Weihnachten
Früher gab es Schüfeli mit Kartoffelsalat, jetzt gibt es Borschtsch

Tannenbäume, Geschenke und viel gutes Essen – das bedeutet für viele Weihnachten. Was es für die Journalisten und Journalistinnen der Aargauer Zeitung bedeutet, lesen Sie hier. Acht Redaktoren geben Auskunft.

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Der Weihnachtsbaum auf dem Kreisel bei der Kirche in Wohlen

Der Weihnachtsbaum auf dem Kreisel bei der Kirche in Wohlen

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Elisabeth Feller, Redaktorin Brugg: So gut war der Borschtsch noch nie

Früher war das Schüfeli mit Kartoffelsalat der Weihnachtsklassiker. Inzwischen ist es ein Borschtsch, den eine Freundin von mir nach dem Rezept ihrer russischen Mutter zubereitet. Der Wortschatz reicht nicht aus, um diese Köstlichkeit zu beschreiben. Und doch beschreibe ich sie jedes Jahr. «Ich esse an Weihnachten einen russischen Borschtsch», sage ich bereits im Oktober. «Was?» Ich blicke in fragende Gesichter. Dann höre ich Sätze wie diese: «Vielleicht sollte ich doch einmal Tolstoi lesen» (Ja); «Vielleicht sollte ich mit der Transsibirischen fahren» (Ja); «Vielleicht sollte ich einen Borschtsch essen» (Nein, den esse ich). Dank dem Borschtsch meiner Freundin erweitere ich permanent meinen Horizont. Kein Wunder, freue ich mich wie ein Kind auf den heutigen Abend. Wieder einmal werden wir den Löffel in die Suppe tauchen, um dann ergriffen festzustellen: «So gut war der Borschtsch noch nie.»

Hermann Rauber, Senior Editor Aarau: Eine schöne Wurst-Bescherung

Es muss mehr als ein halbes Jahrhundert her sein. Im Dezember lief uns ein herrenloser Hund zu, den wir Kinder sofort ins Herz schlossen. Wir tauften die Trottoirmischung auf den Namen Fufi. Die Familie beschloss mit Blick auf die Bescherung an Heiligabend, auch dem neuen Kostgänger ein Geschenk zu machen, und zwar in Form eines Cervelat. Fufi stürzte sich schwanzwedelnd unter die Pakete und entwickelte ungeahnte Energien. Diese waren so stark, dass der Baum samt Dekoration und brennenden Kerzen mit Getöse zu Boden ging. Kugeln, Stern und andere Accessoires lagen am Boden. Und mitten unter Scherben und Wachsflecken machte sich Fufi glückselig über die Wurst her. Der Schreck war für den Vier- und die Zweibeiner nachhaltig. Wir verzichteten künftig darauf, die weihnachtlichen Leckerbissen für Fufi unter den Baum zu legen, er fand sein Geschenk ab sofort im angestammten Futternapf.

Sabine Kuster, Redaktorin Aarau: Schlachtplatte statt Filet im Teig

Die Hirten haben Ochs und Pferd geschlachtet. Eingeweide liegt dampfend im Schnee. Die Hirten arbeiten schnell, sonst friert das Fleisch am Boden fest. In der Hütte ist es warm, aber es riecht streng: Maria hat den Magen des Ochsen mit Fett und Muskelfleisch gefüllt, jetzt blubbert er im Topf. Daneben sitzen drei Gäste, die von weit her gekommen sind. Sie haben Geschenke gebracht: Schokolade, Wodka und Schnupftabak. Der eine ist Tscheche, der zweite Deutsche, die dritte Schweizerin. Keiner ist schwarz, die Schweizerin wird sogar noch etwas weisser, als ihr die Schlachtplatte gereicht wird. Das ist natürlich keine richtige Weihnachtsgeschichte. Und sowieso spielt sie in der Mongolei. Maria hat in Wahrheit einen komplizierteren Namen. Ihr Sohn heisst Battulga und kann schon selbst schlachten. Aber vielleicht war ja auch die echte Weihnachtsgeschichte nicht ganz so kuschelig, wie wir sie uns heute erzählen.

Claudia Meier, Redaktorin Brugg: Mit viel Herz nach Herznach

Jahrelang schlummerte der Wunsch in mir, Heiligabend im Wald zu verbringen. Dann war es endlich so weit: Ich hatte ein paar Gleichgesinnte gefunden. Beladen mit Brennholz, Brot, Käsemischung, Weisswein, Fonduegeschirr und Rechaud, zogen wir in den frisch verschneiten Wald. Wir reinigten Tisch und Bänke, stellten Laternen auf und brachten mit unserem Feuer den Schnee zum Schmelzen. Bereits nach kurzer Zeit schwamm auf dem Wein im Becher eine dünne Eisschicht. Doch das feine Fondue wärmte unsere Seelen nachhaltig und wir genossen die Ruhe und den Blick auf das menschenleere Dorfzentrum. Erst als die Kirchenglocken zur Mitternachtsmesse luden, huschten die Kirchgänger aus den warmen Stuben. Behutsam wagten wir uns zurück in die Zivilisation. Ein Loch im linken Handschuh vom Brotschneiden erinnert mich noch heute an die stimmungsvolle Weihnachtsnacht in Herznach.

Andrea Weibel, Redaktorin Freiamt: Hüte dich vor den Schenkenden

Wunderbar verpackt mit Schleifen und Kärtchen liegen sie da, die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum. «Das ist für dich», sagt eine Tante und streckt mir ein aufwendig verpacktes Geschenk entgegen. «Es ist ein Badetuch. Wenn es dir nicht gefällt, kannst du es ja zurückgeben.» Klirr! Schon ist die Überraschung zerscherbelt und damit der Sinn der Weihnachtsgeschenke - zumindest aus Kindersicht - zerstört. Eine Einsicht, die ich schon als kleines Mädchen gewann: Hüte dich vor Schenkenden. Dazu gehört auch, niemals zu erraten, was das Paket enthalten könnte. Falls nämlich hoffnungsvoll geäusserte Sätze wie «Es ist sicher ein Lego-Raumschiff» zutreffen, kann man ganz schnell in Teufels Küche geraten. So war meine Oma Jahr für Jahr wütend auf meine Mutter, weil diese meinem Bruder scheinbar die Überraschung verraten hatte. Zum Glück sind Geschenke aber nicht alles an Weihnachten. (Es gibt ja noch das Essen.)

Daniel Vizentini, Redaktioneller Mitarbeiter Baden: An Weihnachten wieder vereint

«Wir ziehen um in die Schweiz», sagten mir meine Eltern. Ich war sieben Jahre alt, wir lebten noch in São Paulo. Ende August reiste mein Vater; meine Mutter, meine Schwester und ich flogen vier Monate später. Ich weiss noch, wie meine Freunde mit mir in der Schule einen Weltatlas aufschlugen und auf der Karte die Schweiz suchten. «Die ist ja voll klein, Brasilien ist viel grösser», sagten sie. Im Dezember flogen wir ab. Weil der Flughafen Zürich zugeschneit war, bog das Flugzeug in letzter Minute ab und landete in Frankfurt. Von dort aus reisten wir mit dem Zug in die Schweiz. Es war schon dunkel, als wir am verschneiten Gleis 18 des Zürcher Hauptbahnhofs - das Bahnhofdach wurde erst später erweitert - ankamen. Es war das erste Mal, dass ich Schnee gesehen habe, die erste Weihnacht im Winter. Das Fest verbrachten wir in unserer noch leeren, kargen Wohnung. Doch wir waren wieder vereint.

Jörg Meier, Autor: Die Geschichten vom leeren Portemonnaie

Während der Mitternachtsmesse hatte es zu schneien begonnen. Als wir nach der Messe nach Hause eilten, fand ich auf dem Trottoir, schon halb zugedeckt vom jungen Schnee, ein schwarzes Portemonnaie. Ich nahm es vom Boden auf, öffnete es hastig - und war leicht enttäuscht. Denn das Portemonnaie war leer. Nur im Münzfach steckte ein Zettel, auf dem stand: «Frohe Weihnachten!» Da musste ich lachen, freute mich, dass mir da ein Unbekannter frohe Weihnachten wünschte. Ich legte das Portemonnaie in den Schnee zurück und erzählte meinen Geschwistern die Geschichte und dann auch noch den Eltern. Offenbar erzählte ich die gleiche Geschichte fortan Jahr für Jahr. Irgendwann begannen dann meine Geschwister, mir jedes Jahr auf Weihnachten ein altes, leeres Portemonnaie mit dem Zettel «Frohe Weihnachten» zu schenken. So entstand der schöne Brauch vom leeren Portemonnaie.

Susanne Hörth, Redaktorin Fricktal: Statt einer Tanne im Garten ein paar Steine

Mir kommt keine «geschnittene» Wegwerftanne ins Haus. Mit dieser Überzeugung kaufte ich vor einigen Jahren eine kleine, eingetopfte Tanne. Erst am Morgen des 24. Dezember wurde sie ins geheizte Haus getragen. Doch, oh weh, schon wenige Stunden später lag rund ein Drittel aller Tannennadeln am Boden, ein weiteres Drittel begann, sich rot zu verfärben. Mir blieb nichts anderes übrig, als meine guten Vorsätze über Bord zu werfen und kurz vor Ladenschluss einen der noch vorhandenen Schnittbäume zu kaufen. Eigentlich hätte der eingetopfte Baum ein weiteres Dasein in unserem Garten geniessen sollen. Beim Entsorgen der Tanne entdeckte ich in ihren Wurzeln fünf wachsartige, orangefarbene Steine. Sehr geeignet zum Schmuckstücke-Herstellen, erklärte mir ein Steinfachmann. Für mich sind die Steine eine Erinnerung an einen nicht zustande gekommenen Akt gegen den Wegwerfkonsum.