Schrecklich sei der Lärm der Autobahn für ihre Nichte, die auf dem Land wohnt. «Wer es sich nicht gewöhnt ist, findet es immer noch laut», sagt die Lenzburgerin, die eingeklemmt zwischen Ringstrasse Nord und A1 wohnt. Für sie hat sich die Lärm-Situation deutlich entspannt, seit die eine der beiden Autobahn-Spuren überdacht ist. «Eine Katastrophe» sei es davor gewesen, insbesondere wenn Lastwagen und Autos über die nasse Strasse donnerten. 

Die Überdachung bei Lenzburg ist eine von vielen Massnahmen, die einem Ziel dienen: den Lärm reduzieren. Der Wettlauf gegen die Zeit läuft. Bis März 2015 bleibt Zeit, um die Nationalstrassen zu sanieren, die übermässigen Lärm verursachen. Rund 10 Prozent des 1850 Kilometer langen Strassennetzes dürften nicht rechtzeitig fertig werden, berichtete der «Tages-Anzeiger».

Freuen dürfen sich hingegen die Aargauer: Der Grossteil der knapp 100 Kilometer Nationalstrassen, die durch ihren Kanton führen, ist bereits lärmsaniert – mit lärmarmem Belag, Lärmschutzwänden oder Überdachungen. Insgesamt 2,6 Kilometer – in Baden-Dättwil und in Münchwilen – stehen noch aus. «Die meisten Strassen im Aargau sind saniert», sagt Esther Widmer, Sprecherin der Filiale Zofingen des Bundesamts für Strassen (Astra). Sie stellt den Verantwortlichen beim Kanton ein gutes Zeugnis aus: Als die Nationalstrassen 2008 vom Kanton an den Bund übergegangen sind, sei der Aargau bereits an einem relativ hohen Stand bei den Lärmsanierungen angelangt.

Eingedämmt werden muss der Strassenlärm auch auf den Kantonsstrassen. Dem Kanton steht als Inhaber noch viel Arbeit bevor. Abgeschlossen ist die Lärmsanierung auf Kantonsstrassen in 39 von 213 Gemeinden, in 107 laufen Projektierungen, in 44 die Bauarbeiten. Die Massnahmen gegen den lauten Verkehr lässt sich der Aargau einiges kosten: Bis Ende 2013 flossen rund 125 Millionen Franken in die Lärmsanierung der Kantonsstrassen, bis 2018 werden rund 90 Millionen folgen. Die Kosten werden zwischen Bund, Kantonen und Gemeinden aufgeteilt.

Und danach drohen dem Aargau weitere hohe Kosten. Wenn die Lärmsanierungen – für Kantone läuft sie bis März 2018 – nicht fristgerecht abgeschlossen werden, können betroffene Hausbesitzer klagen. Ob und wie sie entschädigt werden, ist derzeit noch unklar. Offen ist auch, ob Betroffene eine Entschädigung verlangen können, wenn das Projekt bewilligt, aber noch nicht umgesetzt ist. Zeigen wird sich das erst, wenn es zu einem Gerichtsfall kommen sollte.

Zuerst geht es allerdings darum, die Frist einzuhalten. Diesbezüglich herrscht beim kantonalen Baudepartement Optimismus: «Wir werden als einer der wenigen Kantone pünktlich fertig», sagt Hanspeter Gloor, Leiter der kantonalen Sektion Strassenlärmsanierung.

Dass der Aargau die Frist einhalten dürfte, bestätigt auch Urs Walker, Leiter Abteilung Lärm beim Bundesamt für Umwelt (Bafu). In der Deutschschweiz sei der Kanton Aargau führend beim Einbau von neuen, lärmarmen Belägen. «Der Aargau macht seine Arbeit gut. Es gibt viele Kantone, die hier noch nicht so weit sind.» Einen Grund dafür könne er nicht nennen, sagt Walker. Sichtbar sei, dass im Aargau verglichen mit anderen Kantonen relativ viel Personal für die Strassenprojekte verfügbar sei.

Kritik hingegen kommt vom VCS Aargau: «Auf dem Papier mag der Auftrag erfüllt sein, aber das Problem ist damit nicht gelöst», sagt Geschäftsführer Micha Siegrist. Der Aargau setze falsche Prioritäten: Verkehrs- und raumplanerische Massnahmen – wie Reduktion der Geschwindigkeit oder des Verkehrsaufkommens – kämen viel zu kurz. «Rechtlich wäre auch auf Kantonsstrassen Tempo 30 möglich. Eine Reduktion von 50 auf 30 km/h würde den Lärm halbieren.»

Und auch die lärmgeplagte Lenzburgerin sieht weiteren Handlungsbedarf: «Es muss noch viel mehr gemacht werden», sagt sie. Denn inzwischen hat sich das Lärmproblem auf die Rückseite ihrer Wohnung verlegt: Auf der Ringstrasse Nord nehme insbesondere zur Feierabendzeit der Verkehr derart zu, dass sie sich nicht mehr auf den Balkon setzen könne.