Verbandsjubiläum
Für Betreibungsbeamte gehören Beledigungen zur Tagesordnung

Manuela Louro ist Präsidentin des Verbandes der kantonalen Betreibungsbeamten, der sein 100-jähriges Bestehen feiert. Die Betreibungsbeamten stehen zwischen Verständnis für Schuldner und Gesetzesvorgaben.

Fabian Hägler
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Manuela Louro, Präsidentin des Betreibungsbeamten-Verbands, zeigt auf Schloss Liebegg alte Dokumente. Sandra Ardizzone

Manuela Louro, Präsidentin des Betreibungsbeamten-Verbands, zeigt auf Schloss Liebegg alte Dokumente. Sandra Ardizzone

Sandra Ardizzone

Der grimmig blickende Mann, der bei einer Familie mit weinenden Kindern im Wohnzimmer steht und schaut, was sich pfänden lässt – das ist das Klischee des Betreibungsbeamten.

«Heute sieht die Realität anders aus», sagt Manuela Louro, die Präsidentin des Verbandes der kantonalen Betreibungsbeamten, der auf Schloss Liebegg sein 100-jähriges Bestehen feierte. Ein Blick in die Runde an der Generalversammlung zeigt, dass die Frauenquote stark angestiegen ist. Zudem werden die meisten Pfändungen heute im Büro vollzogen. «Ein Grund ist, dass in den meisten Fällen eine Einkommenspfändung verfügt wird», erklärt Louro, die in Oftringen arbeitet.

Erhärtet sich der Verdacht, dass der Schuldner Angaben verschleiert, wird der Pfändungsort in die Wohnung verlegt. Louro sagt: «In meinem Amt versuchen wir, so oft wie möglich Hauspfändungen zu vollziehen.» Dabei würden oft pfändbare Vermögenswerte entdeckt, «die man vom Schreibtisch aus natürlich nicht finden kann».

Kredite als Schuldenfalle

Manuela Louro erklärt, die Verschuldung beginne beim Onlineshopping, beim Handy oder bei teuren Freizeitaktivitäten. Zur Schuldenfalle könnten auch Kreditkarten oder Konsumkredite werden. Die Anzahl der Betreibungen lag im Aargau im vergangenen Jahr bei 164 340 – das sind 2341 oder 1,4 Prozent weniger als im Vorjahr. Betrachtet man die ganzen 100 Jahre seit der Gründung des Betreibungsbeamten-Verbandes, hat sich die Zahl aber deutlich erhöht.

Auffallend ist auch, dass immer mehr Betreibungen mit einem Verlustschein enden (siehe Tabelle) – für die Gläubiger war 2015 in knapp 44 Prozent der Fälle nichts mehr zu holen. «Aufgrund der derzeitigen wirtschaftlichen Situation dürfte in nächster Zeit kaum mit einer Verbesserung zu rechnen sein», sagt Manuela Louro. Sie geht stark davon aus, dass der Anteil der Verlustscheine weiter steigen wird.

Bei einem Grossteil der Betreibungen handelt es sich heute um Steuern und Krankenkassenprämien. Zur Schuldenfalle können auch Kreditkarten oder Konsumkredite werden. «Menschen mit finanziellen Problemen verdienen oft zu wenig, um für sich und ihre Familien aufzukommen.» Sie würden in prekären Verhältnissen arbeiten, auf Abruf, Teilzeit oder temporär.

Louro sagt: «Oft verfügen sie nicht mehr über ein fixes regelmässiges Einkommen und bei steigenden Kosten für Wohnungen oder Krankenkassenprämien wird das Budget immer knapper.» Einkommensschwankungen oder -ausfälle könnten nicht mehr kompensiert werden. Die Betreibungsbeamtin erklärt: «Finanzielle Engpässe werden mit Krediten oder Käufen auf Ratenzahlung überbrückt. Rückstellungen für Steuern oder Ähnliches werden keine gemacht.»

Schuldner immer aggressiver

Sie betont, das Verhalten der Schuldner habe sich in den letzten Jahren stark verändert. «Früher waren unseren Kunden die Betreibungen noch unangenehm. Sie waren froh, wenn sie die Betreibung so schnell wie möglich bezahlen konnten.» Bei Pfändungen hätten sich die meisten kooperativ und respektvoll verhalten. Heute sei hingegen eine zunehmende Aggressivität spürbar.

Viele Schuldner seien an der Grenze ihrer psychischen und finanziellen Belastbarkeit. Louro: «Die Hemmschwelle für Beleidigungen oder Drohungen sinkt ständig. Beleidigungen gehören beinahe zur Tagesordnung. Glücklicherweise bilden massive Drohungen nach wie vor die Ausnahme.

Manuela Louro betont, fairerweise müsse man auch sagen, «dass viele Kunden sich sehr anständig verhalten und kooperativ mitarbeiten». Es bereite ihr als Betreibungsbeamtin auch echte Freude, «wenn man einen Schuldner auf dem Weg aus seiner finanziellen Krise begleiten kann». Aus ihrer Sicht ist es wichtig, «dass wir nie vergessen dass wir Menschen mit Gefühlen und Emotionen vor uns haben». Den Kunden anzuhören und ihm das Gefühl zu geben, als Mensch wahrgenommen zu werden, könne die Arbeit der Betreibungsbeamten erheblich erleichtern.