Asylbewerber

Freiwillig, gratis und trotz hässlichen Reaktionen: Aargauer Psychologin hilft minderjährigen Flüchtlingen

Die Psychologin Sara Michalik respektive die Aargauer Psychologen kümmern sich freiwillig um UMA, Jugendliche Flüchtlinge und Asylsuchende. Aufgenommen in Michaliks Praxis am Zollrain 2 in Aarau am 25. August 2016.

Die Psychologin Sara Michalik kümmert sich freiwillig um jugendliche Flüchtlinge und Asylsuchende.

Die Psychologin Sara Michalik respektive die Aargauer Psychologen kümmern sich freiwillig um UMA, Jugendliche Flüchtlinge und Asylsuchende. Aufgenommen in Michaliks Praxis am Zollrain 2 in Aarau am 25. August 2016.

Die Psychologin Sara Michalik ist Mitgründerin des Aargauer Netzwerkes Psy4Asyl, das jungen Flüchtlingen unentgeltlich psychologische und psychotherapeutische Behandlung bietet. Sie macht das freiwillig.

Sara Michalik bleibt gelassen. «Die Reaktionen zeigen, wie viele Emotionen im Spiel sind. Eine öffentliche Diskussion über das Thema ist aber wichtig.» Die Psychologin hat in einem Interview mit der az für sinnvolle Beschäftigung, bessere Betreuung und Begleitung der Asylsuchenden im Aargau plädiert. Mit diesen Aussagen löste sie nicht nur geharnischte Kommentare im Internet aus, auch privat erhielt sie eine Reihe von unerfreulichen Rückmeldungen.

Doch Sara Michalik weiss, wovon sie spricht. Sie kümmert sich intensiv um die Gruppe der unbegleiteten minderjährigen Asylbewerber, kurz UMA genannt, die nicht nur ihre Heimat, sondern auch die Unterstützung des ganzen Familiensystems verloren haben und während des Asylprozesses mehr noch als andere Asylbewerber Betreuung und Tagestruktur brauchen.

«Viele UMA’s leiden unter dem, was sie in ihrer Heimat oder auf der Flucht erlebt haben. Sie können nicht schlafen, haben oft Albträume, Ängste oder auch körperliche Beschwerden. Sie sind traumatisiert und brauchen psychologische Hilfe.»

Der Kanton Aargau verfügt aber über keine spezialisierte Abteilung für Folter- oder Kriegsopfer. Deshalb erhalten viele Asylsuchende keine Behandlung für ihr psychisches Leiden.

«Ein Zeichen setzen»

Aufgrund dieses Notstandes hat der Verband Aargauer Psychologinnen und Psychologen (VAP) im März das Netzwerk Psy4Asyl gegründet. «Wir waren uns einig, dass wir auch einen Beitrag leisten wollen und das können wir am besten, wenn wir uns dort engagieren, wo wir kompetent sind», sagt Verbandspräsidentin Michalik.

Seither bieten die Psychologinnen und Psychologen des VAP in Freiwilligenarbeit kostenlose psychologische und psychotherapeutische Begleitung für Menschen mit Fluchthintergrund sowie Supervision für Betreuerinnen und Betreuer an. «Mit diesem Engagement wollen wir Verantwortung übernehmen und unser Fachwissen mit gesellschaftlichem Engagement verbinden, aber auch ein Zeichen setzen», erklärt Sara Michalik.

Die Psychologin Sara Michalik respektive die Aargauer Psychologen kümmern sich freiwillig um UMA, Jugendliche Flüchtlinge und Asylsuchende. Aufgenommen in Michaliks Praxis am Zollrain 2 in Aarau am 25. August 2016.

Sara Michalik, Psychologin: «Die Reaktionen zeigen, wie viele Emotionen im Spiel sind.»

Die Psychologin Sara Michalik respektive die Aargauer Psychologen kümmern sich freiwillig um UMA, Jugendliche Flüchtlinge und Asylsuchende. Aufgenommen in Michaliks Praxis am Zollrain 2 in Aarau am 25. August 2016.

Vom Angebot profitieren können in erster Linie minderjährige Flüchtlinge; dabei arbeiten die Psychologen eng mit dem kantonalen Sozialdienst zusammen. Michalik betreut zurzeit zwei Jugendliche in Einzeltherapie und führt mit zwei Kolleginnen ein Gruppenangebot für zehn minderjährige Asylbewerber. Zudem setzt sie sich bei verschiedenen Gelegenheiten für die Anliegen der Jugendlichen ein und betreut im Rahmen des Netzwerks Psy4Asyl die Öffentlichkeitsarbeit. Der Aufwand ist beträchtlich. Ungefähr einen Arbeitstag pro Woche setze sie derzeit für das Netzwerk und die UMA’s ein, sagt Michalik.

Mit ihr kümmern sich weitere 14 Aargauer Psychologinnen und Psychologen um jugendliche Asylbewerber mit psychischen Problemen. Das geschieht alles ehrenamtlich. Lediglich die Dolmetschenden werden vom Kanton finanziert. «Unser Angebot ermöglicht eine erste Stabilisierung sowie, falls möglich, den Beginn einer traumatherapeutischen Verarbeitung der Erlebnisse», beschreibt Michalik die Tätigkeit von Psy4Asyl. Angestrebt werde aber auch ein möglichst konstruktiver Umgang mit belastenden Situationen innerhalb des Asylprozesses und bei der allfälligen späteren Integration in den Schweizer Alltag.

Das Projekt läuft bis Ende Jahr. Dann will man entscheiden, ob und wie es weitergeht. Klar sei, sagt Michalik, dass es nicht mehr ohne finanzielle Unterstützung möglich sei, im bisherigen Umfang weiterzumachen.

«Es kommt viel Gutes zurück»

Die Zukunft des Netzwerks, hängt also weitgehend davon ab, ob es gelingt, das Angebot zu finanzieren. Entsprechend sei man auch auf der Suche nach möglichen Geldgebern, sagt Michalik weiter. Noch dringender wäre es aber, wenn eine kantonale Fachstelle für Kriegs- und Folteropfer aufgebaut würde. «Ebenso wichtig für die psychische Gesundheit erachten wir sinnvolle Beschäftigung, Strukturen und schnelle Entscheide», sagt Michalik.

«Ich glaube, wir sollten uns eingestehen, dass es einiges braucht, dass es sich aber auch gesellschaftlich lohnt, wenn wir in die Integration und in eine Willkommenskultur geflüchteten Menschen gegenüber investieren.» Sie erzählt, dass auch sie anfänglich Berührungsängste gegenüber den Asylsuchenden hatte, dass sie deshalb auch gut versteht, wenn sich Einheimische unwohl fühlen, wenn plötzlich Asylbewerber in Gruppen vertrautes Territorium, etwa vor dem Bahnhof oder vor der Migros, in Beschlag nehmen.

«Die Ankunft von Asylsuchenden in einem Dorf, in einer Gemeinschaft, verändert etwas. Solche Veränderungen können nur dann konstruktiv bewältigt werden, wenn die beiden Gruppen aufeinander zugehen». Dabei geschehe oft Erstaunliches: «Viele Menschen, die geflüchtete Menschen wahrnehmen, mit ihnen sprechen, ihre Geschichte hören, verlieren die Angst. Und ich persönlich habe oft erfahren, wie viel Gutes zurückkommt.»

Gut möglich, dass ihr diese Aussagen wiederum eine Reihe von hässlichen Reaktionen eintragen. Aber damit kann sie recht gut umgehen.

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