Sie stach zu. Mit dem Messer, mit dem sie zuvor Melonen geschnitten hatte. Sie rammte ihm die 15 Zentimeter lange Klinge in den Bauch. «Ich wollte es nicht machen», sagt die Portugiesin vergangene Woche am Bezirksgericht Aarau.

Das Opfer ist der Ehemann. Er sitzt auch im Gerichtssaal, im weissen Hemd mit Sonnenbrille auf dem Kopf. Er nimmt seine weinende Frau in der Verhandlungspause in den Arm. Er teilt mit ihr ein Sandwich. Er nickt, als sie sagt, dass sie doch eigentlich gar nicht zustechen wollte.

Und doch sind Tränen in seinen Augen, als seine Frau von der Tat erzählt.

Nicht als Opfer wahrgenommen

Es sei im männlichen Rollenbild nicht vorgesehen, dass der Mann Opfer sei, sagt Oliver Hunziker, Gründer des ersten und einzigen Schweizer Väterhauses, das im Aargau steht. Ein männliches Opfer sei unattraktiv, dem geschlagenen Mann hafte ein Verlierer-Image an. Selbst Männer distanzierten sich von gewaltbetroffenen Männern. «Fast so, als ob es ansteckend ist», sagt Hunziker. Da der Mann in der Öffentlichkeit nicht als Opfer auftrete, wird er auch nicht als Opfer wahrgenommen. «Frauen hingegen lassen sich gesellschaftlich akzeptiert in diese Opferrolle fallen.» Und die Gesellschaft wiederum sei programmiert, darauf zu reagieren.

Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen, dass jedes vierte Opfer von häuslicher Gewalt ein Mann ist.

Hunziker gründete das Väterhaus vor fünf Jahren, weil er in einer schwierigen Trennungssituation erlebte, dass Männer keine Hilfe bekommen.

Schlimmer als der Teufel

Die Portugiesin spricht viel an der Gerichtsverhandlung. «Ich habe nicht wie eine Mörderin mit dem Messer hin- und hergestochen.» Vielmehr habe sie das Messer sofort losgelassen, nachdem sie es in den Bauch ihres Mannes gerammt hatte. «Ich weiss nicht, ob es steckte oder runterfiel.» Sie sei dann aus der Wohnung und zum nahen Bach gelaufen und habe dort geweint. Vorausgegangen war der Tat ein Streit. Ihr Mann habe die drei Kinder zu seinen Eltern gebracht. Als er am späteren Morgen zurückkam, lag sie noch dösend auf dem Sofa. «Er wollte Liebe machen, ich wollte nicht.» Er habe daraus gefolgert, dass sie sich mit anderen Männern herumtreibe. Die Portugiesin wurde wütend. «Ich wollte meine Ruhe.» Um ihm das klarzumachen, habe sie seinen neuen Computer auf den Boden geworfen und auch den Ventilator zerstört. Die 30-Jährige sagt über sich selber, sie sei schlimmer als der Teufel, wenn sie wütend sei.

Die Portugiesin wollte die Wohnung verlassen, er wollte den Streit klären. Die Situation beruhigte sich, sie begann, die Melone auf dem Stubentisch zu zerschneiden. Dann eskalierte der Streit wieder und sie stach zu.

Von Polizisten ausgelacht

Väterhaus-Präsident Oliver Hunziker kritisiert, dass mit männlichen Opfern von häuslicher Gewalt anders umgegangen wird als mit Frauen. «Unterschwellig schwingt immer mit, dass der Mann mitschuldig ist.» Das zeige sich in Aussagen wie: Wenn die Frau zuschlägt, dann hat sie wohl einen Grund gehabt. Hunziker erinnert das an frühere Zeiten, als umgekehrt Frauen vorgeworfen wurde, sie seien mitschuldig an ihrer Vergewaltigung.

Besonders schlimm sei für die Betroffenen, wenn sie von der Polizei nicht ernst genommen würden. «Es gibt Männer, die von Polizisten ausgelacht wurden.» Dass Polizisten im Umgang mit männlichen Opfern manchmal wenig sensibel seien, weiss auch Matthias Lüscher, Stellvertretender Stellenleiter Aargauer Anlaufstelle Häusliche Gewalt. Obwohl: Dass gewaltbetroffene Männer die Fachstelle aufsuchen, komme sehr selten vor.

Im Gespräch mit Tätern erfährt er aber, dass sich diese oft als Opfer in der Beziehung sehen. Häufig, weil sie in verbalen Streitigkeiten ihrer Frau unterlegen sind. Die Männer fühlen sich ohnmächtig, können das aber weder sich selber noch anderen eingestehen. Gewalt scheint diesen ohnmächtigen Männern als Ausweg. «Es ist aber niemals eine Rechtfertigung.» Die Männer müssten sich auf den Weg machen, sagt Lüscher. «Was Frauen durchgemacht haben an Emanzipation, steht Männern wohl noch bevor. Sie müssen die Daseinsberechtigung als Mann einfordern.» Das sei nicht als Geschlechterkampf zu verstehen.

Es brauche aber noch viel Sensibilisierung, damit Gewalt an Männern nicht mehr bagatellisiert werde und Männer sich trauten, Hilfe zu holen, sagt Lüscher.

Lebensbedrohliche Verletzung

Der Ehemann der Portugiesin fuhr nach dem Stich mit dem Zug nach Aarau und von dort in die Notaufnahme des Kantonsspitals. Er sagte den Ärzten, seine Stichverletzung im Bauch stamme von einem Velounfall. Die Verletzung war lebensbedrohlich. Das Messer hatte vereinzelte Darmschlingen und eine Dünndarmvene verletzt. In der Bauchhöhle sammelte sich Blut an. Der Mann musste notfallmässig operiert werden.

Das Ehepaar lebt heute noch zusammen, beide tragen den Ehering. Die Kinder sind in einem Heim.

Der Staatsanwalt unterstellte der Portugiesin keine Tötungsabsichten. Er klagte sie wegen vorsätzlicher schwerer Körperverletzung an. Das Urteil ist noch ausstehend.

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