Mit einer Stirnlampe auf dem Kopf joggt Marit Neukomm zum Treffpunkt im griechischen Fischerdörfchen Skala Sikamineas. Es ist kurz vor Mitternacht. Der Wind reisst an den Bäumen und Schiffen im Hafen. Das Meer verliert sich in der gähnenden Dunkelheit. Bis vor einigen Minuten hat Marit Neukomm an der Nordküste von Lesbos auf Schlauchboote voller Flüchtlinge gewartet.

An diesem Abend im November bleiben sie aus. Zum ersten Mal seit Mai. Ist es der Sturm, der die Menschen an der Überfahrt hindert? Sind es die Verhandlungen zwischen der EU und der Türkei? Oder gab es tatsächlich einen Machtwechsel unter den Schleppern? Gerüchte zirkulieren an diesem Abend viele. Denn die offizielle Hilfe, das offizielle Europa ist nicht vor Ort. Obwohl seit Monaten Tausende von Flüchtlingen in Lesbos ankommen.

Keine Soldaten oder Polizisten zeigen ihnen den Weg. Kein Krankenwagen steht bereit für die unzähligen unterkühlten Babys oder kollabierenden Erwachsenen. Um eine humanitäre Katastrophe abzuwenden, reisen deshalb Hunderte von Helfern an die Grenze Europas.

«Ich musste etwas tun»

Auch Aargauer packen auf Lesbos an. Eine ist Marit Neukomm aus Oberentfelden. Blonder Pferdeschwanz, rosa Funktionsjacke, schneller Schritt: Zu Hause arbeitet die Mutter von zwei Kleinkindern als Sportlehrerin, auf Lesbos ist sie freiwillige Katastrophenhelferin. «Ich hielt die Bilder im Fernsehen nicht aus. Hilflos vom Sofa zuschauen ging nicht mehr. Ich musste etwas tun», sagt die 32-Jährige, während sie zum improvisierten Empfangslager der Gruppe «Lighthouse» führt. Dort bekommen Flüchtlinge heissen Tee, Babys ein Fläschchen. In einem Zelt stapeln sich trockene Kleider, in einem Container ist die medizinische Hilfe untergebracht.

Marit Neukomm führt durch die grossen, grauen Zelte; sie sind alle bezahlt von privaten Gönnern. Flüchtlinge, die in der Nacht ankommen, können hier übernachten. Aus zerschnittenen Booten und Holzabfällen bauten die Helfer zwei rudimentäre Toiletten. Zwischen den Zelten baumeln Solarlichter. «Im Vergleich zu anderen Stationen auf der Balkanroute ist dieses Empfangscamp fast schon luxuriös», sagt Marit Neukomm.

Zahnarzt spendet Zahnbürsten

Sie weiss, wovon sie spricht. Im Oktober fuhr sie mit der Gruppe «Tsüri hilft» an die ungarische Grenze. Kinder mit Frostbeulen, erschöpfte Schwangere und durchfrorene Menschen – ihre Geschichten liessen die 32-Jährige nicht mehr los. Zurück in Oberentfelden plant sie deshalb ihren zweiten Einsatz. Auf Facebook ruft sie zu Kleider- und Schuhspenden auf. Kurz darauf stapeln sich rund drei Tonnen Hilfsgüter in einigen flugs geräumten Garagen an ihrem Wohnort in Oberentfelden. «Gerechnet habe ich mit etwa zehn Kisten, aber niemals mit diesem Ausmass. Die Hilfsbereitschaft und Solidarität ist enorm», sagt Marit Neukomm.

Ihre Schüler schleppen die Kleider säckeweise an, der Pöstler drückt ihr fast alle 24 Stunden ein Paket in die Hand. Und sogar ihr Zahnarzt steht eines Tages vor der Tür und überreichte der verdutzten Sportlehrerin 200 Zahnbürsten und Zahnpasta-Tuben – je ein Paar, fein säuberlich zusammengeklebt von seinen Kindern. An zwei Wochenenden sortieren Helfer im Garten von Marit Neukomm die Kleider, packen sie in Kartonkisten. 14 weitere Freiwillige entschliessen sich, Marit Neukomm nach Lesbos zu begleiten. Da immer mehr Menschen auch Geld spenden, gründen sie den Verein «Volunteers for Humanity».

EU-Hotspot ist «ein Desaster»

Neben Kleidern und Schuhen bringen die Schweizer Helfer 700 Rettungsdecken, 250 Skisocken und 50 Kilogramm Medikamente nach Lesbos. Zwei Koffer hat Cécile Kull aus Aarau mitgeschleppt. Auch sie ist Mutter einer kleinen Tochter, auch sie haben die Bilder in den Medien aufgeschreckt. In Griechenland hilft sie rund um den sogenannten EU-Hotspot in Moria. Neben der Nordküste ist es der zweite Einsatzort der 15-köpfigen Schweizer Gruppe auf Lesbos. Mit den hohen Gittern und Stacheldrähten erinnert das Registrierungscamp an einen Hochsicherheitstrakt. Es gibt zwar Ikea-Häuschen vom UNHCR, doch die behördlichen Abläufe gehen nur schleppend voran. Viele Flüchtlinge müssen deshalb tagelang warten, bis sie sich registrieren können. Ihnen bleibt oftmals nur ein Schlafplatz unter freiem Himmel – in den Olivenhainen.

Cécile Kull spricht mit anderen Freiwilligen rund um den EU-Hotspot die Familien mit Kleinkindern an; versucht zumindest, ihnen ein Zelt und Decken zu beschaffen. Das Material kaufen die Helfer mit Spenden von Privaten. «Die Menschen werden hier alleine gelassen», sagt Kull. «Das Camp bietet Platz für rund 1500 Leute. Auf ihre Registrierung warten aber zwischen 5000 und 6000 Flüchtlinge. Es ist ein Desaster.» Als Mutter sei es für sie besonders schlimm, die traumatisierten Kinder zu erleben: «Einige sind verstummt, sprechen oft tagelang nicht mehr.» Die ersten Tage in Moria seien vergleichsweise ruhig gewesen: Wegen eines Ministerbesuchs räumte die Polizei das Ad-hoc-Lager, beschleunigte die Registrierungen. «Sie kamen in der Nacht. Wir konnten nur unsere Zelte retten, den Rest schmissen die Polizisten weg. Auch Zelte, die noch brauchbar waren», sagt Cécile Kull. Mussten die Menschen monatelang ihre Notdurft im Freien verrichten, karrten die Behörden kurz vor dem Ministerbesuch einige mobile Toiletten an.

250 Lampen kommen heute an

Die Situation rund um das EU-Zentrum ist trostlos, die Einzelschicksale häufig grausam. Dennoch sei das Heimkehren das Schlimmste gewesen, sagt Cécile Kull. «Es braucht auf Lesbos jede helfende Hand. In diesem Wissen zu gehen ist brutal.» Deshalb wollen die Aargauer die Hilfe von der Schweiz aus weiter vorantreiben. Sie sammeln Geld, organisieren Hilfsgüter. Heute Montag kommen 250 Solarlampen von ihnen auf Lesbos an. Denn in den Olivenhainen rund um den EU-Hotspot gibt es kein elektrisches Licht. Ein Mitglied ihres Vereins «Volunteers for Humanity» ist bereits wieder auf der griechischen Insel. Er verteilt die Lampen.

Derweil versuchen die anderen Mitglieder, aus dem Verein eine Non-Profit-Organisation zu machen. Um Spendenbescheinigungen ausstellen zu können, brauchen sie eine Anerkennung vom kantonalen Steueramt.

Ihr Ziel sei es, bis spätestens April eine anerkannte Nicht-Regierungsorganisation zu sein, so Marit Neukomm. In ihrer Post findet sie immer noch regelmässig Pakete mit Hilfsgütern. Die Mutter von zwei Kleinkindern fliegt nach Weihnachten wieder nach Lesbos. Sie hat das Ticket am Tag ihrer Ankunft in der Schweiz gekauft. Auch Cécile Kull kehrt zurück.