Böttsteiner Tagung
Freisinnige fordern eine Diskussion über den Lehrplan 21 – sonst droht die Ablehnung

Der Kanton Aargau will auf das Schuljahr 2020/21 den Lehrplan 21 einführen. Die Freisinningen setzten sich an ihrer jährlichen Böttsteiner Tagung kritisch mit dem neuen Lehrplan auseinander und nahmen seine Vor- und Nachteile genauer unter die Lupe.

Mathias Küng
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Das Volk wird voraussichtlich im Februar 2017 über die kantonale Initiative «Ja zu einer guten Bildung – Nein zum Lehrplan 21» abstimmen (Themenbild).

Das Volk wird voraussichtlich im Februar 2017 über die kantonale Initiative «Ja zu einer guten Bildung – Nein zum Lehrplan 21» abstimmen (Themenbild).

Keystone

Die Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz hat den Lehrplan 21 (LP 21) im Herbst 2014 freigegeben. Es ist jetzt an den Kantonen, über die Einführung zu entscheiden. Im Aargau will ihn die Regierung im Schuljahr 2020/21 einführen. Doch worum geht es genau, wie soll er im Aargau aussehen? Dieser Frage gingen die Aargauer Freisinnigen an ihrer jährlichen Böttsteiner Tagung nach. Es gehe dabei nicht um die Initiative gegen den LP 21 (vgl. Box), betonte Präsident Matthias Jauslin. Es gehe um den Lehrplan selbst, seine Vor- und Nachteile.

Initiative gegen den Lehrplan 21

Wohl im Februar 2017 entscheidet das Volk über die kantonale Initiative «Ja zu einer guten Bildung – Nein zum Lehrplan 21». Sie will, dass die Regierung nach Anhörung des Erziehungsrates die Zahl der Unterrichtslektionen und ihre Dauer sowie die Lernziele der Jahrgangsklassen regelt. Für den Kindergarten soll er einen Rahmenlehrplan als Vorbereitung für die Primarschule erstellen. Die Initiative enthält einen Fächerplan für Primar- und Oberstufe. Die Initianten wollen damit beispielsweise die Kritik vieler Eltern, Lehrer und Lehrmeister aufnehmen, die einen Abbau in den schulischen Grundfertigkeiten beklagen. (az)

Der beim Kanton für den LP 21 verantwortliche Victor Brun erinnerte in einem Referat an dessen Ursprung. 2006 hat das Schweizervolk eine Verfassungsbestimmung für eine Harmonisierung des Bildungswesens mit über 85 Prozent Ja-Stimmen gutgeheissen. Diese Bestimmung verpflichte die Kantone, «im Bildungsbereich zusammenzuarbeiten und insbesondere die Ziele der Bildungsstufen aufeinander abzustimmen», so Brun.
Schweizweit sollten Schuleintrittsalter, Schulpflicht, Dauer und Ziele der Bildungsstufen, Übergänge im System und Anerkennung von Abschlüssen harmonisiert werden. Sollten die Kantone bei den genannten Eckwerten keine einvernehmlichen Lösungen finden, könne der Bund einheitliche Lösungen vorgeben, mahnte Brun. Unter diesem Druck haben sich die Deutschschweizer Kantone für die Harmonisierung der Bildungsziele zu einem gemeinsamen Lehrplan zusammengerauft, dessen Umsetzung weit fortgeschritten ist. Oberwallis und Aargau haben aber noch keine Beschlüsse gefasst.
Der LP 21 sei ein Kompass zur Orientierung und kein Gesetzbuch, er lege auch die Unterrichtsmethoden nicht fest, so Brun weiter. Er enthalte sechs Fachbereiche. Dazu gehören Sprachen und Mathematik. In der Sekundarstufe I wird der Fachbereich Natur, Mensch und Gesellschaft in vier weitere Bereiche unterteilt, nämlich: Natur und Technik (mit Biologie, Chemie und Physik), Wirtschaft, Arbeit und Haushalt (mit Hauswirtschaft), Räume, Zeiten, Gesellschaften (mit Geschichte, Geografie), weiter Ethik, Religionen, Gemeinschaft (mit Lebenskunde).
Weitere Bereiche umfassen Gestalten, Musik, Bewegung und Sport. Die traditionellen Fächer wie etwa Physik seien nach wie vor in Natur und Technik erkennbar, betonte Brun. In weiteren Referaten stellten sich Robert Rudolph vom Branchenverband Swissmem und Philipp Grolimund, Co-Präsident des Aargauer Schulleiterverbandes, positiv zum LP 21.

Kompetenz setzt Wissen voraus

Dazu kommen neue Fächer, nämlich Berufliche Orientierung, was der Vorbereitung auf den Beruf dient, sowie als Antwort auf die digitale Revolution «Medien und Informatik». Und erstmals, so Brun, gibt es für die Volksschule verpflichtende Inhalte, die auch überprüft werden. Er wehrt sich gegen den Vorwurf, der neue LP verlange ja «bloss» Kompetenzen, wichtig sei aber das vermittelte Wissen. Brun: «Kompetenzen setzen Wissen voraus.»
Politische Bildung, die im geltenden aargauischen Lehrplan nicht enthalten ist, sei im LP 21 verbindlich vorgegeben. Ziele seien etwa, dass die Schüler die Schweizer Demokratie erklären und mit anderen Systemen vergleichen können. Verbindliche Inhalte seien auch Verfassung, Gewaltenteilung, Föderalismus, Direkte Demokratie und weiteres mehr. Brun: «Das ist, verglichen mit dem heutigen Lehrplan, ein Quantensprung».
In der Diskussion betonte Michael Umbricht, Generalsekretär des Departements Bildung, Kultur und Sport, mit dem LP 21 werde die Schule nicht komplett auf den Kopf gestellt, grösstenteils gälten noch dieselben Inhalte. Doch kann man ihn kostenneutral umsetzen?, fragten Freisinnige nach. Dazu meinte Umbricht auch mit Blick auf die aktuelle Spardebatte: «Wir wollen diesen Weg gehen und können den neuen Lehrplan mit den heutigen Mitteln umsetzen.»

Fremdsprache: Chance verpasst

FDP-Grossrätin und Bildungspolitikerin Sabina Freiermuth wünschte sich in der Diskussion vom Departement von Alex Hürzeler mit Blick auf die Abstimmung über die Initiative gegen den LP 21 (vgl. Box) dringend, dass schon vorher über die konkrete Umsetzung im Aargau informiert wird. «Sonst», so Freiermuth, «laufen wir Gefahr, dass die bestehende Unsicherheit zur Annahme der schädlichen Initiative führt. Diese löst jedoch kein Problem, sie schafft nur welche».
FDP-Grossrat Herbert Scholl mahnte, ein wesentlicher Makel des neuen Lehrplans sei, dass sich die Kantone nicht auf eine bestimmte erste Fremdsprache einigen konnten. Da werde wohl der Bund sagen, was gilt. Eine Einigung wäre mit Blick auf die hohe berufliche Mobilität sehr wichtig gewesen, bedauerte Scholl.