Maul- und Klauenseuche

Früherer Bezirkstierarzt: «Das Virus verbreitete sich rasend schnell»

Spannend und ausführlich berichtet Isidor Bürgi (92) in seinem Wohnzimmer vom täglichen Kampf gegen die Tierseuche.

Spannend und ausführlich berichtet Isidor Bürgi (92) in seinem Wohnzimmer vom täglichen Kampf gegen die Tierseuche.

Isidor Bürgi hat den Seuchenzug 1965/66 selbst miterlebt – und die Krankheit im Rahmen seines Amts aktiv bekämpft.

«Die Maul- und Klauenseuche sucht die erste Gemeinde unseres Bezirks heim. Im Gutsbetrieb des Bades Schinznach wird der Stallfeind festgestellt.» Diese Schreckensmeldung hält Chronist Paul Bieger im Januar 1966 – heute vor 50 Jahren – für die traditionsreichen «Brugger Neujahrsblätter» fest.

Nur wenige Tage später berichtet er von weiteren Fällen der Tierseuche in Windisch und auch aus anderen Gemeinden des Kantons werden Erkrankungen ganzer Viehbestände publik.

In Brugg muss die Vereidigung der Gemeinderäte verschoben, in Windisch das Skilager für die Schülerinnen und Schüler abgesagt werden. Das sind kleine Opfer verglichen damit, was mancher Landwirt um die Jahreswende 1965/66 erlebt. Machtlos müssen sie mit ansehen, wie ihre Rinder, Schweine und Schafe in kürzester Zeit erkranken, von Männern in Schutzanzügen auf grosse Seuchenwagen getrieben und zur Notschlachtung fortgeschafft werden.

Kampf gegen die Zeit

Isidor Bürgi aus Frick erinnert sich noch gut an das düstere Kapitel Schweizer Geschichte. In seinem Wohnzimmer, an dessen Wänden eine beeindruckende Zahl militärischer und sportlicher Auszeichnungen, Diplome und Erinnerungen prangt, erzählt er vom bedrückenden Alltag während des Seuchenzugs vor 50 Jahren. Der heute 92-Jährige amtete damals als Bezirks-Tierarzt im Gebiet zwischen der Staffelegg und Frick und war in der Bekämpfung der Maul- und Klauenseuche stark engagiert. «Das Virus verbreitete sich rasend schnell», erklärt Bürgi. «Ich musste innert kürzester Zeit entscheiden, was zu tun ist.»

So auch im Fall vom 27. November 1965 auf einem Hof des Chornbergs in Gipf-Oberfrick – heute registriert als erster Ausbruch im Aargau zu jener Zeit. «Gegen 14 Uhr rief mich der Bauer an», erinnert sich Bürgi, als wäre es gestern gewesen. Eines der rund 15 Rinder wolle nicht fressen und weise einen ungewöhnlichen Speichelfluss auf. «Das hiess für mich bereits Alarmstufe eins», so Bürgi. Er kündigt sich für eine Visite am gleichen Abend an und bittet den Bauern voraussichtlich, die Scheinwerfer seines Traktors auf den Hofplatz zu richten. Denn Bürgi wird sich hüten, den Tieren zu nah zu kommen und darum seine Diagnose aus einiger Distanz stellen. Er weiss: «Der häufigste Überbringer des Virus war der Tierarzt selbst.»

Die Maul- und Klauenseuche greift um sich: TV-Beitrag aus der Sendung «Antenne» vom 20. Dezember 1965.

Die Maul- und Klauenseuche greift um sich: TV-Beitrag aus der Sendung «Antenne» vom 20. Dezember 1965.

Es ist bereits dunkel, als Bürgi seinen Wagen am Wegrand abstellt und in Gummistiefeln und Handschuhen, mit Desinfektionsmittel in der Hand die letzten Meter zum Hof zu Fuss zurücklegt. Schon als der Bauer die erste Kuh aus dem Stall führt, erkennt Bürgi das typische «Trippeln» des Tieres und den zähflüssigen Speichel. Dem Tierarzt bleibt keine Wahl, er stellt die traurige Diagnose: Maul- und Klauenseuche. Dann geht alles schnell: Bürgi übergibt den Fall an den Kantons-Tierarzt Hans Reinhart, der denselben Befund feststellt und den gesamten Viehbestand, 13 Rinder und 20 Schweine, zur Notschlachtung abholen lässt. Der frustrierte Bauer erhält die Weisung, den Viehstall komplett zu desinfizieren. Der Fall auf dem Chornberg bleibt nicht Bürgis einziger. Knapp zwei Monate später stellt er die verheerende Tierseuche auf einem Hof mit 30 Schafen fest. Die Tiere ereilt dasselbe Schicksal wie die Rinder und Schweine von Gipf-Oberfrick.

18 Stunden Dauer-Einsatz

Neben den regelmässigen Visiten und Diagnosen von Viehbeständen in seinem Einzugsgebiet, hielten Bürgi auch die vorbeugenden Schutzimpfungen auf Trab. An den Tag, an dem er rund 20 Viehbestände durchimpfte erinnert sich der rüstige Rentner noch gut. Die Vorgeschichte: Der Kantonsarzt Hans Reinhart diagnostiziert in einem Viehstall in Windisch die Maul- und Klauenseuche. Vom Bauern vernimmt er, dass vor wenigen Tagen ein Kalbhändler aus dem Mettauertal ungebeten im Stall umherschlich – in der angespannten Situation damals eine mehr als dreiste Tat. Reinhart hört sich bei anderen Bauern um, viele haben den unerwünschten Gast auch auf ihrem Hof gesichtet.

Sofort informiert der Kantonsarzt die Polizei, diese findet den Kalbhändler in einer nahegelegenen Beiz. Er muss den Beamten detailliert berichten, auf welchen Höfen er sich rumtrieb, ehe er sich für sein Verhalten verantworten muss.

Mit der Liste in der Hand ruft Reinhard Bürgi an. Er kennt die vermerkten Bauern gut und soll sie von der vorbeugenden Schutzimpfung überzeugen – denn das Impfobligatorium des Bunds ist zu dieser Zeit noch einige Monate entfernt. «Den Impfstoff erhielt ich um vier Uhr früh, beim ersten Bauern war ich um fünf», erinnert sich Bürgi. Damit der Veterinär bei allen Viehzüchtern zur Impfung in die Ställe darf, braucht er sein ganzes Verhandlungsgeschick. «Da war viel gutes Zuhören nötig», so Bürgi, der noch heute stolz darauf ist, an diesem Tag das Schlimmste verhindert zu haben – dank seinem entschlossenen Handeln und einem Dauereinsatz von rund 18 Stunden.

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