ein Herr aus Willisau meint in der «Neuen Luzerner Zeitung» knapp und knackig: «Während des Zweiten Weltkrieges hat man einmal gesagt: ‹Das Boot ist voll.› Und das gilt auch für die Gegenwart.»

Kolumnist Philipp Mäder, stellvertretender Chefredaktor «Nordwestschweiz» 2009 bis 2013.

Kolumnist Philipp Mäder, stellvertretender Chefredaktor «Nordwestschweiz» 2009 bis 2013.

AZ

Wer hat recht? Die Berner Asylbeamten und ihre Kollegen in den Redaktionen, die sich den Aargauern moralisch weit überlegen fühlen? Oder der Stammtisch, dem die antisemitische Schweizer Flüchtlingspolitik während des Zweiten Weltkriegs als Vorbild dient?

Die Frage ist sinnlos. Denn die Wahrheit über die Flüchtlingsindustrie ist eine andere. Sie ist so brutal, dass sie kaum jemand ausspricht: Früher sorgte Diktator Gaddafi dafür, dass nur wenige Flüchtlinge von Libyen nach Italien übersetzen – und liess sich dafür fürstlich bezahlen.

Die gefährliche Überfahrt schreckte viele Menschen ab. Doch seit letztem Oktober lassen die Italiener die Flüchtlinge aus Nordafrika nicht mehr im Mittelmeer ertrinken, sondern retten sie aus ihren schiffbrüchigen Kähnen, kaum haben sie in Libyen abgelegt.

Die Folge: Weil das Risiko gesunken ist, wagen viel mehr Flüchtlinge die Fahrt nach Europa. Und weil die Schlepper ihre Kunden weniger weit aufs Meer hinausfahren müssen, sind auch noch die Preise gesunken.

Dieses Dilemma ist unlösbar: Wer sein Herz halbwegs am rechten Fleck hat, kann unmöglich fordern, die Flüchtlinge wieder ertrinken zu lassen.

Wer einen halbwegs klaren Kopf hat, kann unmöglich denken, die Lösung der weltweiten Flüchtlingsproblematik liege in einer Unterbringung dieser Menschen in Europa.

So unlösbar dieses Dilemma auch ist: Vielleicht wäre es ein Anfang, es einmal beim Namen zu nennen. Anstatt alles Übel im Wesen des Aargauers zu suchen.

Philipp Mäder war von 2009 bis 2013 stellvertretender Chefredaktor der «Nordwestschweiz».