Möglich wegen Corona
Früher erlaubt als geplant: Aargauer Apotheker dürfen jetzt impfen – warum sie überrascht sind

Dank einer Motion von GLP-Grossrat Dominik Peter ist das Impfen im Aargau auch durch Apotheker möglich. Der Aargauische Apothekerverband begrüsst den Entscheid.

Noemi Lea Landolt
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Impfungen können jetzt auch von Apothekern durchgeführt werden. (Symbolbild)

Impfungen können jetzt auch von Apothekern durchgeführt werden. (Symbolbild)

Was in den meisten Kantonen bereits Standard ist, wird auch im Aargau möglich. Ab dem 1. Oktober dürfen Apothekerinnen und Apotheker gesunde Erwachsene gegen Grippe, FSME (Zecken) und Starrkrampf impfen. Die Regierung hat die kantonale Verordnung angepasst. Grund dafür ist eine Motion von GLP-Grossrat Dominik Peter, welche der Grosse Rat Ende August 2019 überwiesen hat.

Das Impfen durch Apothekerinnen und Apotheker trage dazu bei, dass sich im Herbst 2020 mehr Personen im Aargau gegen die saisonale Grippe impfen lassen können, schreibt das Gesundheitsdepartement in einer Mitteilung. Eine höhere Durchimpfungsrate führe zu weniger Grippeerkrankten mit Komplikationen und letztlich zu einer Entlastung des Gesundheitswesens. Ausserdem könne durch Impfapotheken einem Hausärztemangel indirekt entgegengewirkt werden.

Das Angebot der Apotheken ersetzt aber nicht jenes der Ärztinnen und Ärzte. Auch dort kann man sich weiterhin impfen lassen. Unter 16-Jährige, Kranke und Schwangere müssen dafür sogar zwingend zum Arzt.

Grippeimpfung ist in Zeiten von Corona noch wichtiger

Der Aargauische Apothekerverband begrüsst den Entscheid, weil die medizinische Grundversorgung im Kanton gestärkt werde. Der Entscheid komme angesichts der Coronakrise genau zur richtigen Zeit. Dass es so schnell geht, hätten die Apothekerinnen aber nicht erwartet. Das Gesundheitsdepartement bestätigt auf Anfrage, es sei ursprünglich geplant gewesen, die Verordnung per Januar 2021 in Kraft zu setzen. Aber weil das Impfen in Apotheken coronabedingt eine noch wichtigere Rolle einnehme, sei die Einführung vorgezogen worden. Der Regierungsrat sei überzeugt, dass die Aargauer Apotheker in kurzer Zeit in der Lage sind, die Anforderungen zu erfüllen und die Impfung der Bevölkerung anbieten zu können. Sofern die Erfahrungen mit dem Impfen in Apotheken positiv sind, kann das Gesundheitsdepartement die Ausweitung des Impfangebots in Apotheken prüfen.

130 Apotheker haben die Ausbildung absolviert

Damit eine Apotheke Impfungen anbieten kann, muss sie verschiedene Voraussetzungen erfüllen: Die Apothekerin muss eine Weiterbildung absolviert haben und ihr Wissen alle zwei Jahre auffrischen – sonst darf der Titel nicht mehr weitergeführt werden. Ausserdem braucht es in der Apotheke einen abgetrennten, nicht einsehbaren Bereich, in dem geimpft werden kann. Dort muss die Möglichkeit bestehen, dass die Person liegen kann. Weiter brauchen die Apotheken eine Notfallausrüstung, ein angemessenes Qualitätssicherungssystem und eine Haftpflichtversicherung, die das spezifische Risiko der Impftätigkeit abdeckt.

Laut Apothekerverband verfügen ungefähr 130 Aargauer Apothekerinnen und Apotheker über die Ausbildung. FDP- Grossrätin und Apothekerin Martina Sigg ist eine von ihnen. Ob dieses Jahr bereits alle diese Apotheken Impfungen anbieten, kann sie nicht sagen. «In einigen Apotheken braucht es möglicherweise zuerst Anpassungen. Zum Beispiel ein separater Bereich mit Liege.»

Martina Sigg.

Martina Sigg.

Zur Verfügung gestellt

Erschwerend sei, dass der Grippeimpfstoff jeweils bereits im Frühling bestellt werden müsse, sagt Sigg. Damals seien die langfristigen Auswirkungen der Coronapandemie noch nicht absehbar gewesen und damals sei auch noch nicht klar gewesen, dass die Apotheker dieses Jahr impfen dürfen. «Meine grosse Angst ist, dass wir zwar impfen dürften, uns aber der Impfstoff fehlt», sagt die Grossrätin. Um dem entgegenzuwirken, habe der Apothekerverband bereits 5000 zusätzliche Dosen des Grippeimpfstoffes bestellt. Diese werden voraussichtlich ab Dezember verfügbar sein. Ob der zusätzliche Impfstoff angesichts der erwarteten höheren Impfwilligkeit reichen wird, ist unklar.

Im Moment ist es noch zu früh, um sich gegen die Grippe impfen zu lassen. Empfohlen wird, sich im Oktober oder November zu impfen. Die Impfung wirkt nach ein bis zwei Wochen. Aber auch im Dezember bleibt noch genügend Zeit, weil die Grippewelle in der Schweiz in der Regel nicht vor Ende Dezember beziehungsweise Anfang Januar beginnt. Die Krankenkassen zahlen die Grippeimpfung nicht. Die Apotheken werden den Impfstoff sowie die Leistung verrechnen. Der Preis dafür kann von Apotheke zu Apotheke variieren.

Nachgefragt bei: Jürg Lareida, Präsident des Aargauischen Ärzteverbands

Erwarten Sie wegen Corona einen Ansturm von impfwilligen Personen?
Jürg Lareida: Es ist anzunehmen, dass sich dieses Jahr mehr Leute gegen die Grippe impfen lassen.


Ist es sinnvoll, sich wegen Corona gegen Grippe impfen zu lassen?
Ja, die Diagnostik wird so vereinfacht. Covid-19- und Grippesymptome ähneln sich.

Begünstigt eine Grippe eine Ansteckung mit dem Coronavirus, zum Beispiel weil das Immunsystem geschwächt ist?
Nein, überhaupt nicht. Lediglich der Ansteckungsweg ist bei Covid-19 und der Grippe derselbe.

Wegen Corona gilt im ÖV Maskenpflicht. Ausserdem halten wir Abstand und waschen oder desinfizieren regelmässig die Hände. Diese Massnahmen schützen auch gegen Grippeviren. Wird es deshalb weniger Grippefälle geben?
Es ist tatsächlich zu hoffen. Allerdings müssen Hygienemassnahmen und Maskenverwendung dazu weiterhin konsequent umgesetzt werden. (nla)